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Grasdorf ist nachweislich 300 Jahre älter

Grasdorf Grasdorf ist nachweislich 300 Jahre älter

Grasdorf ist über Nacht etwa 300 Jahre älter geworden - zumindest von den Befunden her: Bei Bauarbeiten an der Straße Am Thie wurden jetzt Tonscherben und Reste eines Grubenhauses aus dem 9. oder 10. Jahrhundert entdeckt. Der bislang älteste Nachweis einer festen Siedlung stammt aus dem Jahr 1236.

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Bei Erdarbeiten sind die Tonscherben und Reste eines Grubenhauses gefunden worden. Inzwischen haben die Arbeiten an der Sole des geplanten Einfamilienhauses begonnen.

Quelle: Dorndorf

Grasdorf. Dass der alte Grasdorfer Ortkern archäologisch Wertvolles birgt, liegt aufgrund der Ortslage oberhalb der Leine nahe. Bei der Baugenehmigung für das Einfamilienhaus, das aktuell auf der früheren Hofstelle Am Thie 5 entsteht, hat die Stadt deshalb die Auflage gemacht, die Erdarbeiten archäologisch begleiten zu lassen. Und tatsächlich wurde die Grabungsfirma fündig.

Nach Angaben von Friedrich-Wilhelm Wulf, Referatsleiter beim Landesamt für Denkmalpflege in Hannover, wurden im Boden ein Grubenhaus oder ein Keller, mehrere Pfostenlöcher sowie "sehr viel Keramik" gefunden. Im Einzelnen handle es sich um Scherben von Kugeltöpfen sowie um sogenannte Kumpf-Keramik - von Hand gefertigte Schalen. Wulf geht davon aus, dass die Funde aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammen: "Die genauere Auswertung ist allerdings noch nicht erfolgt." Die beauftragte Fachfirma Archäofirm aus Isernhagen, die die Grabungen vorgenommen hat, müsse die Funde noch reinigen und sichten, bevor sie dem Landesamt übergeben werden. Dann wisse man nicht nur mehr über die Datierung, sondern auch über die Zahl und genaue Art der Funde. Wulf geht davon aus, dass die Ergebnisse in etwa zwei Monaten vorliegen.

Wozu das Gebäude selbst genutzt wurden, steht ebenfalls noch nicht fest. Laut Wulf haben die Grabungsexperten auf einer etwa vier mal drei Meter großen Fläche verbrannte Holzbohlen freigelegt, die über einen Meter senkrecht in den Boden eingelassen waren. "Das Gebäude ist damals abgebrannt", sagt Wulf. Es gebe zwei mögliche Deutungen, wofür es gedient haben könnte: So gab es früher im ländlichen Raum in Gruben errichtete Nebengebäude mit darüber liegendem Satteldach, in denen handwerkliche Tätigkeiten wie Webarbeiten ausgeführt wurden. "Webgewichte haben wir in Grasdorf allerdings nicht gefunden" - der Beweis für die These steht demnach aus. Möglich sei aber auch eine Nutzung als Keller unter einem Wohnhaus.

Außerdem gebe es mehrere Pfostenlöcher, die auf ein oberirdisches Wohn- und Stallgebäude hinweisen. Inwiefern dies mit dem Grubenhaus oder Keller in Zusammenhang steht, müsse noch ausgewertet werden.

Mit dem Fund besteht nun mehr Gewissheit über das Alter Grasdorfs. Zwar gab es schon in der Vergangenheit mehrere vorgeschichtliche Funde - etwa Steinbeile und Urnen aus der Steinzeit sowie Urnen aus der römischen Kaiserzeit. Doch die mittelalterliche Besiedlung und damit das Alter des heutigen Dorfs ließ sich bislang erst ab 1236 belegen, als Grasdorf in einer Urkunde Bischof Konrads II. erwähnt wurde.

Die Vermutung, dass schon im 10. Jahrhundert Menschen in Grasdorf fest siedelten, gibt es schon länger. "Der Fund passt genau in die Zeit der Kronsbergdörfer", sagt der Grasdorfer Historiker Helmut Flohr, der selbst 15 Jahre lang ehrenamtlicher Beauftragter für Bodendenkmalpflege für den Bereich Laatzen, Pattensen und Sehnde war. Mit Hilfe der C-14-Methode hatte Flohr bereits vor einigen Jahren nachgewiesen, dass Funde später aufgegebener Dörfer wie Engerode, Debberode und Brunirode, die am Kronsberg lagen, aus den Jahren 1050 bis 1080 stammten. In seinem Buch "Gravestorpe - Grasdorf" schreibt Flohr deshalb, dass das Grasdorf "spätestens Ende des 1. Jahrtausends als feste Siedlung gegründet worden" sein dürfte. Die neuen Funde geben ihm nun recht.

