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Wertschätzende Kommunikation ist wichtig

Isernhagen Wertschätzende Kommunikation ist wichtig

Kinder- und Jugendpsychiater Lutz-Ulrich Besser hat auf Einladung der Grundschule Altwarmbüchen über Traumata bei Flüchtlingen gesprochen – und 40 Besucher hörten gebannt zu.

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Lutz-Ulrich Besser referiert in der Altwarmbüchener Grundschule über Traumata bei Kindern und Jugendlichen.

Quelle: Jarolim-Vormeier

Isernhagen. Rund 400 Geflüchtete leben derzeit in der Gemeinde Isernhagen. Am Anfang hatte die Unterbringung im Vordergrund gestanden. Nun geht es dem Helfernetzwerk um Praktikumsplätze und Jobs, um Hilfe bei Asylverfahren, aber auch bei der Verarbeitung von Traumata. Ein Thema, mit dem auch Isernhagener Erzieher und Lehrer konfrontiert werden, denn etliche Flüchtlingskinder besuchen Kindergärten und Schulen in der Gemeinde.

„Jetzt verstehe ich es, wenn ein geflüchtetes Kind im Sportunterricht einen Ball fangen soll und dabei in Ohnmacht fällt“, sagte eine Sportlehrerin in der Pause des Vortrags von Lutz-Ulrich Besser. Der Kinder- und Jugendpsychiater referierte in der Grundschule Altwarmbüchen über Traumen bei Einwanderern. Beim Fangen erinnere sich das Kind vermutlich an Bomben, an Schüsse oder an andere schlimme Ereignisse - das müsse sie mehr verinnerlichen, erklärte die Pädagogin.

40 Zuhörer, darunter etliche Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter, verfolgten gebannt den Vortrag des international renomierten Psychiaters aus Neuwarmbüchen. Der 66-Jährige ist Gründer und Leiter des „Zentrums für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen“ (zptn) und auf Traumaforschung spezialisiert.

Vorab erläuterte der Fachmann den Begriff Trauma bei Flüchtlingen: Ein traumatisches Ereignis beginne in der Heimat zumeist mit Krieg und dem Verlust vertrauter Menschen. Weiter auf der Flucht seien die Menschen in Gefahr, würden ausgenutzt und bedroht, seien erschöpft. Dann starte das Leben im neuen Land: ohne Sprachkenntnisse, mit hohen Erwartungen, Ungewissheit, Frustration, Kultur-Schock - und sie warteten, warteten und warteten.

Immer wieder verdeutlichte der Trauma-Experte an praktischen Beispielen, dass traumatisierten Kindern und Jugendlichen klargemacht werden müsse, „ich verstehe deinen Ärger, aber bei uns ist die Situation anders“. Dieses entgegengebrachte Verständnis fasste Besser unter den Begriff „wertschätzende Kommunikation“ zusammen. Diese Bindung sei extrem wichtig.

Er berichtete zum Beispiel über einen Jungen aus Afghanistan, der in einer Wohngruppe in Bayern untergebracht war. Diese Einrichtung sei dazu übergegangen, nicht mehr in der Wohngruppe zu kochen, sondern fertige Mahlzeiten in der Kantine einzunehmen. Der junge Afghane habe das nicht akzeptiert. Er habe sich selbst Spiegeleier braten wollen, einen Wutanfall bekommen und mit Gewalt gedroht. Er selbst habe ihm zu verstehen gegeben, so Besser, dass er dessen Frustration verstehen könne, und damit eine Bindung aufgebaut. „Aber wenn du randalierst, helfe ich dir nicht und rufe die Polizei“, habe er dem Jungen mit der Konsequenz gedroht, dass dieser in sein Heimatland abgeschoben werde.  „Dann war Ruhe“, berichtete der Trauma-Experte. Da sei viel Geduld gefragt.

Karl Runkel, Leiter der örtlichen Grundschule, hatte den Experten nach Altwarmbüchen geholt. Er sei nicht nur Theoretiker, sondern auch Praktiker, lobte der Schulleiter. „Mit verhaltensauffälligen Kindern müssen wir angemessen umgehen. Daran müssen wir uns immer wieder erinnern“, sagte der Schulleiter. Für ihn und seine Kollegen sei der Fachvortrag daher sehr hilfreich gewesen. „13 geflüchtete Kinder besuchen derzeit die Grundschule, und in den kommenden zwei Jahren steigt die Zahl auf 30“, berichtete Runkel. Er wies aber darauf hin, dass auch eine Krebserkrankungen, die Trennung der Eltern oder der Verlust eines engen Angehörigen bei Kindern ebenfalls ein Trauma auslösen könnten – also nicht nur junge Geflüchtete treffe.

„Nach dem Vortrag habe ich mehr Verständnis für Menschen mit Traumata“, sagte Christina Backen von der Beratungsstelle „Grata“ für Flüchtlinge und Migranten des Vereins Caspo aus Altwarmbüchen. Wenn bespielsweise ein Kind aus der Schule abhaue, dürfe man nicht immer falsche Rückschlüsse ziehen. Vielmehr müsse man auch in Betracht ziehen, dass das Fernbleiben von der Schule möglicherweise gar nicht beabsichtigt sei, sondern ein innerer Zwang. „Und ich habe aus dem Vortrag mitgenommen, Menschen, die in Panik sind, zurückzuholen und zu beruhigen“, resümierte Backen.

Von Katerina Jarolim-Vormeier

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