Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
An Tagen mit Hörnchen ist später Schluss

Altwarmbüchen An Tagen mit Hörnchen ist später Schluss

Das Handwerk braucht unbedingt Nachwuchs. Ausbildungsberufe, die Jugendliche nicht oft wählen, sind Fleischer und Bäcker. Auch bei Malern und Lackierern bleiben die Azubis fern. Wie vor Ort der Start im Betrieb aber doch gewagt wird, berichten wir exemplarisch aus Burgwedel, Isernhagen und der Wedemark.

Voriger Artikel
Wenn nicht Bürgermeister, was dann?
Nächster Artikel
Das Zentrum soll sich verändern - aber wie?

Anna Grace Püscher hat mit einer Käse-Sahne-Torte zu tun.

Quelle: Kallenbach

Isernhagen. Sie haben sich gemeinsam beworben, und jetzt klingelt für Anna Grace Püscher und Tom Geffert um 2.10 Uhr der Wecker. Die Backstube in der Bäckerei und Konditorei Jasiek wartet auf sie. Das Besondere: Püscher und Geffert wohnen nur ein paar Straßen weiter und sind privat ein Paar. Also drehen sie sich beide oft noch einmal im Bett um, und dann stehen sie doch erst um 3 Uhr auf. Um 3.30 Uhr beginnt die Arbeit im ersten Lehrjahr, um 2.30 Uhr im zweiten und dritten. Der Chef arbeitet bereits ab 1 Uhr, die Gesellen fangen eine Stunde später an.

Morgens um 8.30 Uhr beschichtet Anna Grace gerade den Käse-Sahne-Kuchen, Tom bestreicht die süßen Hörnchen mit Ei. An Tagen mit Hörnchen, sagt er, also montags, mittwochs und freitags, hat er mittags gegen 12 Uhr seine Pflichten erledigt, an den anderen Tagen meist bereits gegen 11 Uhr - für Hörnchen sind besonders viele Arbeitsschritte nötig. Seit 1. August sind die Azubis glücklich mit ihren Ausbildungsplätzen im Bäcker- und Konditorhandwerk direkt vor Ort. Ein dritter Auszubildender im Betrieb hat es da ein bisschen weiter.

Bis Kunden sich vorn im Verkaufsraum ihr Frühstück servieren lassen, hat Anna Grace als Konditorin in spe die Übung mit dem Spritzbeutel hinter sich, hat Zwetschgen entkernt und auf den Teig gelegt und Streusel hergestellt. Naschen erlaubt? „Probieren muss man immer“, sagt Ausbilder Frank-Matthias Neu. Abgeschnittene Kanten von Plattenkuchen sind bei allen Azubis in der Backstube begehrt. Die 18-jährige Anna Grace sieht ihre Taille nicht gefährdet. Am Anfang sei alles interessant, aber „wenn man weiß, wie es schmeckt, verliert sich das“. Jedes Rühren strengt das Handgelenk an, merkt die Auszubildende schnell. Bleche zu tragen, übt sie noch mit kleineren Exemplaren und auch mit beiden Händen. „Die Bäcker tragen die großen Bleche mit einer Hand.“

Bäcker-Azubi Tom knetet und knetet den Teig auf dem Holztisch. „Die Luft muss raus, sonst gibt es Löcher im Brot.“ Täglich lernt der 19-Jährige auch, Teig abzuwiegen und ein Gefühl für die Masse zu bekommen. Tom hatte zuvor eine Lehre im Einzelhandel aufgegeben, verdiente dann mit Paketestapeln gutes Geld - und nun deutlich weniger. „Aber ich habe eine nützliche Ausbildung, da kann man sich selbst etwas herstellen“, freut er sich. Anna Grace hatte 2013 ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kindergarten gemacht. Medien oder Fotografie kamen für die Berufswahl ebenfalls infrage. Aber sie ging ins Handwerk. Für beide Azubis ist die Meisterprüfung nun das gemeinsame Ziel.

Handwerk kann nur mit hoher Qualität punkten

Drei Jahre Durststrecke ohne Bewerber um Ausbildungsplätze liegen hinter der Bäckerei und Konditorei Jasiek – nun sind die drei frisch eingestellten Azubis ein Glücksgriff, sagt Backstubenleiter und Ausbilder Frank-Matthias Neu. Seine Furcht, der alte Handwerksberuf werde aussterben, ist wieder ein wenig fortgeschoben. Auf die Frage, ob die künftigen Bäcker und Konditoren eine Zukunft haben, hat er ein klares Ja parat. Wahrscheinlich aber werden sie in schon bestehenden Betrieben arbeiten. „Eine Neugründung ist eine riesige Investition, und ein Kundenstamm muss aufgebaut werden. Beides ist heute fast unmöglich.“ Es sei ein stressiger Beruf, und „es will keiner mehr früh aufstehen“. Er selbst kennt die Backstube im 1953 von Großvater Franz Jasiek gegründeten Familienbetrieb von klein auf. Mit 23 Jahren hat er seinen Meister gemacht, mit 24 wurde er Backstubenleiter. In seinem Beruf macht dem 33-Jährigen heute alles Spaß: „Man kann seine Kreativität ausleben und fertigt etwas mit den Händen.“ Vor drei Jahren war eine Komplettrenovierung fällig. Der neu eingebaute Backofen ist Frank Neus bevorzugter Bereich, aber auch 42 Jahre alte Maschinen tun noch gute Dienste. Zweieinhalb Tonnen Weizenmehl werden pro Woche verarbeitet. Genauigkeit gilt als wichtigste Voraussetzung für immer gleich gute Qualität. Denn anders als vor etwa zehn Jahren seien die Kunden heute bereit, für Qualität Geld auszugeben, stellt der Bäcker fest. „Die Mentalität ,Geiz ist geil‘ ist passé.“ Das Handwerk könne nur noch mit hoher Qualität punkten.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6xhh7nkxl6xn9osz7qn
Hunderte feiern Peter Maffay im A2-Center

Fotostrecke Isernhagen: Hunderte feiern Peter Maffay im A2-Center