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Flüchtlingshelfer: "Wir sind wie eine Familie"

Ingeln-Oesselse Flüchtlingshelfer: "Wir sind wie eine Familie"

Die erste Adresse für Flüchtlinge in Ingeln-Oesselse ist eine ehemalige Unterkunft für Montagearbeiter an der Rotdornallee. Das zweigeschossige Gebäude mit den angelaufenen weißen Platten und dem „Sleep inn“-Schild über der Eingangstür hat allerdings seine besten Tage hinter sich.

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Die Helfer des Flüchtlingsnetzwerks in Laatzen bieten vielfältige und regelmäßige Unterstützung in der Unterkunft an der Rotdornallee an. Rechts ist Renate Lochte zu sehen und daneben Christine Rupp.

Quelle: Astrid Köhler

Ingeln-Oesselse. Die Stadt hatte es im Frühling 2015, zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle, gemietet. Mit bis zu 40 Plätzen gehört das Gebäude zu den eher mittelgroßen Sammelunterkünften in Laatzen. Um den Flüchtlingen das Ankommen zu erleichtern und sie auf ihrem weiteren Weg zu unterstützen, haben Bürger schon früh ein Netzwerk gebildet. In den vergangenen zwei Jahren haben sie ein breites Netz an Hilfen etabliert wie Spendensammlungen, Freizeitangebote, Einzelbetreuungen, Deutschunterricht und eine Fahrradwerkstatt.

Viele Flüchtlinge, die die Unterkunft erstmals sähen, seien oft zunächst enttäuscht, erzählt die vorrangig für Patenschaften und Betreuungen zuständige Barbara Tenbruck-Nau. Auch die Helfer lässt das Erscheinungsbild des Hauses mit größtenteils alten Möbeln, Flecken und Löchern an Wänden und Böden nicht kalt. „Ich schäme mich manchmal, wenn wir die Leute in Empfang nehmen“, berichtet Christine Rupp, die sich deshalb auch schon an die Stadt gewandt hat. Immerhin: Wenn die Flüchtlinge erst einmal die Hilfsbereitschaft der Leute im Ort bemerkten, sei die Enttäuschung über die Unterkunft nicht mehr ganz so groß.

Nahezu jeden Tag sind einige der insgesamt etwa rund 20 aktiven Helfer an der Rotdornallee, um nach dem Rechten zu sehen und Unterstützung anzubieten. Zwar gibt es auch Flüchtlingssozialarbeiterinnen, die dort - wie die Helfer betonen - „sehr gute Arbeit“ leisteten. Und dennoch: Wegen des begrenzten Stundenkontinents können die Sozialarbeiter nur an zwei Tagen in der Woche in Ingeln-Oesselse sein, die Flüchtlinge aber sind Tag für Tag nahezu 24 Stunden da.

Regelmäßig bieten Helfer Sprachunterricht für die Bewohner an. Deren Bildungshintergrund und die Sprachkenntnisse sind alles andere als einheitlich - eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten. Für die Kinder organisieren die Helfer besondere Aktionen, Bastelangebote und Ausflüge zum Spielplatz. Die Verständigung dort erfolgt ebenfalls häufig „mit Händen und Füßen“.

Ein weiteres Angebot ist das Spendenlager im Haus. Dort erhalten die Bewohner Kleidung, aber auch kleinere Haushaltsgegenstände sowie Geschirr und Töpfe. Alle zwei Wochen mittwochs öffnet die Fahrradwerkstatt. In der Garage direkt neben der Unterkunft werden auch unter Mitwirkung von Flüchtlingen alte Fahrräder instand gesetzt und nach Probefahrten zusammen mit einem Fahrradpass an Bedürftige ausgegeben. Im Laufe der Zeit wurden bereits 80 bis 90 Fahrräder repariert und verteilt, schätzt Andreas Lochte, der das Projekt maßgeblich neben seiner sonstigen Arbeit organisiert.

