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Die Hände sind leer, die Füße dreckig

Altwarmbüchen Die Hände sind leer, die Füße dreckig

Mittendrin statt nur dabei: In der Reihe "Heimat hautnah“ schreiben Autoren der Nordhannoverschen Zeitung nicht nur über Veranstaltungen in Isernhagen, sondern sie machen aktiv mit. Jürgen Zimmer hat sich beim Karate versucht.

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Erst wehrt Jürgen Zimmer (links) den Angriff von Braungürtel-Träger Matthias ab, dann darf er selbst zuschlagen – natürlich nur gebremst.

Quelle: Frank Walter

Altwarmbüchen. Von wegen nette Kollegen! "Wir haben hier was für ältere Semester wie dich. Ganz einfache Konzentrationsübungen und so was!“ Zum Glück kann ich das Grinsen in ihren Gesichtern nicht sehen, als ich am Telefon ohne Nachfrage zusage.

Aber dann kommt's raus: Karate! Ich?! Alle möglichen Sportarten habe ich schon gemacht, Tennis, Handball, Badminton, Rudern und noch einige andere – aber doch kein Kampfsport. Von Karate glaube ich zu wissen, dass die Eisenmänner in weißen Kitteln Ziegelsteine und Holzbretter mit der Handkante durchschlagen. Ich brauche meine Hände doch zum Schreiben ...

Nachdem sich die erste Panik gelegt hat, rufe ich bei Gorin-No-Sho Isernhagen an – das bedeutet so viel wie "Die Lehre von den fünf Ringen“ und meint die vier Elemente und den Geist. Ich erfahre, dass die Mitglieder nicht auf Steine und Bretter einkloppen, sondern die Richtung "Wado Ryo" praktizieren. Aha ... und was ist das nun wieder? "Wa" steht für Frieden und Harmonie, "Do" für den Weg im philosophischen Sinne und "Ryo" für Schule. Na, das hört sich doch schon besser an. Den Weg im philosophischen Sinne zu finden, hatte ich mir schon immer einmal vorgenommen – ich bin nur noch nicht dazu gekommen. "Wir sind hier alle ältere Herrschaften", beruhigt mich die Stimme am Telefon. Ich solle doch einfach einmal in die Sporthalle kommen und mich davon überzeugen.

Na gut, dann gehe ich also in die "Kihon", als 71-Jähriger in die Grundschule des Karatesports. Im Umkleideraum der Sporthalle treffe ich Peter, den ersten neuen Sportkameraden – hier duzen sich alle. Gott sei Dank, auch ein Silberrücken, denke ich. Letztlich werden es drei Frauen und fünf Männer, plus Trainer Klaus, schlanke 60 Jahre alt.

Aber warum bleiben alle in der Tür stehen und verbeugen sich? "Das machen wir Karateka so. Wir achten damit die Anwesenden und auch den Raum, der uns aufnimmt", erklärte mir Dorothea, die seit sechs Jahren dabei ist und einen violetten Gürtel tragen darf. Je dunkler die Farbe, desto höher der Rang, erläuterte mir der Braungürtel-Träger Matthias.

Aber was ist das? Meine neuen Sportkameraden fallen auf Kommando auf die Knie. Nicht irgendwie, sondern in einem rituellen Bewegungsablauf. Dann wird geatmet. Bisher hatte ich eigentlich gedacht, ich könnte schon atmen – doch weit gefehlt: In den Bauch nach hinten oben wird richtig geatmet. Und wir finden unsere Mitte – oder das, was ich dafür halte. Nach vielen Minuten und zusätzlichen Dehnübungen im Knien kommt das Kommando zum Aufstehen – also alles in umgekehrter Reihenfolge, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Puh, ist das eine wackelige Angelegenheit.

Man ist sehr höflich beim Karate. Ruft der Trainer – schwarzer Gürtel, dunkler geht’s nicht – jemanden zu sich, um etwas zu demonstrieren, verbeugt der Gegenüber sich erst, bevor er einen Schlag an die Schläfe oder einen Tritt in den Schritt bekommt. Zum Glück nur angedeutet ...

Jetzt wird's langsam anstrengend: Halle hoch und runter, vorwärts, rückwärts, angreifen, abwehren – alles in die Luft, aber in exakten Ausführungen. Und immer den Körper angespannt und weiter in den Bauch hinein atmen. Der Schweiß beginnt zu fließen. Aber nicht nur bei mir, wie ich zufrieden feststelle.
"Vorturner" Klaus ordnet Paare zu. Matthias mit dem braunen Gürtel nimmt sich meiner an. Ich ziele mit der Faust auf sein Gesicht, er wehrt ab und trifft mich mitten auf die Zwölf. Abgebremst natürlich. Trotzdem schlechtes Gefühl. Dann umgekehrt, ich darf abwehren und zurückschlagen. Gutes Gefühl!

Doch echte Karateka hoffen, dass es im Ernstfall gar nicht zum Schlagaustausch kommen muss. Die Frauen sagen unisono, dass sie eine viel bessere Körperhaltung und -spannung durch ihren Sport haben. "Ich habe nicht das Gefühl, ,Opferlamm‘ zu sein", sagt die 52-jährige Marianne – "das macht die Ausstrahlung". Auch Neuling Anke (54) hat bereits nach der ersten Trainingseinheit ein gutes Gefühl, genau wie ich selbst.

Für mich ist Karate ein toller Sport, um Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit zu trainieren. Das hält bis ins Alter fit und schlank, wie der 73-jährige Herbert, Oldie der Gruppe, beweist. Mit Atemübungen, Entspannungstechniken und Meditation wird die Konzentrationsfähigkeit gesteigert und die Körperwahrnehmung geschult. Und vor allem: Es macht Freude, auch wenn bei diesem Barfuß-Sport die Füße dreckig werden. Danke, liebe Kollegen!

Der Autor: Jürgen Zimmer (71) ist freier Mitarbeiter der Nordhannoverschen Zeitung. Er geht regelmäßig ins Fitnessstudio und schiebt sonst beim Boule eine ruhige Kugel.

Karate-Do - Die Kampfkunst ohne Waffen: Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften – so erklärt der Deutsche Karateverband – entwickelten vor etwa 1500 Jahren aus gymnastischen Übungen nach und nach eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung und als Weg der Selbstfindung und -erfahrung. Im Karate-Do spiegelt sich die fernöstliche Philosophie wider. Übersetzt bedeutet "Karate-Do“ so viel wie "der Weg der leeren Hand" – der Karateka ist waffenlos. Das „Kara“ ist aber auch ein ethischer Anspruch. Der Karateka soll sein Inneres von negativen Gedanken und Gefühlen befreien, um stets angemessen handeln zu können.

Menschen ab etwa 50 Jahren, die Karate erlernen möchten, können immer donnerstags um 19 Uhr in bequemer Sportkleidung in den Bewegungsraum der Sporthalle am Helleweg kommen. Im Internet ist der Isernhagener Verein unter gorinnosho.de zu finden.

Von Frank Walter

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