Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Zwischen Blumenzwiebeln und Steuersündern

Isernhagen Zwischen Blumenzwiebeln und Steuersündern

Ehrenämter gibt es viele – aber manche stechen heraus: Der Gärtnermeister Rolf Reinike aus Neuwarmbüchen ist jetzt nach 22 Jahren als ehrenamtlicher Richter am Finanzgericht geehrt und verabschiedet worden. Eine Tätigkeit, von der keiner etwas im Dorf wusste, wie der 57-Jährige betont.

Voriger Artikel
Doch wieder die große Lösung?
Nächster Artikel
Gefälschter Führerschein aus dem Internet

Gärtnermeister Rolf Reinike in seinen zwei Welten: mitten im Gewächshaus und bei seiner Verabschiedung mit dem Präsidenten des Niedersächsischen Finanzgerichts, Hartmut Pust, und der Justizstaatssekretärin Stefanie Otte.

Quelle: Bahl/privat

Neuwarmbüchen. Wenn das Niedersächsische Finanzgericht in Hannover verhandelt, dann geht es immer um das Gleiche: Steuerzahler versus Finanzamt. „Das klingt staubtrocken“, weiß Rolf Reinike nur zu gut. „Aber das ist es nicht: Da erlebt man alles.“ 22 Jahre hat er neben einem weiteren ehrenamtlichen Richter und drei Hauptberuflichen zur Urteilsfindung beigetragen. „Ob die arme Familie oder der Multimillionär: Wir haben sie alle gehabt.“
Ein Gärtnermeister als Richter: Passt das? „Warum nicht?“, meint Reinike. „Auch ich muss meine Buchhaltung machen und Steuern abführen.“ Ein wenig Pragmatismus habe nie geschadet bei den Verhandlungen, die teils bis in die späten Abendstunden dauerten. Die lange Zeit am Finanzgericht habe ihm auch beruflich viel gebracht – schließlich werde man so schnell zum Experten im Steuerrecht. „Eine weiße Weste ist natürlich Pflicht. Wenn man im Clinch mit dem Finanzamt steht, kann man ja nicht objektiv beurteilen.“
Selbst hatte Reinike diesen Ärger aber noch nie, und so nahm er nach eigener Aussage „ganz naiv“ mit 35 Jahren das Ehrenamt an, für das ihn der Landesverband für Gartenbau vorgeschlagen hatte. Seinen Nachbarn hat er von diesem besonderen Hobby nie erzählt: „Das wusste wirklich keiner“, überlegt er und lacht.
Das erste Mal auf der Richterbank – das war aufregend. „Nur gucken, bloß nichts sagen oder fragen“, erinnert er sich. Mehr als 200 Verhandlungen später sieht das anders aus: „Das Wissen und das Selbstbewusstsein wachsen“, erzählt der Gärtnermeister. „Da traut man sich dann auch, wie die Berufsrichter zu fragen und eine eigene Meinung zu haben.“ Wem am Ende Recht gegeben wird, das entscheidet der Senat der fünf Richter hinter verschlossenen Türen im Beratungszimmer. „Da ging es oft heiß her bei den Diskussionen“, gibt Reinike einen kleinen Einblick. Konsensentscheidungen seien stets das Ziel: „Da wird so lange argumentiert, bis alle überzeugt sind.“ Und manchmal habe auch der ehrenamtliche Richter die besseren Argumente gehabt.
Ein Laie als Richter, das sieht Reinike durchaus als Bereicherung für das Rechtssystem an: „Wir Ehrenamtlichen kommen mitten aus dem Leben und können andere Erfahrungen einbringen.“ Die richterliche Robe, die er sich dafür durchaus hätte überstreifen dürfen, hat der 57-Jährige allerdings stets am Haken hängen gelassen. „Ich finde, das steht den Hauptamtlichen zu. Ich kam grundsätzlich in Zivil in den Saal.“ Anders bei ehrenamtlichen Kollegen: „Wenn jemand kurzfristig einspringen musste, kam auch schon einmal jemand in der Werkstattklamotte ins Gericht. Der zog natürlich die Robe an.“
Details zu den schönsten und skurrilsten Verhandlungen darf Reinike – so will es der Verschwiegensheitseid – nicht preisgeben. Aber das verschmitzte Lächeln bei der Frage nach kleinen Anekdoten macht klar: Da gab es einiges.
Und wer hatte meistens Recht? „Schwer zu sagen. Generell erlebt man immer viel Sturheit“, betont Reinike. Mal sei es der Sachbearbeiter aus dem Finanzamt, der partout kein Einsehen haben wolle. Mal treffe das auf den Steuerzahler zu – „und wenn es mal ein ganz Reicher war, der unbedingt wertvolle Gemälde absetzen wollte“. Mitleid auf der einen Seite – Schadenfreude auf der anderen: „Neutral zu sein, ist nicht einfach, aber das habe ich eigentlich immer geschafft“, überlegt der scheidende Richter. Ein wenig hilft dabei auch die Justiz: Einen Nachbarn konnte Reinike nie im Gerichtssaal treffen – „ich habe meist die Fälle von der Küste verhandelt.“ Neuwarmbüchener würden es wahrscheinlich mit einem ehrenamtlichen Richter aus Wilhelmshaven zu tun bekommen.
Und was steht nach zwei Jahrzehnten unter dem Strich? „Oft hilft ein Blick ins Gesetz, und dann hätte es nicht zur teuren Klage kommen müssen“, bilanziert Reinike. Sein Tipp: „Erst einmal versuchen, sich gütig zu einigen und sich gut beraten lassen.“ Im Finanzgericht sei der Steuerberater derweil oft der bessere Anwalt.
Jetzt macht der Gärtnermeister gern Platz für die jüngere Generation – und kann sich wieder ganz seinen Pflanzen widmen. „Aber es war eine schöne Zeit“, betont er. „Ich habe an jedem Verhandlungstag etwas dazugelernt“ – steuerrechtlich wie menschlich.

doc6rsca2nmzc8173ego2c7

Gärtnermeister Rolf Reinike in seinen zwei Welten: mitten im Gewächshaus und bei seiner Verabschiedung mit dem Präsidenten des Niedersächsischen Finanzgerichts, Hartmut Pust, und der Justizstaatssekretärin Stefanie Otte.

Quelle: Bahl/privat

Von Carina Bahl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6sm6e19282awue1xchg
Wo ist der Hydrant? App weist den Weg

Fotostrecke Isernhagen: Wo ist der Hydrant? App weist den Weg