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Aldi-Einsturz ist kein Einzelfall

Grasdorf Aldi-Einsturz ist kein Einzelfall

Wie kann es sein, dass ein Supermarkt ohne erkennbare äußere Ursache einstürzt? Die Gründe für den Vorfall beim Grasdorfer Aldi-Markt liegen immer noch im Dunkeln. Tatsächlich ist der Einsturz kein Einzelfall: Schon in den vergegangenen Jahren gab es ähnliche Fälle. Wurde am falschen Ende gespart?

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Am 22. Juli 2009 stürzte das Dach des Rewe-Markts im brandenburgischen Falkensee ein. Wie in Grasdorf knickte das Dach im mittleren Bereich weg. In der Folge ließen viele Marktbetreiber ihre Dächer untersuchen - auch Aldi.

Quelle: Nestor Bachmann

Grasdorf. Es war reiner Zufall, dass keine Menschen verletzt wurden. Das Satteldach des Supermarkts brach 20 Minuten nach Geschäftsschluss ein, so dass sich weder Kunden noch Personal im Verkaufsraum befanden. Der Zusammenbruch erfolgte völlig unvermittelt: Einflüsse wie Sturm, Schnee oder Feuer gab es nicht. Gutachter untersuchten in der Folge die Ursachen, auch die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Der Marktbetreiber kündigte kurze Zeit später an, auch andere Märkte dieser Bauart überprüfen zu wollen, insgesamt knapp 1700 Gebäude.

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Fotostrecke Laatzen: Aldi-Einsturz ist kein Einzelfall

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Passiert ist die Beinahe-Katastrophe vor acht Jahren, am 28. Juli 2009 im brandenburgischen Falkensee bei Berlin. Betroffen war damals nicht ein Aldi-, sondern ein Rewe-Markt. Die Abläufe sind denen in Grasdorf vor knapp zwei Wochen aber so frappierend ähnlich, dass Experten unvermittelt an den früheren Vorfall dachten. Zumal beide Hallen ähnlich – nämlich in Form von sogenannten Nagelplattenbindern – konstruiert sind.

Der Einsturz des Dachs von Falkensee ist der wohl bekannteste der vergangenen Jahre – aber nicht der einzige. Am 21. April 2004 etwa brach das Dach eines Kaufland-Markts in Bückeburg in Teilen zusammen. Im Gegensatz zu Falkensee und Grasdorf waren diesmal rund 40 Kunden und 20 Mitarbeiter im Markt. Ihr Glück: Die dicht in Reihen stehenden, hohen Verkaufsregale bremsten die Wucht der niederprasselnden Holzkonstruktion fast komplett, so dass sich niemand verletzte.

Zählt man die Fälle mit Einwirkung von Feuer dazu, summieren sich die Einstürze weiter: Das Institut der Feuerwehr in Nordrhein-Westfalen kommt in einer Auflistung – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – auf 28 Vorfälle zwischen 2000 und 2009, einige davon in der Region Hannover: 2005 gerieten ein Lidl-Markt in Hannover und ein Jawoll-Markt in Barsinghausen in Brand, 2007 ein Getränkemarkt in Lehrte.

Während die gutachterliche Untersuchung beim Grasdorfer Aldi-Markt noch andauert, sind die vergangenen Fälle weitgehend geklärt. Wegen des Vorfalls in Bückeburger wurde später ein Subunternehmer verurteilt, weil er Teile der Dachkonstruktion so fehlerhaft verändert habe, dass dies zum Einsturz führte. In Falkensee kamen die Gutachter zum Schluss, dass sowohl bei der Planung als auch bei der Ausführung die Konstruktion aus Nagelplattenbindern nicht ausreichend ausgesteift war und deshalb instabil wurde.

Nagelplattenbinder gelten als wirtschaftlich effiziente, aber auch riskante Form der Dachkonstruktion. „Sie kommen mit sehr wenig Holz aus und können damit trotzdem große Spannweiten überbrücken“, sagt Leif Arne Peterson, Professor für Holzbau und Bauphysik an der Fachhochschule Aachen und früherer Mitarbeiter der Uni Hannover. Heraus kommen extrem schlanke Konstruktionen – mit Fachwerkelementen, die manchmal nur wenige Zentimeter dick sind. Zwar sei dies statisch sicher berechenbar, sagt Peterson. „Das Problem entsteht, wenn die ausführenden Gewerke nicht die Komplexität der statischen Berechnungen durchblickt haben.“ Mit anderen Worten: Lassen Dachdecker und Zimmerleute aus Unkenntnis Teile der Konstruktion weg oder werden später Veränderungen vorgenommen, kann dies die gesamte Statik gefährden.

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Fotostrecke Laatzen: Nach Aldi-Einsturz: Staatsanwaltschaft ermittelt

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Gerade nachträgliche Einbauten werden so zum Risiko. „Bei Inbetriebnahme ist noch alles in Ordnung und kann auch Jahrzehnte so bleiben“, sagt Manfred Tiedemann, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Prüfingenieure (BVPI). Ein Problem könne aber entstehen, wenn der Betreiber etwas nachrüsten lässt – etwa ein Kühlgerät über der Fleischtheke. Selbst wenn die zusätzliche Last korrekt berechnet werde: „Wenn ein Monteur kurz vor Feierabend zwischen die Dachbinder steigt und entdeckt, dass er an einer engen Stelle nicht durchkommt und eine Säge in der Tasche hat, schneidet er vielleicht ein Teil weg, ohne zu ahnen, was er damit anrichtet.“ Der Verband setze sich deshalb schon seit längerem dafür ein, dass bei jeder Veränderung oder Ergänzung des Tragwerks ein Fachmann anwesend sein muss.

