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Flüchtlinge distanzieren sich von Sex-Tat

Gleidingen Flüchtlinge distanzieren sich von Sex-Tat

Die versuchte Vergewaltigung in Gleidingen und die Festnahme eines Verdächtigen in der dortigen Flüchtlingsunterkunft sorgt seit dem Wochenende für Gesprächsstoff. Wie empfinden die Bewohner die Situation und was beschäftigt sie? Wir haben mithilfe zweier Dolmetscher bei einem Rundgang nachgefragt.

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Die Sozialarbeiterin und Leiterin der von der AWO betreuten Flüchtlingsunterkunft in Gleidingen Elvira Hendricks (von links) spricht mit drei Bewohnern aus Syrien. AWO-Mitarbeiter Mohamed Ahmed (ganz rechts) übersetzt.

Quelle: Astrid Köhler

Gleidingen. Es ist nachmittags und einiges los im Eingangsbereich des früheren Messehotels. Eine handvoll Männer und Frauen stehen im Flur, Stimmengewirr dringt aus dem offenen Nebenzimmer mit dem Türschild "Anmeldung". An den Wänden hängen der Stadtbahnfahrplan der Linie 1, Infos zur Mülltrennung und der Fluchtwegeplan des Hauses in verschiedenen Sprachen.

Durch eben diesen Flur führte die Polizei am Sonntag kurz vor Mitternacht einen 23-jährigen Bewohner ab. Er wird dringend verdächtigt, am Samstagabend eine 45-jährige Gleidingerin an der Ringstraße angegriffen und sexuell belästigt zu haben.

Ob er etwas von dem Polizeieinsatz mitbekommen habe, fragt der für den Pressetermin von der AWO-Heimleiterin Elvira Hendricks dazugerufene Dolmetscher wenige Minuten später einen 19-jährigen Syrer in dessen Zimmer. Er sei nicht im Haus gewesen und habe erst am nächsten MOrgen von der Festnahme erfahren Auch einige seiner Landsleute im Alter von 30 bis 37 Jahren, die kurz darauf mit in dem kleinen Zweibettzimmer stehen und sitzen, schütteln den Kopf.

Ob sie den Festgenommenen kannten? Die Männer verneinen. Wenn er die Tat wirklich begangen habe, müsse er bestraft werden, so die einhellige Meinung. Er vertraue der Polizei, ergänzt der 19-jährige Zimmerbewohner. Dass die Polizei wegen des Brandanschlags in der Nacht vor Silvester und der Festnahme nicht nur im Zivil sondern auch mehrmals am Tag mit dem Streifenwagen vorfuhr hält ein Mitbewohner des Flurbereichs allerdings für "nicht gut": Wegen der Nachbarn. Was die wohl denken, wenn immer wieder Polizeiautos vor der Tür stehen? Was sie selbst sich wünschen? So schnell wie möglich deutsch lernen und Arbeit finden, sagen die Männer, die sich teilweise schon auf eigene Initiative einen Deutschlernkurs in Hannover organisiert haben, weil es in Laatzen Verzögerungen gab.

In einem anderen Bereich des früheren Messehotels trifft die Besuchergruppe auf eine vierköpfige Familie aus Albanien: ein Elternpaar mit Kleinkind und dessen Großmutter. Sie hätten erst im Nachhinein von der Festnahme und noch später von den eigentlichen  Vorwürfen erfahren, erzählen die Erwachsenen, die nebeneinander auf dem Bett Platz genommen haben, um den Besuchern das kleine Sofa anbieten zu können. Hinter ihnen schläft das Kind. Der Mann habe ihnen leid getan, übersetzt die Dolmetscherin die Aussagen der drauflos erzählenden Eltern und Großmutter: Sie kannten ihn eigentlich nur vom Sehen aus dem Speiseraum. Er habe nicht "so" ausgesehen. Die Stimmung sei danach unangenehm und bedrückend gewesen.

Flüchtling: "Wer sauber ist, braucht keine Angst zu haben"

Dass die Polizei einen mutmaßlichen Sextäter im Haus festgenommen hat, bezeichnet der Familienvater mit Blick auf den abschreckenden Charakter als gut. Außerdem , so der Albaner: "Wer sauber ist, braucht keine Angst zu haben." Und seine Mutter ergänzt: "Wir wollen keine Probleme. Wir sind hergekommen, weil wir im Frieden leben wollen. Und wir wünschen uns gehört und wahrgenommen zu werden."

In Gleidingen wird dieser Wunsch offenbar erhört: "Trotz der nicht schönen Zeitungsartikel sind Leute gekommen, die konkrete Hilfe angeboten haben", erzählt Heimleiterin Hendricks. Sie wollen sich mit den Kindern beschäftigen, beim Einkaufen helfen, die Flüchtlinge bei Amtsgängen  begleiten, auf Sport und anderen Angebote im Ort hinweisen. Die Menschen wüssten: das eine, der Tatvorwurf gegen einen Einzelnen, habe nichts mit dem anderen, dem Schutzbedürfnis der Menschen, zu tun, sagt Hendricks. Als sich der kleine Tross dankend von der Familie verabschiedet, um weitere Stimmen von Flüchtlingen im Haus zu den Polizeieinsätzen zu sammeln, schläft das Kind noch immer.

Einige Treppenstufen und Schritte durch Hotelflure und Türen später, stehen die Besucher vor dem dritten Flurbereich. Klopfen. Warten. Ein Mann öffnet vorsichtig die Tür. Der Dolmetscher stellt kurz das Gruppen und das Anliegen vor. Doch der Mann hebt die Hand. Nein, er wolle nichts sagen. Auch die Frau, die kurz darauf in der Tür erscheint, schüttelt den Kopf.

Eine Welt droht zusammenzubrechen

Die Asylbewerber, die in dem Flurbereich wohnen, kennen  den Festgenommen sehr gut. Es sind Freunde. Auch eine Familienangehörige wohnt dort. Sie weine den ganzen Tag, heißt es. Keiner der Menschen, die den 23-Jährigen kennen, könnten den Tatvorwurf gegen ihn glauben. Eine Welt droht zusammenzubrechen. Eine weitere nach den Erlebnissen in ihrer Heimat und der Flucht.

Dass die Polizei nach dem Brandanschlag und wegen des Tatvorwurfs der versuchten Vergewaltigung so häufig im Haus war, hält Heimleiterin Hendricks in gewisser Hinsicht für unbedenklich: "Es muss seriös ermittelt werden." Die deutsche Polizei arbeite gründlich und nicht vorschnell. Das habe sie den Bewohnern auch gesagt. Gleichwohl teile sie deren Sorge bezüglich dessen, was das Bild von Flüchtlingen in der Bevölkerung angeht.

Sie wünsche sich, dass die Bewohner der 59-Plätze-Einrichtung endlich zur Ruhe kämen und der Alltag beginnen könne: mit regelmäßigen Sprachkursen - am Donnerstag, 14. Januar, wird jemand zum Einstufungstest im Haus erwartet, Schulbesuchen, Aktivitäten und Kennenlernen und endlich einmal "Zeit zum Durchatmen".

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Von Astrid Köhler

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