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Urkomisch, provozierend, feinsinnig

Isernhagen Urkomisch, provozierend, feinsinnig

Wenn man Annette Maria Marx heißt, kann man vielleicht Opernsängerin werden, aber nicht den Deutschen Kabarett- und Kleinkunstpreis gewinnen. Dafür muss man sich den Künstlernamen Nessi Tausendschön zulegen, eine Reminiszenz an ihre frühe Lehre als Zierpflanzengärtnerin.

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Zum Schluss im geblümten Partnerlook lässt sich die 53-Jährige noch über Männer im Allgemeinen aus.

Quelle: Zimmer

Isernhagen F.B.. Die in Isernhagen aufgewachsene Künstlerin studierte dann Theater- und Sprachwissenschaften. Bei ihrem Heimspiel am Freitagabend brauchte sie keine Anwärmphase. Die rund 200 Besucher fraßen ihr bei ihrem Programm "Die wunderbare Welt der Amnesie" förmlich aus der Hand. Das machen übrigens auch Politiker solange sie „unten“ sind. „Die sind wie Tauben - wenn sie dann oben sind, scheißen sie uns auf den Kopf“, erkannte Tausendschön.

"Kabarett muss auch wehtun!“, ruft sie ins Publikum und wird stante pete zur Wutbürgerin, die ihr Publikum ob ihres armseligen Privatlebens beschimpft, das es nötig hat, sie voyeuristisch beim Echauffieren zu beobachten und zum Absingen lustiger Lieder zu drängen. „Ich singe aber keine lustigen Lieder“, schreit sie in das Publikum, „ich bin eine Kapazität auf dem Gebiet der depressiven Trauergesänge, ich habe Hits geschrieben wie 'Lebt denn der alte Roland Koch noch'." Übergangslos schlüpft sie in die Rolle einer Heulsuse und beteuert, dass sie „tief im Innern“ alle furchtbar lieb hat.

Und dann bezaubert sie „das beste Publikum, das sie je hatte“ zusammen mit ihrem famosen Gitarristen William Mackenzie mit dem Song "From the forgetting". Darin überbrückt sie gewolltes Textvergessen mit wildem Scat-Gesang. Ob mit Ukulele, singender Säge oder Klöppelspiel: Tausendschön ist unglaublich präsent und hellwach. Welch imposante Rockröhre sie sein kann, demonstriert sie mit Mackenzie zum Schluss hin, nun im geblümten Partnerlook. Und ganz nebenher belächelt sie die Männer im Allgemeinen, weil die Meister des gezielten Vergessens sind. Tausendschön sprüht wie ein Feuerwerk, ist giftig wie eine Kobra. Urkomisch, feinsinnig, frech und skurril spielt sie mit dem Publikum, lobt es über den Klee und provoziert es gnadenlos.

Die einfühlsame Zugabe mit dem zwar schweigsamen, aber ausgezeichneten kanadischen Gitarristen William Mackenzie „Denn Liebe ist das, was bleibt“ gab es nach dem tosenden Applaus. Danke Frau Tausendschön für einen tausendfach schönen Abend.

Von Jürgen Zimmer

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