Dafür spricht auch die besondere Lage des Ortes Grasdorf. Der liegt nämlich auf der ersten hochwasserfreien Terrasse an der Leine, wie Denkmalschützer Wulf anmerkt. "Das ist eine siedlungsbegünstigte Lage", insofern seien Funde bei einem Bodenaushub in diesem Bereich wahrscheinlich.

Untersucht haben die Archäologen die Fundstelle im Februar für einen Zeitraum von rund drei Wochen. Erst nach Abschluss der Grabung konnte der eigentliche Hausbau beginnen: Derzeit sind Bauarbeiter dabei, die Betonsole zu gießen.

Bauherr muss die Kosten tragen

Wenig begeistert von den historischen Funden zeigte sich der Bauherr des Einfamilienhauses Thilo Harbart. Denn die Kosten für die Arbeiten muss der Arzt aus seiner eigenen Tasche bezahlen - immerhin eine Summe von 15.600 Euro. "Es ist eine Unverschämtheit, dass dies nicht die Allgemeinheit oder eine Stiftung trägt", findet der Grasdorfer. "Das wäre mir keinen einzigen Euro wert gewesen, wenn es nicht gesetzlich vorgeschrieben wäre."

Hinzu kommt für den Bauherrn die Verzögerung der Bauarbeiten. Eigentlich sollte das Gebäude, das im ortstypisch roten Klinker gebaut werden soll, im Oktober fertiggestellt sein. Harbart geht von einer Verzögerung von etwa vier bis fünf Wochen aus.

Das Landesamt begründet die Kostenregelung mit dem Verursacherprinzip: Demnach müssen die Kosten archäologischer Arbeiten vom Veranlasser der Bautätigkeiten getragen werden, die ein Denkmal beschädigen oder zerstören. Gesucht wurde bei der Grasdorfer Fundstelle deshalb nur bis exakt der Tiefe, die die Baugrube des Einfamilienhauses erreicht. "Wenn kein Keller gebaut worden wäre, hätten wir auch nicht so tief gegraben", erläutert dies Wulf. Nach seiner Einschätzung habe die beauftragte Firma sehr effektiv gearbeitet.

Erste Nachweise aus der Grasdorfer Frühgeschichte

ca. 1500 v. Chr: Jungsteinzeitliche Funde auf dem heutigen Grasdorfer Gebiet: Unter anderem wurden im Bereich des Potthofs Tongefäße, an der Leinstraße und am Langen Brink Steinbeile gefunden. Bei Bundesbahnarbeiten wurde ein spätbronzezeitliches Urnengrab freigelegt und im Mastbruchholz (heute: Laatzen-Mitte) ein Hügelgräberfeld entdeckt.

100 v. Chr. bis 200 n. Chr.: Fund eines Urnenfriedhofs in der Gegend Am Kampe und im Bereich der Alt-Laatzener Urnenfeldstraße

300 bis 500: Gefäß- und Münzfunde, darunter 78 Silberdenare, die heute im Landesmuseum aufbewahrt sind.

9./10. Jahrhundert: Die jetzt entdeckten Keramik- und Holzbohlenfunde an der Straße Am Thie.

1236: Früheste urkundliche Erwähnung Grasdorfs. Bischof Konrad II. bekundet die Überlassung des halben Zehnten in Grasdorf an das Domkapitel zu Hildesheim - zu Gunsten eines armen Scholaren.

1277 bis 1284: Erste namentliche Erwähnung von Bewohnern Grasdorfs. In einer Urkunde über die Ein- und Ausgaben der Domprobstei werden Engelbertus, Henricus Rufus und Henricus genannt. Wahrscheinlich waren dies Siedler oder Rodungsbauern.

1286: Erster Hinweis auf einen der Grasdorfer Höfe. Die Brüder Lippold und Heinrich Hoygen ertauschen mit Johann von Braunschweig vier Hufen Land in Grasdorf. Vermutlich handelt es sich um eine der späteren Hofstellen Klußmann oder Ostmeyer.

(alle Angaben aus: Helmut Flohr, Gravestorpe - Grasdorf, Strukturen und Dorfbewohner)

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