Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Häusliche Gewalt: Oft sind Männer die Täter

Laatzen Häusliche Gewalt: Oft sind Männer die Täter

Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor - das sagt Sabine Wegmann, Leiterin der Koordinierungs- und Beratungsstelle der AWO Region Hannover im Interview. Auch in Laatzen ist 2012 die Zahl der gemeldeten Fälle gestiegen.

Voriger Artikel
Mit vollem Karacho gegen den Außenspiegel
Nächster Artikel
37-jährige Frau überfallen

Kein Randgruppenthema: Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Milieus vor, wie das Fotoplakat aus einem Projekt mit Studierenden der Fachhochschule Hannover zeigt.

Quelle: Fachhochschule Hannover

Laatzen. Die Zahl der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt stieg in den Umlandkommunen Hannovers um 91 auf 1438. Das geht aus der Statistik des BISS-Verbundes Region Hannover hervor. Die Opfer von häuslicher Gewalt sind zum Großteil Frauen. Der Anteil der Männer schwankte in den letzten fünf Jahren zwischen 12,4 und 13,6 Prozent. Auch aktuell sind sieben von acht Gewaltopfern Frauen. Hinter männlicher Gewalterfahrung stünden mitunter weibliche, „sehr häufig allerdings männliche Täter“, heißt es dazu im Jahresbericht der für Laatzen zuständigen Beratungsstelle Donna Clara.

Info

Auf das Gesamtproblem macht auch der Internationale Tag der Gewalt gegen Frauen am Montag aufmerksam. In Laatzen wird um 16.30 Uhr eine Fahne vor dem Rathaus gehisst. In vielen anderen Regionskommunen gibt es im Zuge einer 16-Tages-Kampagne bis einschließlich 10. Dezember viele Veranstaltungen zu dem Thema.

Neben der Gewalt in Partnerbeziehungen gebe es häufig Fälle von Gewalt von Ex-Partnern, von erwachsenen Söhnen oder auch wechselseitige Übergriffe. Bei den weiblichen Opfern wiederum seien nahezu immer Männer die Täter. „Es handelt sich um Partnergewalt“, sagt Sabine Wegmann, Leiterin der Koordinierungs und Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt bei der AWO Region Hannover. Mit Donna Clara und dem für Burgwedel, Isernhagen, Langenhagen und die Wedemark zuständigen Beratungszentrum Ophelia bildet diese den BISS-Verbund. Werden Polizisten bei Einsätzen auf häusliche Gewalt aufmerksam, melden sie diese an die Beratungsstellen weiter. Allein in Laatzen gingen im Berichtsjahr 164 Faxe ein – 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Doch auch auf anderem Weg werden dort Fälle von häuslicher Gewalt bekannt. Zu den 164 „akuten“ Fällen zählten vergangenes Jahr 26 männliche Opfer, die an andere Beratungsstellen weitergeleitet wurden, sowie 138 Frauen (2011: 132). 29 Mal halfen die Beraterinnen von Donna Clara dabei, Anträge für Schutzanordnung und Wohnungszuweisung zu stellen. Außerdem zählten sie 25 Fälle von Stalking – doppelt so viele wie im Vorjahr. Ebenfalls besorgniserregend: In 98 der 164 Fällen von häuslicher Gewalt waren Kinder anwesend, insgesamt 190. Die Situation der Kinder sei „nach wie vor äußerst prekär hinsichtlich der Folgen“ für ihre Entwicklung und die Prognosen auf eigene Gewalterfahrung im Erwachsenenalter, heißt es weiter im Jahresbericht von Donna Clara. Es müssten daher befriedigendere Lösungen zum Schutz von Kindern entwickelt werden.

Astrid Köhler

Das Interview

Häusliche Gewalt kommt überall vor

Bei Gewalt in Paarbeziehungen und Familien gibt es noch immer eine hohe Dunkelziffer und den Hang der Opfer – zum Großteil Frauen –, Taten zu verheimlichen, weiß Sabine Wegmann (61). Mit der Leiterin der Koordinierungs- und Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt der AWO sprach unsere Redakteurin Astrid Köhler.

