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„Ich weiß, dass alles klappen wird“

Alt-Laatzen „Ich weiß, dass alles klappen wird“

Alfred Blume hat alle Hände voll zu tun: Als Leiter der Technischen Einsatzleitung betreut er die Ankunft der Flüchtlinge am Messebahnhof in Alt-Laatzen. Im Interview erzählt er, warum er den Zügen optimistisch entgegenblickt – und Schlaf für ihn nicht so wichtig ist.

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Einsatzleiter Alfred Blume hat zurzeit am Messebahnhof Alt-Laatzen alle Hände voll zu tun.

Quelle: Tobias Lehmann

Laatzen. Schlaf bekommt er in diesen Tagen nicht viel. Doch den braucht Alfred Blume (61) nach eigener Aussage auch nicht, wenn ein Einsatz zu bewältigen ist. Blume ist Leiter der Technischen Einsatzleitung, die zurzeit die Ankunft der Flüchtlinge am Messebahnhof in Alt-Laatzen betreut. Im Interview erzählt er von dem Ablauf seines Arbeitstages, den vielen Helfern vor Ort und vom Umgang mit der psychischen Belastung.

Wann hat Ihr Arbeitstag heute begonnen?

Ich habe gegen 3 Uhr die ersten Anrufe mit den Leitern der einzelnen Teams geführt. Wenn alles reibungslos ablaufen soll, müssen wir alle frühzeitig wissen, ob es irgendwo hakt.

Es ist bereits der vierte Zug, der in Laatzen eintrifft. Zuvor haben Sie die Ankunft der Flüchtlinge auch schon am Bahnhof in Lehrte betreut. Brauchen Sie gar keinen Schlaf?

Die Frage stellt sich nicht. Wenn es einen Einsatz gibt, müssen wir den erledigen. Ich bin auch Ortsbrandmeister der freiwilligen Feuerwehr in meinem Heimatort Seelze. Da ist es genauso. Wenn es brennt, stehen wir auf.

Sind Sie in den Stunden, kurz bevor der Zug mit den Flüchtlingen eintrifft, noch aufgeregt?

Nein, ich weiß, das alles klappen wird. Wir arbeiten in diesem Team seit 30 Jahren zusammen. Wir waren unter anderem beim Zugunglück in Eschede und beim Hochwasser an der Oder in den Neunzigerjahren dabei. Wir können uns aufeinander verlassen. Die von uns entwickelten Modelle zur Bewältigung von Katastrophen lassen sich im Grunde auf jede Aufgabe, für die wir zuständig sind, anwenden. Überraschungen sind da nicht mehr zu erwarten. Das ist auch wichtig. Ich will, dass jede Helferin und jeder Helfer nach einem Einsatz gesund wieder nach Hause zurückkehrt.

Der siebte Flüchtlingszug ist am Messebahnhof Laatzen mit 461 Flüchtlingen angekommen.

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Ist der Bahnhof in Alt-Laatzen zur Ankunft und Verteilung der Flüchtlinge gut geeignet?

Er ist optimal. Wir haben ein Dach über dem Kopf, und er ist sogar beheizt. In Lehrte waren wir noch mit einer mobilen Einheit vor Ort und haben von Zelten aus gearbeitet. Als der erste Zug in Laatzen ankam, hatten wir die auch noch dabei, da wir die Bedingungen hier noch nicht kannten. Doch jetzt können wir darauf verzichten.

Welche Institutionen sind hier am Messebahnhof in Laatzen dabei?

Zahlreiche. Neben der Technischen Einsatzleitung sind es unter anderem Vertreter vom Deutschen Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk, der Johanniter- Unfall-Hilfe, des Allgemeinen Sozialen Dienstes und der freiwilligen Feuerwehren, deren Einsatz ich besonders loben möchte. Dazu kommen Kontaktbeamte der Landes- und Bundespolizei sowie Verbindungsoffiziere der Bundeswehr. Zudem sind auch zahlreiche Vertreter der Region Hannover hier, in deren Auftrag wir handeln.

Wie ist das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen?

Es sind rund 100 Helfer im Einsatz. Davon sind ein Drittel hauptamtlich und zwei Drittel ehrenamtlich.

Wie sieht der konkrete Ablauf eines Tages wie heute aus?

Zunächst gibt es so gegen 5.30 Uhr eine Dienstbesprechung. Wir klären Fragen zur Verpflegung und teilen einzelne Teams den jeweiligen Waggons mit den Flüchtlingen zu. Dann werden die unterschiedlichen Dolmetscherinnen und Dolmetscher gebrieft. Bevor die Flüchtlinge ihre Wagen verlassen, gehen die Dolmetscher hinein und geben den organisatorischen Ablauf bekannt. Nicht zuletzt ist dann auch das regelmäßige Informieren der Medienvertreter ein Teil unserer Aufgabe.

Wie lange dauert es etwa, bis die 450 bis 500 Flüchtlinge vom Zug in die Busse umgestiegen sind?

Rund eine Stunde. Das hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Manche brauchen medizinische Hilfe, die sie von unseren Rettungssanitätern und Ärzten auch bekommen.

Sind die Flüchtlinge den Helfern gegenüber eher aufgeschlossen oder zurückhaltend?

Das ist unterschiedlich. Wenn wir zum Beispiel sehen, dass jemand medizinische Hilfe benötigt, sprechen wir ihn auch direkt an. Die Vertreter der Bundeswehr halten sich meist im Hintergrund, da einige Flüchtlinge auf Uniformen aufgrund ihrer Erfahrungen ängstlich reagieren.

Wie kommen Sie mit dieser ­sicher auch psychisch sehr belastenden Arbeit zurecht? Gibt es auch eine Betreuung für die Betreuer?

Wir haben alle verschiedenen Schulungen durchlaufen, die uns auf Aufgaben dieser Art vorbereiten. Letztlich ist es eine Aufgabe, die möglichst emotionslos erledigt werden sollte, auch wenn wir es hier mit Menschen zu tun haben, die einiges durchgemacht haben. Wir können nicht die Leiden der gesamten Welt heilen, aber dort, wo wir helfen können, helfen wir.

Und wenn doch einmal jemand von den Helfern zusammenbricht?

Wir haben das bereits angesprochene sehr gute Team, das uns Halt gibt. Außerdem sind Seelsorger vor Ort, die sich eigentlich um die Flüchtlinge oder wie in Eschede um die Opfer des Unglücks kümmern sollen. Doch sie sind natürlich auch für uns da, wenn es nötig ist. In der Regel ist das aber nicht der Fall.

Das zeigt auch die Stimmung hier, die neben sachlicher Professionalität zugleich auch relativ locker und gelöst ist.

Ja, das stimmt. Es ist auch wichtig, dass trotz der belastenden Arbeit der Humor nicht komplett verloren geht.

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