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Von Wehen-Apps und Helikopter-Müttern

Isernhagen Von Wehen-Apps und Helikopter-Müttern

Vor allem beim ersten Kind sind Hebammen eine wichtige Hilfe – bei Fragen, Sorgen, Unsicherheiten und Problemen stehen sie jungen Familien mit Rat und Tat zur Seite. Seit 20 Jahren ist Christiane Weber in Isernhagen und Burgwedel als Hebamme im Einsatz und weiß genau, was sich in dieser langen Zeit so alles verändert hat.

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Seit 20 Jahren begleitet Hebamme Christiane Weber Babys und ihre Familien vor und nach der Geburt – so auch den drei Monate alten Joris.

Quelle: Carina Bahl

Isernhagen. Sind es 50 Babys durchschnittlich im Jahr? Oder doch eher 25 im Monat? Christiane Weber muss ganz schön überlegen, wie viele Babys sie in Isernhagen und Burgwedel in den vergangenen 20 Jahren begleitet hat – so lang hat sie ihre Praxis in H.B. schon. „Kaum zu glauben“, stellt sie nach kurzer Bedenkzeit fest. „Das müssen wohl echt schon rund 6000 Babys sein.“

Eine Zahl, die beeindruckt, die aber in ihrer Gesamtheit gar keine Rolle für Weber spielt. „Jedes Baby bleibt etwas Besonderes für mich. Ich liebe diesen Beruf und mache ihn aus Leidenschaft“, kommt die 50-Jährige ins Schwärmen. Denn: Jede Familie ist eine neue Herausforderung, bietet eine eigene Konstellation, jedes Kind ist anders, jedes Elternteil nicht weniger. „Da gibt es immer etwas zu erleben“, weiß sie nur zu gut. Und sei es, dass im gut betuchten Isernhagen einmal drei Kinderwagen für nur ein Baby im Flur parken – damit der Sprössling auch farblich passend zum Outfit kutschiert werden kann.

Was sich in den vergangenen 20 Jahren verändert hat, kann Weber kurz und knapp beschreiben: „Viele Frauen haben ihr Bauchgefühl verloren und es durch Google ersetzt.“ Die Natürlichkeit von Schwangerschaft und Geburt, der Mutterinstinkt danach bei der Pflege von Säuglingen – all das weiche viel zu oft dem Drang, jede Unsicherheit über das Internet zu klären, mit dem Ziel, alles planen zu wollen. „Es gibt Wehen-Apps, Still-Apps, es gibt sogar technische Matten, die dem Baby im Kinderwagen einen Spaziergang vorgaukeln“, schildert Weber ihre Erfahrung. Zudem würden über das Internet auch der Mütter-Wettbewerb und die Unsicherheit gefördert. Warum kann mein Kind noch nicht krabbeln? Warum essen andere Babys mehr? Warum ist mein Zwerg noch ohne Zähne? „All diese Fragen braucht es gar nicht, wenn man einfach auf sich selbst vertraut“, sagt Weber. Ihr Tipp für Mütter: „Den Kopf ausschalten.“

Im Kreißsaal steht Weber, die von 1988 bis 1995 Hebamme im Vinzenz-Krankenhaus war, längst nicht mehr. „Es fehlt mir“, gesteht sie. Hausgeburten habe sie aber dennoch nie begleiten wollen. „Im Krankenhaus hatte ich oft genug Situationen, in denen ich froh war, nicht allein zu Hause zu sein.“ Zehn bis zwölf Hausbesuche macht sie heute für die Nachsorge täglich, um Eltern in der Anfangszeit mit ihrem Nachwuchs zu unterstützen. „Die Männer sind heutzutage viel bewusster im Umgang mit ihren Babys“, weiß Weber. „Das macht die Elternzeit, die inzwischen auch fast jeder Papa nimmt.“ Anderes wird sich wohl nie ändern: „Die Frage: Was ziehe ich meinem Kind bloß an?, oder: Verwöhne ich mein Baby, wenn es in meinem Bett schläft?, höre ich heute wie damals eigentlich immer.“

Ein klarer Trend: viele Kinder. „Ich habe Familien, da bin ich schon beim fünften Kind im Einsatz“, erzählt die 50-Jährige und lacht. Die Kinder der Kinder hat sie bisher noch nicht begleitet – „aber ich habe jetzt eine Mutter, die ich selbst damals im Vinzenz entbunden habe“. Generell sein die Frauen heute eher älter, wenn sie Kinder bekämen. Zudem seien es oft die älteren Mütter, die zur „Helikopter-Mutter“ mutieren – sprich: ihr Kind am besten gar nicht aus den Augen lassen. Der Grund? „Diese Mütter haben oft lang auf ihre Kinder gewartet, alles genau vorbereitet. Da soll, wenn sie da sind, auch bloß nichts schief gehen und alles nach Plan laufen.“ Aber auch 15-Jährige hatte Christiane Weber schon in der Betreuung. „Das braucht dann eine intensivere Begleitung, schließlich sind diese Mütter fast selbst noch Kinder.“

Dass Weber tough und stets geradeaus wirkt, weiß sie: „Die Mütter sind meist unsicher genug, da muss ich Sicherheit und Halt vermitteln“, ist sie überzeugt. Sensibilität und Verständnis dürften dabei aber nie auf der Strecke bleiben – und die Toleranz, dass letztlich jede Mutter für sich entscheiden muss, ob sie stillen und wann sie wieder arbeiten möchte. Dass diese Strategie aufgeht, zeigen ihre große Fotowand in der Praxis mit zig Dankeskarten und nicht zuletzt ihr Handy, das nonstop klingelt und piept – Mütter, die sich mit Fragen und Sorgen rund um die Uhr an sie wenden. „Das ist echt schön, aber manch einer schafft den Absprung nicht“, scherzt Weber. „Da werde ich auch noch zu Ohrenschmerzen befragt, wenn der Kleine schon ein Jahr alt ist.“

Die Zeiten, als Mütter mit dem Kind im Haus geblieben sind, seien endgültig vorbei – die modernen „Latte-Macchiato-Muttis“ wollen beschäftigt werden. „Unser Kursprogramm ist immer weiter gewachsen“, beschreibt es Weber. Ob Sport für die Mütter, Förderung für die Babys oder Yoga, Pekip, Hypnose und Co.: „Die Nachfrage ist riesig.“ Dennoch: „Es braucht nach der Geburt erst einmal Zeit zur Regeneration. Dann klappt es hinterher auch mit dem Einstieg in den Alltag leichter.“ Diesen Punkt googeln wohl zu wenige.

Wenn das Internet doch der ständige Berater geworden ist, warum braucht es überhaupt eine Hebamme? Die Antwort hat sich in 20 Jahren nicht geändert: „Planung ist gut, aber hinterher ist eben doch alles anders, als man denkt.“

Von Carina Bahl

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