Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -6 ° Sprühregen

Navigation:
Das war die Kindheit von gestern

Grasdorf Das war die Kindheit von gestern

Jede Generation spielt anders: Längst haben Smartphone, Lego Chima und Co. die früheren Zinnfiguren- und Soldatenspiele ersetzt. Wie in den Dreißiger- und Vierzigerjahren in Laatzen und Umgebung gespielt wurde, beschreibt der Grasdorfer Helmut Flohr in seinem neuen Buch "Räuber und Schanditen".

Voriger Artikel
St. Oliver lädt zu Adventsbasar ein
Nächster Artikel
CDU-Politikerin kritisiert ehemaligen TSV-Chef

Nicht alles war Spiel: Beim Rübenverziehen in der Feldmark verdienten sich die Grasdorfer Kinder ihr Taschengeld selbst. Das Bild, entstanden Mitte der Zwangerzigerjahren, zeigt einen Grasdorfer Knecht, der die Kinder anleitet.

Quelle: privat

Grasdorf. In den vergangenen Jahren hat Flohr etliche Bücher über Grasdorfs Historie veröffentlicht. Der neueste Band trägt sehr persönliche Züge: Der 84-Jährige erzählt diesmal davon, wie Kinder früher im Calenberger Land spielten. "Anlass war für mich die Erzählung einer Mutter", sagt Flohr: Deren neunjährige Tochter habe fünf Freundinnen zum Geburtstag eingeladen. Die Mutter habe von der Küche aus bald weder Gekicher noch andere Geräusche hören können. "Alle sechs Mädchen saßen und beschäftigten sich wortlos mit ihren Handys oder Smartphones", habe sie berichtet.

"Ist es nicht schade, dass die heutigen Kinder vielfach ohne große Naturbezogenheit, Freundesgemeinschaften oder vielfach ohne Geschwister aufwachsen?", fragt Flohr. So lässt sich der Band auch als Dokumentation dessen lesen, was durch neue Spiele, aber auch die neue Technik verdrängt worden ist. Der Grasdorfer führt dabei eine Reihe von Kinderspielen auf, die auch späteren Generationen noch bekannt sind - etwa "Mäuschen sag mal Piep"," Blinde Kuh" oder "Die Reise nach Jerusalem". Es gibt aber auch Beschreibungen von mehr oder weniger vergessenen Spielen. Zum Beispiel "Klipp", ein Spiel, bei dem die Kinder einen Holzstab quer über die Straße hin und her schlugen (siehe Text unten). "Das würde heute auf der Straße gar nicht mehr gehen", ist auch Flohr klar - mit dem vom Verkehr eingeengten Freiräumen schwinden auch Spielmöglichkeiten.

Denn gespielt wurde vor allem im Freien: Indianer und Soldaten, Spiele mit selbst gebastelten Flitzebögen, Seilspringen; es gab Badefreuden in der Leine - und immer wieder "Räuber und Schanditen", bei dem "Gendarm" im Namen mit "Bandit" verschmolz. Abkürzungen waren beliebt, zum Beispiel "DBDDHKP" ("Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen"). Gang und Gäbe war es in Grasdorf, den Bauern beim "Rübenverziehen" zu helfen: Um sich das Taschengeld zu verdienen, zogen die Schüler überzählige Rübensetzlinge aus dem Ackerboden. "Heute wäre das Kinderarbeit", sagt Flohr.

Panini-Fußballbilder gab es nicht, gesammelt wurde dennoch: "Da wurden vom Zigarettenbilderdienst bunte Papierbildchen, Marke Eckstein Nr. 5 gesammelt und in vorbereitete Alben geklebt", erinnert sich Flohr. Die Motive der Zeit: "Auf Deutscher Scholle", "1. Weltkrieg" und "Deutsche Märchen". Ein ähnliches vergessenes Vergnügen war das Gießen von Zinn- oder Bleisoldaten auf Mutters Kohleherd. 

Zur Kindheit gehörte auch die Hitlerjugend, der Flohr mit zehn zwangsläufig beitrat. Immer mittwochs hatte das Fähnlein des "Junggenossen Flohr" auf dem Sportplatz zum "Dienst" anzutreten - mit Marschieren, Sport und dem Singen von (vorrangig) Landsknechts-, Soldaten- und NS- oder HJ-Liedern. Einschneidender war für ihn die Bombennacht im September 1943, als - wie viele Grasdorfer Häuser - auch sein Elternhaus getroffen wurde. "Da endete meine Kindheit", sagt der 84-Jährige, der kurz darauf im Zuge der Kinderlandverschickung in den Harz evakuiert wurde. Die Kindheit mag geendet haben - die Erinnerung an die Spiele blieb.

Der Buch "Räuber und Schanditen. Kinder und ihre Spiele in einem Calenberger Dorf" (47 Seiten) ist im Eigenverlag erschienen. Es ist für 12,95 Euro beim Grasdorfer Markant-Markt und in der Decius-Buchhandlung im Leine-Center erhältlich.

"Klipp" - das (fast) vergessene Straßenspiel:

Ein beliebtes Spiel damals war in der Erinnerung Flohrs das Spiel "Klipp". Als Spielutensielien benötigten die Kinder einen etwa 80 Zentimeter langen Haselnusstock und einen 12 bis 15 Zentimeter langen und 2,5 Zentimeter dicken Rundstab, genannt Klipp, der auf beiden Seiten kegelförmig angespitzt war. Flohr schreibt:

"Der Klipp wurde quer auf das Straßenloch gelegt und mittels des Stocks möglichst weit weg geschleudert. Konnte die gegnerische Partei den Klipp auffangen, durfte der Fänger 3 Schritte vorwärts gehen. Dann kam der gefangene Klipp auf die Straße, um mit dem Stock auf eine der angespitzten Enden zu schlagen. Der Klipp flog hoch. In diesem Moment musste er dann so geschlagen und getroffen werden, dass er möglichst dicht an das Klipploch kam, wo der darüber gelegte Treibstock getroffen werden sollte. Die Schläge, die dazu benötigt wurden, zählten die Parteien. Dann wurde gewechselt, und das Treiben des Klipps begann von neuem. Am Ende wurden die Klippschläge gezählt und die Siegerpartei ermittelt."

doc6si1jjp6lbd12qfu5n0l

Fotostrecke Laatzen: Das war die Kindheit von gestern

Zur Bildergalerie
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Laatzen-Seite der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
doc6skldko24d1ndtgwdd0
Freizeitkoch initiiert Gruppe im Familienzentrum

Fotostrecke Laatzen: Freizeitkoch initiiert Gruppe im Familienzentrum