Die BVPI plädiert zudem für robustere Bauweisen, die den Ausfall eines einzelnen Bauteils kompensieren können. „Die Sicherheiten nähern sich einem Grenzwert. Wenn dann noch außergewöhnliche Ereignisse dazukommen, haben wir einen Mikado-Effekt: Dann bricht ein Teil weg und wir haben eine Kettenreaktion“, sagt Tiedemann. Um das zu verhindern, hat die BVPI 2013 neue Empfehlungen herausgegeben, die genau diese Robustheit vorsehen. „Das Thema ist in den Köpfen der Planer angekommen“, glaubt der Mannheimer Prüfingenieur und BVPI-Präsidiumsbeirat Axel Bißwurm. Die Vorgaben seien zwar nicht verpflichtend, dürften aber wohl als anerkannte Regel der Technik vor Gericht eine Rolle spielen – mit entsprechenden Konsequenzen für die Planer und die Ausführenden in Schadensfällen.

Die neuen Empfehlungen  (Technische Mitteilungen unter bvpi.de) waren auch ein Ergebnis der Untersuchungen nach dem Falkensee-Vorfall: Der Einsturz hat damals viele Marktbetreiber dazu veranlasst, ihre Dächer genau unter die Lupe zu nehmen. „Vielerorts wurden erhebliche Konstruktions- und Ausführungsmängel festgestellt, die in vielen Fällen zur sofortigen Sperrung von Bauwerken geführt haben“, stellte Bißwurm bereits 2011 bei einer Arbeitstagung zum Thema fest. Hauptgründe seien ungenügende Ausführungsunterlagen und ungeschultes Personal auf der Baustelle gewesen. „Anstatt zu versuchen, die Problematik durch verbesserte Unterlagen und Schulung des Baustellenpersonals zu verbessern, setzt die Industrie auf neue komplizierte Berechnungsmethoden, die zu noch wirtschaftlicheren, damit auch anfälligeren Konstruktionen führen“, kritisiert Bißwurm.

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Fotostrecke Laatzen: Gutachter soll eingestürzten Aldi-Markt untersuchen

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Auch Aldi Nord hatte zwischen 2010 und 2015 alle Märkte mit Satteldach einer Dachsanierung unterzogen. Seither würden alle Märkte jährlich überprüft, gab das Unternehmen unlängst bekannt. Ein Vorgehen, das sich Bißwurm auch für andere Gebäudetypen wünschen würde: „Wir gehen alle zwei Jahre mit unserem Auto zum TÜV, aber unsere Häuser schauen wir nicht an.“ Bei den neueren Aldi-Märkten besteht das Problem der Nagelplattenbinder nicht mehr: Seit 2004 baut das Unternehmen ausschließlich Gebäude mit Flachdach – so wie beispielsweise auch beim 2015 eröffneten Neubau in Rethen.

Muss man sich also beim nächsten Supermarkt-Besuch Sorgen machen, dass es von oben knirscht? Anlass zur Panik besteht nicht, meint FH-Professor Peterson: Die allermeisten dieser Konstruktionen in Deutschland würden sicher geplant und ausgeführt. „Sicher bleibt es statistisch gefährlicher Auto zu fahren, als ein solches Gebäude zu betreten.“

Was sind Nagelplattenbinder?

Der Dachstuhl des Grasdorfer Aldi-Markts besteht – wie bundesweit Tausende andere Märkte auch – aus sogenannten Dachbindern. Die dreieckigen Konstruktionen werden in kurzen Abständen hintereinander gesetzt und überspannen so die Schmalseite des Verkaufsraums. Die Knotenpunkte der verbauten Holzstreben werden in vielen Märkten von Nagelplatten zusammengehalten – Metallplatten mit nagelförmigen Ausstanzungen, die von beiden Seiten an die Holzstreben gepresst werden, um sie kraftschlüssig zusammen zu halten. „Die Nagelplatten ermöglichen es, Verbindungen auf sehr engem Raum mit sehr schlanken Holzquerschnitten auszuführen“, sagt Leif Arne Peterson von der FH Aachen. „Das spiegelt sich in schlanken Holzbauteilen wider, die aber stabilitätsgefährdet sind, wenn die Aussteifung mangelhaft ist.“ jd

"Fire and forget": Gebäude stürzen binnen kürzester Zeit ein

Ins Gerede gekommen sind Bauten mit Nagelplattenbindern insbesondere bei Feuerwehren. „Beim Versagen eines Nagelplattenbinders ist keine Lastumlagerung möglich. Das heißt, es folgt fast immer der Totaleinsturz“, fasst das Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen die Situation zusammen. Die Feuerwehr könne dies kaum verhindern: Breche im Dach Feuer aus, folge der Einsturz in den meisten Fällen in weniger als 20 Minuten. „Fire and forget“, heißt denn auch unter Feuerwehrleuten die Devise: „Wenn bei solchen Gebäuden Feuer im Dachbereich ausbricht, kann man nicht ruhigen Gewissens einen Innenangriff machen“, sagt Laatzens Stadtbrandmeister Sebastian Osterwald. Die Einsatzkräfte seien entsprechend sensibilisiert. Beim Einsturz in Grasdorf seien die Helfer nur deshalb – dicht an den Außenmauern entlang – ins Gebäude gegangen, weil kein Feuer loderte und noch unklar war, ob jemand vermisst wird. „Dann kam es zum Nachrutschen, so dass wir schnell herausgegangen sind“, sagt Osterwald.

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