Für Arthur Rupp hat alles mal mit „3 bis 4 Stunden pro Woche“ angefangen. So viel Zeit meinte er für die Flüchtlingshilfe leisten zu können. Mittlerweile sei daraus fast ein Vollzeitjob geworden. „Ich werde auch spätabends angerufen“, so Rupp. Denn Hilfe wird fast immer benötigt: fürs Übersetzen von amtlichen Briefen, bei Behördengängen, bei Fragen und für Tipps oder auch schlicht und einfach in Notfällen. Als sich eines Abends in der Rotdornallee ein zweijähriges Kind bei einem Sturz verletzte, rief die Mutter in ihrer Aufregung sofort bei denen an, die sie kannte und denen sie vertraute: bei den Flüchtlingshelfern. Diese begleiteten Mutter und Kind ins Krankenhaus. Auch in einem anderen Fall, in dem ein schwer krankes Kind dringend Unterstützung benötigte, überlegten die Helfer nicht lange, sondern kamen schnell.

Die Kinder der Rotdornallee liegen allen generell am Herzen. Für sie haben Helfer und Bewohner erst vor Kurzem eine Sandkiste aus alten, gespendeten Terrassendielen im Garten gebaut. Auf diese Weise müssten die Kinder nicht erst zum weiter entfernten Spielplatz geführt und begleitet werden, um im Sand zu buddeln - eine Erleichterung für Eltern, Helfer und Kinder.

Die Dankbarkeit, die von den Flüchtlingen zurückkomme, sei generell sehr groß, sagen die Helfer. Das erfahren sie bei nahezu jedem Besuch in der Rotdornallee. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ihnen die Bewohner nicht verschiedene Speisen bringen oder sie zum Essen eingeladen würden.

Es gibt aber auch die anderen Momente, in denen sich die Helfer ermüdet fühlen von Debatten um Zuständigkeiten und Formalitäten. Arthur Rupp berichtet von einem Fall, in dem eine Familie endlich die gewünschte Wohnung bekam, allerdings in einer Kommune außerhalb der Region Hannover. Nicht nur habe das unerwartete Probleme beim Weiterleiten von behördlichen Unterlagen hervorgerufen, die letztlich dazu führten, dass die Familie und die Helfer längere Fahrten auf sich nehmen und alle Unterlagen noch einmal ausfüllen mussten. Auch sei nach zehn Wochen noch immer nicht klar gewesen, welche Stelle die Kosten für die Erstausstattung übernehmen würde. Nur weil das Netzwerk Betten organisierte, sei verhindert worden, dass die Familie auf dem Boden schlafen musste. So viel Spaß die Arbeit auch sonst mache, sagt Rupp: „Dieser Kleinkrieg mit und zwischen Behörden nervt und demotiviert.“

Was den Ehrenamtlichen dann hilft, ist der Austausch und die Unterstützung in der Gruppe. „Wir helfen uns gegenseitig“, betont Renate Lochte. Bei dem festen Kern von rund 20 Helfern könne sich „einer auf den anderen verlassen“. Die gemeinsame Aufgabe stärkt aber nicht nur die Helfer allein, sondern mitunter auch das sehr persönliche Verhältnis zu den Zuflucht Suchenden. Am Ende fühlt es sich dann so an: „Wie in einer Familie“.

Spenden und Hilfen gesucht

Für ihre Arbeit in der Rotdornallee suchen die Helfer des Füchtlingsnetzwerks noch weitere Mitstreiter - speziell für die Fahrradwerkstatt, die alle zwei Wochen mittwochs von 16 bis 18 Uhr öffnet. Das nächste Mal ist am Mittwoch, 19. Juli. Ebenfalls benötigt werden Sachspenden wie Fahrräder, besonders Kinderfahrräder, Töpfe, Pfannen, Wasserkocher und Besteck sowie Fahrradflickzeug und Sandkastenspielzeug. Wegen der Abgabe von Spenden ist Christine Rupp erreichbar unter Telefon (0 51 02) 90 92 94. Wer sich bei der Fahrradwerkstatt einbringen will, kann das Ehepaar Renate und Andreas Lochte anrufen unter Telefon (05102) 5002.

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Von Astrid Köhler

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