Frau Wegmann, wo endet ein „normaler“ Streit, wo beginnt häusliche Gewalt?

Die Übergänge sind fließend. Ganz deutlich ist es bei körperlicher Gewalt: jede Ohrfeige, Kneifen, Schubsen, Treten und Würgen ist Gewalt und strafbar. Ebenso ist es Gewalt, jemanden zu beleidigen, zu bedrohen, zu demütigen. Wir sprechen von psychischer Gewalt, wenn Menschen in ihrer Persönlichkeit verletzt werden. Nicht vergessen dürfen wir weitere Formen wie ökonomische und sexualisierte Gewalt.

Es soll immer wieder vorkommen, dass Opfer die erlebte Gewalt ausblenden oder herunterspielen. Wie kommt das?

Häufig sind die Opfer Gewalt schon seit Jahren, leider oft schon seit der Kindheit, gewöhnt. Sie messen der Gewalt eine andere Bedeutung bei, finden den Umgang normal – zumindest für ihr Leben. Darüber hinaus spüren sie, dass sich etwas in ihrem Leben ändern müsste...

... aber sie haben Angst?

Ja, sie haben Angst, diese Veränderung allein nicht zu schaffen. So wollen Mütter „den Kindern nicht den Vater nehmen“. Die Opfer haben Angst vor dem Alleinsein und vor der Reaktion des Umfelds, und nicht zuletzt schämen sie sich für die Gewalt und fühlen sich schuldig.

Eine Schubladenfrage: Gibt es den typischen Gewalttäter?

Nein. Häusliche Gewalt kommt in allen Schichten und Milieus vor. Bildung und guter Verdienst schützen nicht davor, von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen zu sein oder diese auszuüben. Es geht um Macht und nicht um Partnerschaft.

Wenn es keinen typischen Täter gibt, gibt es denn wiederkehrende Begleitumstände von häuslicher Gewalt?

Auffällig viele berichten, dass die Täter keine Schuldgefühle haben, sondern sogar der Polizei gegenüber argumentieren, die Frauen seien selbst Schuld, dass sie geschlagen, beleidigt, bedroht wurden, weil diese sich unakzeptabel verhalten hätten. Viele Frauen beugen sich dieser Argumentation. Die Schuldübernahme führt dazu, dass sie manchmal Taten verharmlosen und den Täter in Schutz nehmen. Dieses Denkmuster zu reflektieren ist wiederkehrender Beratungsinhalt.

Wir reden fast immer von Frauen, aber gibt es nicht auch Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden? Wer sind in diesen Fällen die Täter?

Während bei weiblichen Opfern die Täter zu 90 Prozent männlich sind, ist dies umgekehrt nicht der Fall. Es ist vielfältiger: Frauen sind Täterinnen, jugendliche Kinder schützen die Mutter und greifen den Vater an, der ehemalige Partner bedroht oder schlägt den aktuellen Partner. Bei jungen Frauen greifen Väter ein und erscheinen als Täter. Auch gibt es vorsorglich eine Gegenanzeige, um von der eigenen Gewalttat abzulenken. Inwiefern unterscheiden sich die Hilfsangebote für männliche Opfer von denen für weibliche? Wir sind hier in der Region Hannover in der guten Lage, dass sich die Angebote nicht unterscheiden.Für männliche Opfer gibt es eine Kooperation mit dem Männerbüro Hannover, das Betroffene kontaktiert und Unterstützung und Beratung anbietet.

Zum fünfjährigen Bestehen der Beratungs- und Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt (BISS) gab es 2011 eine Plakataktion samt Ausstellung mit Foto- und Grafikstudenten der FH Hannover. Wie waren die Reaktionen?

