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Konditorin darf nicht mehr backen

Grasdorf Konditorin darf nicht mehr backen

Sie will arbeiten, kann auch arbeiten, darf es aber nicht: Seit 2010 verkauft die Grasdorferin Yvonne Jendt selbst hergestellte Kuchen, Torten und Quarkspeisen – neben der Kindererziehung. Jetzt wurde ihr das verboten, weil sie keinen Meistertitel hat. Ist die Handwerksordnung familienfeindlich?

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Yvonne Jendt zeigt das Schreiben vom Amtsgericht Hannover, mit dem ihr Gewerbe als Konditorin unterbunden wurde. Ihre Küche hatte sie extra gemäß der Vorgaben des Gesundheitsamtes eingerichtet, um dort Kuchen und Torten herstellen zu dürfen.

Quelle: Daniel Junker

Grasdorf. Angefangen hatte alles als Notlösung. Die Grasdorferin Yvonne Jendt ist gelernte Konditorin. "Ich hatte nach meiner Ausbildung versucht, eine Stelle zu finden", sagt die 35-Jährige. Als Junggesellin mit Kind habe sie aber nur Ablehnungen erhalten. Zunächst jobbte sie deshalb in unterschiedlichen Betrieben. Am 1. März 2010 habe sie sich selbstständig gemacht und ihr Gewerbe offiziell bei der Stadt Laatzen angemeldet. Seitdem verkauft sie Torten, Kuchen und Quarkspeisen direkt an den Endkunden – zum Beispiel für Hochzeiten oder Feiern. Da sie ihre Kinder Zuhause betreut, habe sie ihre Küche entsprechend der Vorgaben des Gesundheitsamtes eingerichtet.

"Ich wurde anfangs immer belächelt", erinnert sich Jendt. "Ich habe es aber trotzdem geschafft und mir in den vergangenen Jahren einen gewissen Ruf erarbeitet." Nach und nach habe sich der Kundenkreis dann erweitert. "Ich bin dafür bis nach Wolfsburg, Braunschweig, Bielefeld und noch weiter gefahren", sagt Jendt, die ihre Waren sogar selbst auslieferte. Ein großes Geschäft erwuchs daraus nicht, aber immerhin: 2015 habe sie auf diese Weise 56 Torten an den Kunden gebracht, 2016 waren es 43.

Sieben Jahre lang ging das gut. Am 30. März folgte dann der Schock. "An diesem Tag standen plötzlich Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Stadt Laatzen und der Region Hannover vor meiner Tür" - mit einem Schreiben des Amtsgerichts, in dem die Untersuchung der Wohnung angeordnet wird. Das Problem: Da ihre Tätigkeit zum Konditorenhandwerk gehören, habe sie sich bei der Handwerkskammer eintragen lassen müssen. Das geht aber nur mit einem Meistertitel.

Yvonne Jendt besitzt hingegen nur einen Gesellenbrief. "Aus diesem Grund wird mir jetzt Schwarzarbeit im Sinne der Handwerkskammer vorgeworfen", klagt Jendt. "Offenbar sind meine Arbeiten denen eines Konditormeisters würdig, sonst würde man mir das ja nicht vorwerfen."

Jendt versichert, dass sie vor der Anmeldung des Gewerbes im Jahr 2010 telefonisch bei der Handwerkskammer Hannover über die Voraussetzungen der geplanten Selbstständigkeit nachgefragt habe. "Mir wurde jedoch mitgeteilt, dass ich mich ohne Meistertitel an die Industrie- und Handelskammer wenden soll. Dies haben ich auch getan." Die IHK habe sie allerdings zurück auf die Handwerkskammer verwiesen. "Sie haben gesagt, dass ich dort als Konditorin eingetragen werden muss. Die Handwerkskammer hat mich aber wieder an die IHK verwiesen." Im Jahr 2012 habe sie dann noch einmal bei der Handwerkskammer nachgehakt. "Auch damals wurde mir gesagt, dass sie IHK zuständig ist. Darüber gibt es auch einen Vermerk." 

