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Die Walz-Kluft bleibt immer an

Isernhagen Die Walz-Kluft bleibt immer an

Wie einem alten Bild entstiegen sehen sie aus: Zylinder, Weste, Bündel und gewundener Wanderstock. Sieben wandernde Gesellen von den Freien Vogtländern haben am Sonntag der Ausstellung „Von hier nach dort“ im Bauernhausmuseum eine schillernde Facette verliehen.

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Sieben wandernde Gesellen sind zu Gast beim Erzählcafé auf dem Wöhler-Dusche-Hof (großes Bild). Einzig Patrick Lindemann ist nach drei Jahren und einem Tag Wanderschaft sesshaft und hat seinen Sohn dabei.

Quelle: Martin Lauber

Isernhagen N.B.. Während Trendforscher bei jungen Leuten einen wachsenden Hang zur Sesshaftigkeit beobachten, sind sie ohne Auto, ohne Handy und ohne eigene Wohnung. Denn um ihr Zuhause liegt nach den 106 Jahre alten Regeln der Vereinigung der Freien Vogtländer für die Dauer der Walz ein 50-Kilometer-Bannkreis. Walz, das heiße: „Nicht nur im eigenen Betrieb hocken, reisen, klarkommen, das Leben und das Handwerk lernen“, sagt Patrick Lindemann. Die obligatorische Kluft, die im Winter zu kalt und selbst im deutschen Sommer zu warm sei, hat der Zimmermann sogar im Senegal nicht ausgezogen, als er dort drei Monate lang ein Fachwerkhaus für ein Internetcafé aufstellte. Die „Ehrbarkeit“, die goldene Handwerksnadel, blieb auch in Afrika stets im eingeschlagenen Hemdkragen.

Für den mittlerweile sesshaft gewordenen Wahl-Hannoveraner bedeutet die Walz die „drei schönsten Jahre meines Lebens“, zumal er auf der Tippelei seine Frau kennenlernte. Im Erzählcafé hingen mehr als 100 Zuhörer an den Lippen der sieben wandernden Gesellen aus allen Teilen Deutschlands und der Schweiz. Im Bauhauptgewerbe ausgebildet, unter 30 Jahre alt, unverheiratet, schuldenfrei und Gewerkschaftsmitglied müsse man sein – und „keine Luftpumpe“, wie ein Freier Vogtländer aus Sachsen verriet, der gerade einen Schweizer Kollegen begleitet. „Wir schauen uns unsere Gesellen genau an.“

Der Backtag mit Erzählcafé und Volksliedern von einem Ensemble des MGV Concordia wurde am Sonntag unverhofft zum Saisonhöhepunkt im Wöhler-Dusche-Hof. Auch zwei Zeitzeugen einer tatsächlich vergangenen Ära bekamen dort ungeteilte Aufmerksamkeit. Ilse Dauer-Böhm und Richard Masche sind noch selbst mit der legendären Straßenbahnlinie mitgefahren, die als Modell Exponat der laufenden Ausstellung ist.

60 Jahre ist es her, dass sie das letzte Mal durch Isernhagen ratterte. Masche kann die Haltestellen noch eine nach der anderen aufzählen. Als Schüler stand er oft genug hinten auf dem offenen Perron der Straßenbahn. Draußen gab es eine Haltestange, Lederschlaufen drinnen in den Waggons, von denen jeder einen eigenen Schaffner mit Nummer am Kragen hatte. In der Leibnizschule seien die Isernhagener immer geschlossen zu spät gekommen. Dauer-Böhm erinnerte sich an Szenen in der Kriegszeit: Bei Fliegeralarm mussten alle raus aus der Bahn. Zuflucht fand sie in einem Keller an der Podbi. Aber es waren nicht Bomber, sondern ein Sturm, der nach nur 55 Jahren die Ära der Linie 17 beendete: Er traf und zerstörte im August 1956 die elektrische Oberleitung der Straßenbahn, die daraufhin eingestellt wurde.

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Ilse Dauer-Böhm und Richard Masche (Bild links) teilen persönliche Erinnerungen an die Straßenbahnlinie 17, die 1956 eingestellt worden ist.

Quelle: Martin Lauber
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