Wir hatten mehr Anrufe von Verwandten und Freunden von Opfern häuslicher Gewalt, die sich ermutigt fühlten, die seelische Belastung, die sie durch ihr Mitwissen tragen, zur Sprache zu bringen. Sie wollten Klarheit, welches Verhalten eine stützende Funktion haben könnte.

Was können Angehörige, Kollegen und Nachbarn tun, wenn sie häusliche Gewalt vermuten?

Sie können die Betroffene ansprechen und zeigen, dass es ihnen nicht gleichgültig ist, wenn jemand von Gewalt betroffen ist. Sie können eine Beratungsstelle anrufen, um ein Vorgehen zu besprechen. Ist akutes Handeln nötig, sollte die Polizei gerufen werden.

Und wenn jemand vor einer Meldung zurückschreckt, weil er Angst vor Konsequenzen hat?

Die Polizei gibt die Namen von Hinweisgebern nicht weiter.

Kurz zurück zur Fotoausstellung: Gibt es die eigentlich noch?

Ja. Sie wird gern von den Gleichstellungsbeauftragten genutzt, um auf das Problem hinzuweisen. Sie war schon auf dem Bundestreffen der Guttempler sowie in Wolfenbüttel, Bremen und Hamburg. Die Ausstellung ist über die AWO-Beratungsstelle zu entleihen. Dort gibt es auch den dazugehörigen Katalog mit Fachbeiträgen zu den künstlerischen, gesellschaftspolitischen und sozialpsychologischen Aspekten häuslicher Gewalt. Viel wurde schon getan, um auf häusliche Gewalt aufmerksam zu machen und Maßnahmen zu finden, dagegen anzuarbeiten.

Was fehlt Ihrer Ansicht noch?

Wir wünschen uns eine wohnortnahe, längerfristige Beratung, denn oft kann unsere Krisenintervention dem Beratungsbedarf nicht gerecht werden. Was leider bisher kaum im Blickfeld der Öffentlichkeit steht, ist die Situation der Kinder. Auch wenn sie nicht selbst geschlagen oder bedroht werden, spüren sie die Bedrohung und das Angstklima innerhalb der Familie und werden traumatisiert.

Wie kann den Kindern geholfen werden?

Kinder benötigen ein eigenständiges Beratungsangebot, sie müssen ebenso wahrgenommen werden wie Erwachsene. Die Helfer in den Beratungsstellen sind mit der Vielfalt familiär-partnerschaftlicher Konflikte und Bedrohungen konfrontiert.

Wo bekommen die Berater selbst Hilfe und Abstand?

Zur professionellen Beratung gehört die Reflektion unserer Arbeit. Dieses erfolgt in Form von kollegialer Beratung und Supervision. Wir haben beraterische Zusatzqualifikationen und nehmen an Fachtagungen, an Fort- und Weiterbildungen teil.

Zur Person

Sabine Wegmann, geboren 1952 in Oldenburg, hat in Emden Sozialarbeit studiert und ist seit den siebziger Jahren gewerkschaftlich engagiert. Zwölf Jahre lang war sie Selbständige und als Kommunikationstrainerin sowie Beraterin tätig. Wegmann wohnte auch schon in Kassel und Berlin und gab Kurse für Frauen, die nach der Familienphase zurück in den Beruf wollten. Seit 2006 ist sie bei der AWO Region Hannover beschäftigt, deren Koordinierungs- und Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt sie inzwischen leitet. Zusammen mit der Beratungsstelle Donna Clara in Laatzen und dem Beratungszentrum Ophelia (ehemals Frauen-Notruf) Langenhagen bildet die AWO-Beratungsstelle den BISS Verbund zur Erstberatung von Gewalt betroffener Frauen in den Umlandkommunen der Region Hannover. akö

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6x738tdj99j109xlm4bj
Firmen präsentieren sich im Leine-Center

Fotostrecke Laatzen: Firmen präsentieren sich im Leine-Center