Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 14 ° Regen

Navigation:
Als der erste Kirchhorster sich niederließ

Kirchhorst Als der erste Kirchhorster sich niederließ

Für Deutschland nichts Besonderes, für Isernhagen aber schon – so lautet die Expertenmeinung zu den Entdeckungen, die Archäologen und Grabungstechniker im Frühjahr 2012 im sandigen Boden nahe des Kirchhorster Sees machten. Doch was wurde aus den rund 3500 Jahre alten Fundstücken? Eine Spurensuche.

Voriger Artikel
Region lässt Kreisstraße erneuern
Nächster Artikel
Irenensee ist Ziel der ADFC-Tour

Die Überreste von Bauten sind oft nur als Verfärbungen erkennbar.

Quelle: ArchaeoFirm Poremba & Kunze GbR

Kirchhorst. Die „Fundchronik Niedersachsen“, herausgegeben vom Verein Archäologische Kommission für Niedersachsen und dem Landesamt für Niedersachsen, ist ein recht nüchtern verfasstes Werk. An zwei Stellen gehen die Autoren dort auf „Kirchhorst, Fundstelle Nummer 10“ ein.

Die Erschließungsarbeiten für das neue Gewerbegebiet Südlich Trennemoor hatten im Jahr 2012 „teilflächige Untersuchungen auf einem schon seit 2010 durch wenige Oberflächenfunde bekannten Fundplatz“ ermöglicht. Was die Grabungen dann allerdings zutage förderten, hatte so niemand erwartet. Auf dem zehn Hektar großen Areal fanden die Fachleute jungbronze- und früheisenzeitliche Siedlungsspuren in Form von Pfostenlöchern sowie ein großes Gräberfeld. Die zwölf Urnengräber, zwei Leichenbrand-Deponierungen und ein Brandschüttungsgrab waren allerdings bis auf wenige Ausnahmen nur noch rudimentär erhalten. Spannender für die Experten und „bis dato einmalig für die Region“ war die Aufdeckung von 31 in Gruppen angelegten Gargruben – flache, wannenförmige Gruben noch unbekannter Funktion mit einer Füllung aus mit Holzkohle, Steingrus, verbranntem Geröll und Asche durchsetztem, teils orange oxidiertem Sand.

Im Folgejahr 2013 stießen die Fachleute zudem im Südwesten des Areals auf einen vollständig erhaltenen Hausgrundriss, 120 Meter vom Bestattungsplatz entfernt. Ein Wandgraben umschloss ein rechteckiges Gebäude von knapp 14 Metern Länge und acht Metern Breite. Eine Phosphat-Analyse ergab zudem, dass es sich bei weiteren Funden einer Baustruktur nicht wie zunächst vermutet um ein Gebäude, sondern um eine Art Zaun oder Mauer gehandelt haben muss.

Für die Kirchhorster Archäologin Christiane Kunze, deren Grabungsfirma Archaeofirm damals die Funde am Kirchhorster See machte und dokumentierte, ist es die Gesamtsituation, die den Reiz der Fundstelle ausmacht. Die Menschen früherer Zeiten hätten sich fruchtbare Böden für ihre Siedlungen gesucht – „aber dort haben wir Sand, da hatte niemand was vermutet“. Möglicherweise hätten die Bewohner des einzelnen Hauses ihren Fehler auch irgendwann eingesehen. Ein solches Holzhaus habe rund 100 Jahre überdauert, „und wir haben keine Anzeichen für irgendwelche Nachfolgebauten entdeckt“.

Wozu die Gargruben mit ihrem steinigen Inhalt gedient hatten, das kann Kunze nur vermuten. Möglicherweise hätten diese bei Bestattungen eine Rolle gespielt. Einige gut erhaltene Urnen samt Leichenbrand, die ihr Team damals in der Nähe fand, könnten darauf hindeuten.

Obwohl so manche Fragezeichen bleiben: „Der Gedanke, dass in den Urnen Menschen bestattet wurden, die vor 3500 Jahren die Kirchhorster Landschaft gesehen haben, ist total faszinierend“, sagt Christiane Kunze, die mit ihrer Familie selbst in Kirchhorst wohnt. Sie fände es deshalb toll, wenn Schautafeln an diesen Teil der Ortsgeschichte erinnern würden, „sie sichtbar werden ließen“ – am liebsten direkt an der Ausgrabungsfläche, auf der sich mittlerweile Firmen wie der Logistiker Intime und der Medizintechniker Bertram angesiedelt haben. „Das Interesse wäre bestimmt groß.“

Davon ist auch Heidrun Lemke überzeugt. Die Grünen-Politikerin hatte Anfang 2015 im Ortsrat sogar die Idee eines Freiluftmuseums aufgebracht, um die prähistorischen Funde in Kirchhorst zu präsentieren. „Ein ähnliches Projekt wie der Wöhler-Dusche-Hof in N.B“ schwebte ihr damals vor. Zweieinhalb Jahre später hat sich Lemke von dieser großen Idee zwar verabschiedet. An einer sichtbaren Erinnerung in Form von Schautafeln – zum Beispiel am Seeufer – hat aber auch sie großes Interesse.

Doch bis auf Weiteres erinnert im Gewerbegebiet Südlich Trennemoor nichts daran, dass dort vor 3500 Jahren Menschen lebten. Die historischen Funde, die noch bei der Region als Denkmalschutzbehörde eingelagert sind, sollen demnächst ins Landesmuseum wechseln – zur „Magazinisierung“, womit sie auch wieder in Kisten oder Regalen verschwinden. Und in der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia beginnt die Geschichte Kirchhorsts immer noch im Jahr 1929, als die einst eigenständigen Dörfern Großhorst, Kirchhorst und Stelle sich zusammenschlossen.

doc6pzzxf2uefo1bgbgrjfs

Bei ihren Grabungen im Gewerbegebiet Südlich Trennemoor waren die Archäologen unter anderem auf Urnen gestoßen.

Quelle: ArchaeoFirm Poremba & Kunze GbR
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6vxet5rfy3r1ijh86339
Mit Herz und Hand(werk) in die Historie

Fotostrecke Isernhagen: Mit Herz und Hand(werk) in die Historie