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Schüler besuchen Euthanasie-Anstalt Bernburg

Laatzen-Mitte/Bernburg Schüler besuchen Euthanasie-Anstalt Bernburg

Die Projektgruppe "Erinnern statt vergessen" der Laatzener Albert-Einstein-Schule hat am Donnerstag die Gedenkstätte der ehemaligen Euthanasie-Anstalt in Bernburg (Sachsen-Anhalt) besucht. Dort informierte sie sich über die systematische Tötung von geistig und körperlich Behinderten während der NS-Zeit.

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Die Gruppe mit Schülern der AES Laatzen sowie der Goethe-Schule und der St.-Ursula-Schule Hannover besuchen die Gedenkstätte Bernburg. Die AES-Schülerin Merle (Zweite von rechts) erklärt den Ablauf der Tötungen vor dem Modell der ehemaligen psychiatrischen Anstalt.

Quelle: privat

Laatzen-Mitte. Es war ein Debüt: Zusammen mit Jugendlichen der St.-Ursula-Schule und der Goethe-Schule, beide in Hannover, besuchten 20 Jugendliche des elften Jahrgangs der Albert-Einstein-Schule (AES) die rund 200 Kilometer entfernte Gedenkstätte in Bernburg. Nicht die Schüler ließen sich über das Gelände führen, sondern sie selbst hatten im Vorfeld alle Informationen für eine Führung ihrer Mitschüler zusammengetragen.

Organisiert wurde der Besuch von der Universität Hannover. Die Gruppe des Seminarfachs "Erinnern statt vergessen" der elften Jahrgangsstufe der AES unter der Leitung von Wilhelm Paetzmann hatte sich für die Teilnahme beworben und - ebenso wie die beiden anderen Schulen aus Hannover - den Zuschlag bekommen.

Während ihres Besuchs untersuchten die Schüler in Kleingruppen unterschiedliche Aspekte der Tötungsmaschinerie in Bernburg. So bereiteten sie unter anderem Präsentationen zur Euthanasie, zum Menschenbild in der Zeit des Nationalsozialismus, zu speziellen Kinderheilanstalten und zur Zwangssterilisation vor. Ihre Ergebnisse stellten sich die Schüler noch vor Ort gegenseitig vor.

In Bernburg wurden in den Jahren 1940/41 mehr als 14.000 behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene getötet. Zudem gab es massenhaft Zwangssterilisationen von Behinderten. Die Nationalsozialisten wollten damit verhindern, dass sich Behinderungen auf die nächste Generation vererben. In der NS-Zeit wurden Behinderte in sogenannte „Heil- und Pflegeanstalten“ eingewiesen. Von Pflege und Heilung konnte allerdings keine Rede sein: Viele Behinderte wurden in den Einrichtungen ermordet. "Die Anstalten waren die perfekte Tarnung für die Tötung des sogenannten unwerten Lebens", resümiert der AES-Lehrer Wilhelm Paetzmann einige Erkenntnisse über den Besuch der Gedenkstätte. Damit die Massenmorde an den Behinderten nicht auffielen, seien andere Ursachen für den Tod der Behinderten vorgeschoben worden - zum Beispiel Herzversagen oder Lungenentzündungen. "So wurden die Morde verschleiert."

In Bernburg wurden die Behinderten in als Duschen getarnte Gaskammern getötet, die laut Paetzmann jeweils bis zu 29 Menschen fassten. "Die Gaskammern sind noch komplett erhalten", berichtet Paetzmann. "Es gibt sogar noch die Original-Fliesen und die Original-Duschkopf-Atrappen." Die Schüler konnten die ehemaligen Tötungskammern sogar betreten. "Sie bekamen dadurch einen sehr unmittelbaren Eindruck über die damaligen Geschehnisse in der Tötungsanstalt." Der Besuch sei den Schülern sehr nahe gegangen. "Es ist etwas ganz Anderes, wenn man einen solchen Ort besucht, als wenn man nur darüber hört oder liest."

Die Körper und Gehirne der Getöteten seien im Anschluss bei einer "pseudo-wissenschaftlichen Forschung" untersucht worden, beschreibt der Lehrer das Vorgehen der damaligen Mitarbeiter. "Damit nicht auffällt, dass so viele Menschen gleichzeitig gestorben sind, wurde sogar die Dokumentation des Todeszeitpunktes verzögert."

Die Tötungen durch Gas in diesen Anstalten seien auch Versuche für die späteren Konzentrationslager der Nationalsozialisten gewesen. "Man hat dort mit Gas experimentiert. Später wurden diese Verfahren in den Vernichtungslagern angewandt", sagt Paetzmann.

Stichwort: Euthanasie

Als Euthanasie wird die systematische Tötung von geistig und körperlich behinderten Menschen im Nationalsozialismus bezeichnet. Mehr als 70.000 Behinderte wurden in der NS-Zeit durch Gas, Medikamente oder Entzug der Nahrung ermordet. Darunter waren mindestens 5000 Kinder. Der Begriff steht in Verbindung zur Eugenik (auch als Eugenetik bezeichnet). Ziel der Eugenik ist die Beeinflussung der Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik durch einen Eingriff in die Erbanlagen des Menschen.

In den Jahren 1940 und 1941 richteten die Nationalsozialisten sechs Anstalten ein, in denen Behinderte durch Gas getötet wurden. Eine dieser Anstalten befand sich auf dem Gelände der ehemaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Bernburg/Saale. Allein dort fanden mehr als 14.000 Menschen einen gewaltsamen Tod.

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Fotostrecke Laatzen: Schüler besuchen Euthanasie-Anstalt Bernburg

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Von Daniel Junker

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