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Großer Gewerbesteuerzahler verlässt Altwarmbüchen

Isernhagen Großer Gewerbesteuerzahler verlässt Altwarmbüchen

Mit Agco Finance hat einer der größten Gewerbesteuerzahler in der Gemeinde Isernhagen am Donnerstag angekündigt, seinen Betrieb zu schließen. Das Entsetzen ist groß.

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Da war noch alles in Ordnung: Bürgermeister Arpad Bogya ( von links), Andreas Körner (Casa Baubetreuung GmbH), Wirtschaftsförderer Michael Frerking und Oliver Vockerodt (Agco) bei der Grundsteinlegung Ende August 2015.

Quelle: Bahl (Archiv)

Isernhagen.  Die Nachricht ist am Donnerstag wie eine Bombe eingeschlagen: Agco Finance, Finanzdienstleister für Landwirtschaftstechnik mit Sitz in Altwarmbüchen, schließt zum 30. April nächsten Jahres. Alle 76 Mitarbeiter haben bereits die Kündigung erhalten, die Gemeinde verliert einen ihrer größten Gewerbesteuerzahler.

Am Donnerstag bestätigte Agco Finance auf HAZ-Anfrage, was tags zuvor im Isernhagener Rathaus noch für ein Gerücht gehalten worden war. Hintergrund der Betriebsschließung ist demnach eine Umstrukturierung auf dem Finanzmarkt: Der deutsche Ableger der global tätigen Finanzierungs- und Leasinggesellschaft De Lage Landen, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der niederländischen Rabobank Group, soll künftig einen neuen Geschäftsbereich Agco Finance erhalten – und zwar am Standort Düsseldorf. „Leider geht damit die Schließung des Betriebes der Agco Finance GmbH in Isernhagen zu Ende April 2018 einher, mit der auch Entlassungen verbunden sind“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Mitarbeiter waren vor zwei Wochen informiert worden. Auf Nachfrage war zu erfahren, dass allen 76, darunter etlichen langjährige Angestellten, mittlerweile gekündigt worden ist. Die Stimmung sei naturgemäß nicht gut, es habe aber lediglich eine Krankmeldung gegeben, hieß es.

Das Unternehmen Agco Finance, das einen Jahresumsatz von gut einer Milliarde Euro macht, hatte nach rund 15 Jahren in Langenhagen seinen Deutschland-Sitz erst zu Pfingsten 2016 nach Altwarmbüchen verlegt. Hauptgrund dafür war der günstigere Gewerbesteuer-Hebesatz in Isernhagen. Zudem sollte der Umzug, so der damalige Agco-Geschäftsführer bei der Grundsteinlegung, „Basis für weiteres Wachstum“ sein. In der Flughafenstadt hatte der Finanzdienstleister zudem bei der Suche nach einem neuen Standort zu wenig Unterstützung seitens der Kommunalverwaltung verspürt. Langenhagens Bürgermeister Mirko Heuer hatte im Nachhinein öffentlich Versäumnisse einräumen müssen.

Isernhagen wiederum hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um dem potenten Gewerbesteuerzahler den Weg nach Altwarmbüchen zu ebnen. Extra für Agco Finance hatte sie das Gewerbegebiet „Nördlich Altwarmbüchener See“ gegenüber des Crendel-Centers aus der Taufe gehoben, die baurechtlichen Voraussetzungen hatte die Politik im Eilverfahren vorgenommen. Die Gemeinde sei stolz darauf, dass sich ein Unternehmen mit diesem Potenzial für den Standort Isernhagen entschieden habe, sagte Bürgermeister Arpad Bogya bei der Grundsteinlegung im August 2015. Das Gebäude hatte ein Investor extra für Agco errichtet und auf zehn Jahre vermietet, nun dürfte die Suche nach einem Untermieter beginnen.

Groß ist nun das Entsetzen im Rathaus. Wirtschaftsförderer Michael Frerking sprach am Donnerstag mit Blick auf die Gewerbesteuer von einem „sehr schmerzlichen Verlust“ und einem „Schlag ins Kontor“. Unbestätigten Quellen zufolge hatte die Gemeinde, die für den Haushalt 2018 aktuell mit einem geplanten Defizit von 4,7 Millionen Euro zu kämpfen hat, pro Jahr rund eine Million Euro Steuereinnahmen erhofft. Mit dem Ausscheiden des langjährigen Geschäftsführers hatte es laut Frerking zuletzt keinen Kontakt mehr zwischen Agco und der Gemeindeverwaltung gegeben.

Für den Wirtschaftsförderer war die Entscheidung für die Ausweisung des Gewerbegebiets an der Hannoverschen Straße, für das der Ansiedlungswunsch von Agco die Initiative gegeben habe, dennoch richtig. Für die attraktive Qualitätsimmobilie werde sich schnell ein Nachmieter finden, ist Frerking überzeugt. Und dabei wolle die Gemeinde gern unterstützen.

Das sagen Politiker zum Agco-Aus

So entsetzt wie der Wirtschaftsförderer reagierten am Donnerstag auch Ratspolitiker auf die Nachricht vom Aus für Agco Finance.

Finanzausschuss-Mitglied Burkhard Kinder (CDU) sprach von einem herben Verlust – vor allem für die gekündigten Mitarbeiter, aber auch für die Gemeinde. Man habe sich genau so einen Betrieb gewünscht, der viel Gewerbesteuer erbringe, gleichzeitig aber wenig Fläche verbrauche und null Emissionen freisetze. Auf dem Finanzmarkt könne man aber schlecht vorhersagen, wer wann wen übernehme oder wo umstrukturiert werde. Mit Blick auf das „1a-Filetgrundstück“ sei ihm aber nicht bange, dass sich dort nicht bald wieder ein großer Betrieb ansiedele.

Entsezt reagierte auch Herbert Löffler (SPD) auf die Nachricht. Für die Mitarbeiter sei der Verlust ihrer Arbeitsplätze schlimm, heftig sei der Verlust aber auch für die Gemeinde. Für sie müsse es nun darum gehen, schnell ein neues Unternehmen zu finden – möglichst bodenständig, mit Verbundenheit zum Ort. Auch Christiane Hinze (FDP) sprach von einem „Schlag ins Kontor für unsere Finanzen“. 

Wenn man nach denen japse, die den niedrigsten Steuersatz suchten, komme das dabei heraus, sagte Fabian Peters (Grüne) und sprach von einer „Kastastrope“. Die nachhaltige Entwicklung von Gewerbeflächen stelle er sich anders vor. Man sei im Hauruck-Verfahren vorgegangen, habe sich bei der Nachbarkommune Langenhagen unbeliebt gemacht, und „jetzt stehen wir doof da“.

Peters’ Fraktionskollege Hans-Jürgen Beck, damals der schärfste Kritiker der Neuausweisung des Gewerbegebiets, forderte am Donnerstag, dass die Gemeinde aus dem Agco-Aus lernen müsse. Aussagen von Unternehmen könne man nicht immer vertrauen –“was heute gesagt wird, kann morgen schon kalter Kaffee sein“. Man müsse die wirklichen Ziele verfolgen, und eines davon sei, dass man „nicht alles in Isernhagen zupflastern“ dürfe. Für das Gewerbegebiet Nördlich Altwarmbüchener See habe man der Natur „ein richtig großes Stück weggenommen“.

Von Frank Walter

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