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Seit 40 Jahren gegen Todesstrafe und Folter

Burgwedel Seit 40 Jahren gegen Todesstrafe und Folter

Seit 1976 treten im Raum Burgwedel/Burgdorf Menschen unter dem Dach von Amnesty International (ai) gegen Menschenrechtsverletzungen, Todesstrafe und Folter ein. Aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der ai-Gruppe 1005 spricht der frühere Landtagspräsident Rolf Wernstedt am 4. Juni in Großburgwedel – wo alles anfing.

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Der vor zehn Jahren eröffnete Pfad der Menschenrechte in der Gemeinde Isernhagen war sogar UNO-Generalsekretär Kofi Annan einen Dankesbrief an die Amnesty-Gruppe 1005 wert.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel/Burgdorf/Isernhagen.. „Man darf sich von der Gründung keine übertriebenen Vorstellungen machen: Man kam zusammen mit dem festen Willen, etwas zu tun“, erinnert sich der Sprachwissenschaftler Otto Ludwig an die „aus heutiger Sicht chaotischen“ Anfänge: „Man bestimmte einen Sprecher und nahm mit der Zentrale von Amnesty Kontakt auf.“

Die Gruppe bekam zunächst die Nummer 5 zugeteilt. Und Ludwig, damals 45 Jahre, wurde als Ältester ihr erster Sprecher. Der spontane, wenn auch nicht langlebige Zulauf zahlreicher Gymnasiasten war Burgwedels CDU-Nachwuchs damals wohl suspekt. Wie kurz nach der Gründung ein Lautsprecherwagen der JU durch seine Straße fuhr, hat Ludwig nicht vergessen: „Da wurden wir in Bausch und Bogen als Kommunisten diffamiert.“

40 Jahre, Zehntausende Appellbriefe, ungezählte Gruppentreffen und Infostände, Mahnwachen, Vorträge, Diskussionsforen, Kampagnen und Gottesdienste später weiß es die Öffentlichkeit rund um Burgdorf und Burgwedel natürlich besser. Die ai-Aktivisten der Gruppe 1005 – selten mehr als ein Dutzend – sind allein einem Ziel verpflichtet: der Einhaltung der Menschenrechte. Im Zentrum steht weiter die konkrete Fallarbeit.

Die „Fälle“ der Gruppe 1005 sind und waren zumeist Systemkritiker, die in ihren Ländern in Ungnade gefallen und ins Gefängnis oder die Psychiatrie gesteckt worden sind: ein russischer Ingenieur, ein äthiopischer Regierungsbeamter, ein äthiopisches Ehepaar und deren Tochter, ein Zeuge Jehovas in Griechenland, ein Geistlicher im Iran. Oft waren mühselige Recherchen schon zur Anbahnung eines ersten Kontakts nötig – in Einzelfällen sogar vor Ort. Auch materiell wurde Opfern politischer Justiz geholfen. Schnelle Erfolge waren und sind eher die Ausnahme.

Ihren Schwerpunkt hat die Gruppe mehr und mehr nach Burgdorf verlagert – mit eindrucksvollen Aktionen wie Lichterketten oder Veranstaltungswochen zum Beispiel über die Todesstrafe. Eine Errungenschaft, zu der sogar UN-Generalsekretär Kofi Annan der Amnesty-Gruppe 1005 gratulierte, ist der 2006 eröffnete, von der zwischenzeitlich verstorbenen Gruppensprecherin Marlis Schlobben-König konzipierte "Pfad der Menschenrechte": Entlang eines im Grünen gelegenen Fuß- und Radweges zwischen der Gartenstadt Lohne und Neuwarmbüchen in der Gemeinde Isernhagen sind 30 Findlinge aufgereiht – auf jedem ist ein Artikel der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen verewigt. "Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten geboren", lautet der erste.

"An der Aufgabe, die individuellen Rechte und Freiheiten stärker ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, daran hat die Amnesty-Gruppe Burgwedel/Burgdorf in den letzten 40 Jahren mitgearbeitet", bilanziert die Gruppensprecherin Erika Büchse bescheiden. Angesichts der Zunahme von Krieg, Hunger und Chaos werden Migrationspolitik, Klimawandel und globale Ressourcenverzehr stärker in den Fokus – auch der Gruppe  1005  – rücken, so prophezeit es der Großburgwedeler ai-Mann Klaus D. Marquardt.

Hochwirksame Intervention: "Urgent Actions"

Eilaktionen, sogenannte Urgent Actions, sind ein effektiver Weg, um akut bedrohten Menschen das Leben zu retten. Sie sind die denkbar schnellste Form der Intervention: Wenn Amnesty von willkürlichen Festnahmen, Morddrohungen, Verschwindenlassen, Folterungen oder bevorstehenden Hinrichtungen erfährt, startet die Organisation eine Urgent Action.

Binnen weniger Stunden tritt dann ein Netzwerk von fast 80 000 Menschen in 85 Ländern – davon 10 000 in Deutschland – in Aktion, die per Fax, E-Mail oder Luftpostbrief an die Behörden der Staaten appellieren, in denen Menschenrechte verletzt werden. Bei den Adressaten gehen Tausende von Appellschreiben aus aller Welt ein. Es ist dieser rasche und massive Protest, der immer wieder Menschenleben schützt. Unzählige Personen – von China bis Chile, von Syrien bis Simbabwe – konnten seit 1973 gerettet werden, seit der ersten Urgent Action. Etwa ein Drittel der Aktionen zog Freilassungen, Hafterleichterungen, die Aufhebung von Todesurteilen, sogar Anklagen gegen die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen nach sich.

Geistlicher sitzt im Iran im Gefängnis

Folter, Dunkelheit, keine angemessene medizinische Betreuung und kein Kontakt zu Familie und Außenwelt: Ajatollah Sayed Boroujerdi, prominenter Gegner der Theokratie im Iran, sitzt seit neun Jahren – mittlerweile todkrank – unter unmenschlichen Haftbedingungen im Gefängnis. Der persische Geistliche ist der aktuelle Fall, für den die Amnesty-Aktivisten aus Burgwedel und Burgdorf seit 2009 gemeinsam mit weiteren ai-Gruppen eine Patenschaft übernommen haben. Dazu gehören Öffentlichkeitsarbeit wie auch das Schreiben von Appellbriefen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. "Ich habe alle Qualen erlitten, meine Gesundheit verloren und keine Hoffnung, mein Leben fortzusetzen", schrieb der politische Gefangene 2015 aus der Haft. Trotzdem: "Unsere Gruppe wird nicht aufhören, auf die unerträglichen Lebensbedingungen Boroujerdis hinzuweisen", sagt Sprecherin Erika Büchse.

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Mahnwache vor dem Burgdorfer Rathaus: Otto Ludwig, der Gründer der ai-Gruppe 1005 (großes Bild, Mitte) und die aktuelle Gruppen-
sprecherin Erika Büchse 
(Zweite von rechts) sind dabei.

Quelle: Archiv
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