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Raub an Seniorin: Prozess wird neu aufgerollt

Laatzen/Hannover Raub an Seniorin: Prozess wird neu aufgerollt

Der Prozess gegen einen heute 35-Jährigen wegen schweren Raubes bei einer Laatzener Seniorin im Februar 2014 wird neu aufgerollt. Zwar ist der Mann im März 2015 vor dem Landgericht Hannover zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, doch hatte der Bundesgerichtshof das Urteil im Dezember aufgehoben.

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Prozess vor dem Landgericht Hannover: Ein 35-Jähriger steht wegen schweren Raubes in Laatzen im Jahr 2014 vor Gericht.

Quelle: Katrin Kutter

Laatzen. Der Bundesgerichtshof erkannte eine fehlerhafte Beweisführung hinsichtlich der Tat, die sich am 25. Februar 2014 in dem Haus der Laatzener Seniorin ereignet hatte und verwies den Fall zurück an das Landgericht. Statt der 4. ist dort nun die 18. Große Strafkammer zuständig. Die Richter um den Vorsitzenden Volker Löhr müssen den Sachverhalt neu feststellen, was Auswirkungen auf das Strafmaß haben kann. 

Dem heute 35-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, am Abend des 25. Februar 2014 zusammen mit zwei Komplizen eine damals 72-jährige Witwe in ihrem versteckt liegenden Wohnhaus im Alt-Laatzener Gewerbegebiet ausgeraubt zu haben. Die Seniorin war beim abendlichen Gartengang auf ihrer Terrasse abgefangen, ins Haus geschoben und mit Panzerklebeband an Händen und Beinen gefesselt worden. Gestohlen worden sein soll damals Schmuck im Wert von 75.000 Euro sowie Bargeld-Ersparnisse in Höhe von etwa 21.000 Euro.

Im März 2015 wurde der Angeklagte zu sechs Jahren Haft verurteilt - auch wegen einer weiteren Straftat im Raum Lübeck: Dort habe der Mann versucht, eine 94-jährige demenzkranke Frau wegen vermeintlich beauftragter Baumfällarbeiten zum Abheben von 3000 Euro zu bewegen. Während das Teilurteil zur Lübecker Tat rechtskräftig ist, muss der Fall in Laatzen neu aufgerollt werden

Die 18. Große Strafkammer hat bis zum 22. September insgesamt sechs Prozesstage anberaumt und will in dieser Zeit außer Sachverständigen zahlreiche Zeugen hören. Als erstes sagte zum Prozessauftakt am Donnerstag die geschädigte Seniorin aus.

Zeugen müssen ein weiteres Mal aussagen

Es ist die knappe halbe Stunde ihres Leben, die Brigitta H. am liebsten vergessen würde. "Ich will endlich Ruhe haben", sagt die 74-jährige Laatzenerin im Zeugenstand des Landgerichts Hannover. Doch wie viele weitere muss auch sie erneut zu dem Raub in ihrem Haus an einem Winterabend im Februar 2014 aussagen.

Am Abend des 25. Februar habe sie gegen 21.45 Uhr den Fernseher ausgeschaltet und sei wie üblich in ihren Garten gegangen. Als sie zurück ins Haus wollte, habe auf der Terrasse ein Mann gestanden: schwarz bekleidet mit Handschuhen und Maske über dem Gesicht.

Dieser Mann habe sie dazu gebracht ins Wohnzimmer zu gehen und sich auf Sofa zu legen, wo sie mit Klebeband an Händen und Füßen gefesselt wurde. "Wenn du schreist, klebe ich dir auch noch den Mund zu", habe es geheißen. Angst sei in ihr aufgestiegen, schildert die Laatzenerin: "Ich hatte das Gefühl, ich kriege keine Luft." Der Mann half ihr, sich aufzusetzen - und durchsuchte Schränke und Schubladen in ihrem Wohn- und Esszimmer. "'Du musst doch irgendwo Münzen haben'", habe er in akzentfreiem hochdeutsch zu ihr gesagt, was sie verneinte.

Maskierte durchsuchen das Haus

Im Abstand einiger Minuten seien ein zweiter und schließlich ein dritter Maskierter herein gekommen. Während der erste als Aufpasser bei ihr blieb, durchsuchten seine Komplizen Obergeschoss und Keller - und nahmen Schmuck (Versicherungswert 57.000 Euro) und rund 21.000 Euro Bargeld an sich. Bevor das Trio nach geschätzt "20 bis 30 Minuten" ging, sei sie noch an einen Sessel gefesselt worden. Sie habe sich später selbst befreien können.

Da es bei der Wiederauflage des Prozess einmal mehr auf die richtige Beweisführung ankommt, fragten Richter, Staatsanwalt und Verteidiger umso genauer nach: Ob sie sich gewehrt habe? "Wie sollte ich denn." Hat ein oder haben mehrere Täter sie gefesselt? "Einer." Hat dieser Mann das Klebeband abgerissen oder abgeschnitten? "Wohl abgerissen." Klebte es direkt auf der Haut oder auf Stoff? Auf der Jacke und über der Hose, antwortet die 74-Jährige.

Die Laatzenerin, die eine Rechtsanwältin als Zeugenbeistand zur Seite hat, spricht klar und deutlich in dem braun-getäfelten Saal des Landgerichtes. Sie hält auch die langen Pausen aus, wenn der Verteidiger seine Unterlagen am Laptop auf weitere Fragen durchsucht.

Das Knarren der Holzbänke im spärlich besetzten Zuhörerraum und das zitternde Klackgeräusch der Wanduhr, wenn der Minutenzeiger wieder einen Strich weiterspringt, ist in diesen Momenten umso lauter zu hören.

Seniorin: "Die Angst wird man nicht mehr los"

Und dennoch. Zwischenzeitliches tiefes Luftholen zeigt die Anspannung der Senioren. Sie mache inzwischen einen Bogen um Männergruppen und müsse im Fernsehen sofort wegschalten, wenn Verkleidete auftauchen, erzählt die 74-Jährige. Aus ihrem Haus in Laatzen sei sie "nach 30 Jahren" noch 2014 ausgezogen. "Die Angst wird man nicht los. Ich habe mich nicht mehr in den Garten getraut und wollte wieder ein normales Leben führen." Ob sie therapeutische Hilfe in Anspruch genommen habe, fragt der Richter? "Nein, das muss ich mit mir allein ausmachen", antwortet die 2012 Verwitwete.

Der 35-jährige Angeklagte verfolgte die mehr als einstündige Vernehmung der 74-Jährigen ebenso wie den übrigen Prozesstag schweigend. Wie sein Verteidiger mitteilte wolle er keine Aussage machen.

Elf Zeugen sind noch geladen

Zu den  Fortsetzungsterminen sind elf Zeugen geladen,  darunter mehrere Polizisten von der Spurensicherung. Er wisse, es sei für die 74-Jährige belastend, sagt der Vorsitzende Richter, doch er könne nicht ausschließen, ob sie im Laufe des bis Monatsende terminierten Prozesses nicht noch einmal kommen  müsse. "Ich will nur meine Ruhe haben", sagt die 74-Jährige.

Von Astrid Köhler

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