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MS-Selbsthilfegruppe trifft sich seit 30 Jahren

Laatzen-Mitte MS-Selbsthilfegruppe trifft sich seit 30 Jahren

In Deutschland sind schätzungsweise 120.000 bis 140.000 Menschen an multipler Sklerose (MS) erkrankt, in Laatzen dürften es, abgeleitet von der Einwohnerzahl, etwa 60 sein. Die Nervenkrankheit ist heimtückisch und hat viele Gesichter. In der MS-Selbsthilfegruppe, die vor 30 Jahren gegründet wurde, können Betroffene ihre Erfahrungen austauschen.

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MS-Kontaktgruppe feiert 30-jähriges Bestehen: Sabine Grebe-Warmbold (links) und Anja Rau (rechts) vom Landesvorstand der DMSG gratulieren den Leiterinnen der MS-Kontaktgruppe Christine Picht (Zweite von links) und Hannelore Keuser (Dritte von links).

Quelle: Zerm

Laatzen. „In der Nacht war ich tanzen“, weiß Ona Wegner noch. „Es war Pfingsten und wir hatten viel Spaß. Doch als ich am nächsten Morgen aufwachte, konnte ich nicht mehr aufstehen.“ Damals war Ona Wegner 16 Jahre alt, heute ist sie 66.

Als sie 1965 erkrankte, war multiple Sklerose noch nicht erforscht. „Kein Arzt wusste, was ich habe“, erzählt die Laatzenerin. „Erst hieß es, ich hätte Durchblutungsstörungen und ich sollte mich viel bewegen.“ Erst später stellte die Ärzte bei einer Rückenmarkspunktion die Krankheit fest. Damals hatte sie gerade eine Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen. Doch die Erkrankung beendete jäh ihr gerade begonnenes Berufsleben. Ihre Lehre musste sie abbrechen. In den 50 Jahren, die Ona Wegner bereits mit der Krankheit lebt, hat sie mehrere Schübe bekommen, akute Entzündungen des zentralen Nervensystems.

Seit fast 20 Jahren kommt Ona Wegner regelmäßig in die MS-Selbsthilfegruppe. Für die Teilnehmer ist es ein Ort, an dem sie nicht nur mit anderen ins Gespräch kommen, sondern auf Verständnis treffen. „Man gibt sich gegenseitig Halt“, sagt Leiterin Christine Picht aus Grasdorf, die selbst unter MS leidet.

Wie wichtig solche Gruppen sein können, betont auch Sabine Grebe-Warmbold. Seit einigen Jahren engagiert sich die Lehrterin sogar im Vorstand des Landesverbands der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). „Um anderen Betroffenen Mut zu machen und über die Krankheit aufzuklären“, sagt sie.

Auch bei ihr schlug die Krankheit plötzlich zu, eines Morgens, sie war 21 Jahre alt und hatte gerade ihr Studium beendet. „Als ich aufwachte, sah ich auf einmal alles doppelt“, sagt die heute 62-Jährige. Ihr Augenarzt habe jedoch schnell die richtige Diagnose gestellt: MS.

Bei der Krankheit werden Bereiche des Gehirns und Rückenmarks angegriffen. An der Hüllschicht der Nerven, die wie eine Isolierschicht ein elektrisches Kabel umgeben, bilden sich Entzündungen, sodass dort später Narbengewebe entsteht. Dadurch werden Nervenreize schlechter weitergeleitet. Die Folgen sind Muskelschwäche, Lähmungen, Sprach- und Sehprobleme, Gefühlsstörungen und Missempfindungen. Da der Verlauf bei jedem Patienten anders ist, wird MS die Krankheit der tausend Gesichter genannt.

„Später bekam ich Gleichgewichtsstörungen und bin auf offener Straße umgefallen“, erzählt Grebe-Warmbold. „Beim nächsten Schub wurden dann meine Hände taub, sodass ich nicht mehr schreiben konnte.“ Die Beeinträchtigungen bilden sich häufig wieder zurück, auch bei ihr. „Ich hatte seit zehn Jahren keinen Schub mehr.“ Denn oft „schläft“ die Krankheit, sodass Betroffene mehrere Jahre beschwerdefrei leben - bis sie sich wieder zurückmeldet. „MS ist heimtückisch, man weiß nie, wie der Verlauf ist“, sagt Grebe-Warmbold. „Man kann damit alt werden, aber man kann auch schon mit Anfang 30 im Rollstuhl sitzen.“

Die 62-Jährige hat ihr Leben trotz MS gemeistert. Sie hat geheiratet, zwei Kinder bekommen und alles getan, was sie einst als junger Mensch geplant hatte. „Die meisten an MS Erkrankten jammern nicht“, sagt sie. „Schließlich gibt es schlimmere Krankheiten. Man muss einfach das machen, was man noch kann.“ Und auch Ona Wegner, die seit zwei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, hadert nicht mit ihrem Schicksal: „Ich bin zufrieden, dass es mir noch so gut geht. Denn ich weiß, dass die Krankheit auch schlimmer zuschlagen kann.“ 

Seit 1985 gibt es die Selbsthilfegruppe in Laatzen

Seit 1985 finden Betroffene in der Selbsthilfegruppe für an multipler Sklerose (MS) Erkrankte in Laatzen Hilfe und Unterstützung. Am Donnerstag feierte die Gruppe mit Gästen in Victor’s Residenz Margarethenhof das 30-jährige Bestehen. Einen besonderen Dank erhielt dabei Hannelore Keuser, die nicht an MS erkrankt ist, sich aber seit mehr als 26 Jahren ehrenamtlich für die Gruppe engagiert. Gegründet wurde sie 1985 vom damaligen Gemeindepfarrer der Arche, Gerd Ernst, der im Februar dieses Jahres verstorben ist. Nachdem sich die Gruppe jahrelang in der Arche traf, wurden die monatlichen Treffen 2000 in Victor’s Residenz verlegt, da dort viele Mitglieder leben. „Das 30-jährige Bestehen zeigt, wie wichtig eine Selbsthilfegruppe ist“, sagte Leiterin Christine Picht. „Hier finden Betroffene Ansprechpartner und Unterstützung durch den gegenseitigen Erfahrungsaustausch im Umgang mit dieser tückischen Krankheit.“ Gleichzeitig sei es wichtig, auch in der Öffentlichkeit Verständnis und Unterstützung zu erhalten. Dass es hierbei noch Verbesserungsbedarf gibt, bemängelte der Pattenser Peer Maßmann vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderte (BSK) in seiner Rede: „Wir können uns viel dazu überlegen, wie behinderte Menschen leben wollen. Aber wir werden kaum gehört.“ In Laatzen fehle etwa eine Behindertenbeauftragte.

Von Stephanie Zerm

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