Die Handwerkskammer kann das nicht bestätigen. "Diese Behauptung lässt sich sich so nicht nachvollziehen", sagt Sprecherin Sabine Wilp. Keine der relevanten Stellen im Haus habe Jendt gesehen oder beraten. "Frau Jendt hat sieben Jahre lang unrechtmäßig ihre Arbeit ausgeführt. Daraus kann kein Gewohnheitsrecht abgeleitet werden", sagt Wilp.

Dass ihr jetzt Schwarzarbeit vorgeworfen wird, kann die 35-Jährige trotzdem nicht nachvollziehen. "Ich habe ich immer meine Steuern gezahlt und alle Auflagen des Gesundheitamtes erfüllt. Das lässt sich anhand meiner Unterlagen auch überprüfen. Ich glaube, dass man mich vom Markt kriegen will."

Keine Meisterschulen in der Region Hannover

Wie es jetzt weitergehen soll, weiß Jendt, die inzwischen verheiratet ist, nicht. "Wenn ich weiterhin als Selbstständige Kuchen und Torten herstellen will, müsste ich die Meisterprüfung ablegen." In der Nähe von Hannover gebe es aber keine Meisterschulen für Konditoren. "Die nächsten Schulen sind in Lübeck, Köln und Bielefeld, und man kann sie nur in Vollzeit und mit langer Wartezeit besuchen", sagt Jendt. Da ihr Mann in Hannover berufstätig sei und sie als Mutter zweier Kinder nicht in Vollzeit arbeiten könne, sei ein Besuch dieser Schulen für sie nicht möglich. "Ich wäre auch zu einer Überprüfung meines Betriebes oder zu einer Eintragung in die Handwerksrolle unter strengen Auflagen bereit. Aber die Handwerkskammer sperrt sich dagegen."

Die 35-Jährige hat sich mittlerweile einen Anwalt genommen und eine Ausnahmebewilligung bei der Handwerkskammer beantragt. Sollte dies genehmigt werden, könnte sie sich in die Handwerksrolle eintragen lassen, obwohl sie nur Gesellin ist. "Ausnahmen werden dann erteilt, wenn das Ablegen der Meisterprüfung eine unzumutbare Belastung bedeuten würde", sagt Jendt.

Die Handwerkskammer lehnte jedoch im Juli ab. Als Begründung nennt sie unter anderem, dass Jendt die Meisterprüfung in ihrem Alter ohne Weiteres zuzumuten wäre. "Der Umstand, dass die auf die Prüfung vorbereitenden Kurse außerhalb der Region Hannover stattfinden und dass die Antragstellerin als Mutter von zwei Kindern gezwungen ist, die Kinderbetreuung selbst zu unternehmen, stellt keinen Ausnahmegrund dar", heißt es in dem Schreiben. Das Angebot einer Kinderbetreuung erweitere sich zudem mit zunehmendem Alter der Kinder. Außerdem könne Jendt sich zumindest auf zwei der vier Teile der Meisterprüfung im Bildungszentrum Garbsen vorbereiten lassen.

"Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll", sagt Jendt. Ihr sei von der Handwerkskammer mitgeteilt worden, dass sie einen Meister einstellen oder ein Café eröffnen könne. "Das kann ich aber beides nicht bezahlen." Inzwischen habe sie sich über ihren Anwalt ans Wirtschaftsministerium gewandt. "Das Wirtschaftsministerium hat die Rechtsaufsicht über die Handwerkskammer", sagt Jendt, die diesen Weg als ihre letzte Chance betrachtet.

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Yvonne Jendt zeigt das Schreiben vom Amtsgericht Hannover, mit dem ihr Gewerbe als Konditorin unterbunden wurde. Ihre Küche hatte sie extra gemäß der Vorgaben des Gesundheitsamtes eingerichtet, um dort Kuchen und Torten herstellen zu dürfen.

Quelle: Daniel Junker

Von Daniel Junker

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