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Ruta verpasst den Literaturpreis ganz knapp

Alt-Laatzen/Potsdam Ruta verpasst den Literaturpreis ganz knapp

Die 13-jährige Ruta Dreyer hat am Sonntag den bundesweit ausgeschriebenen Nachwuchs-Literaturpreis Theo ganz knapp verpasst. Die Alt-Laatzenerin freut sich aber dennoch, denn sie gehört zu den drei besten Autoren ihrer Altersklasse.

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Die Alt-Laatzenerin Ruta Dreyer (13) hat am Sonntag bei der Endrunde des Literaturwettbewerbs THEO ihren Text in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg in Potsdam vorgestellt.

Quelle: Daniel Junker

Alt-Laatzen. Am Sonntag bei der Preisverleihung in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg in Potsdam hatten die Nominierten ihre leicht gekürzten Texte noch einmal vor der Jury und rund 200 Besuchern präsentiert. "Es hat sehr viel Spaß gemacht, meine Geschichte noch einmal vor Publikum vorzulesen", berichtet Ruta. "Ich war allerdings sehr aufgeregt." Zwar hatte sie schon einmal vor so vielen Menschen Theater gespielt, allein gelesen aber noch nicht.

Für ganz oben reicht es zwar nicht, die Enttäuschung hält sich aber in Grenzen. "Ich freue mich, dass ich überhaupt so weit gekommen bin." Insgesamt hatten 735 junge Autoren hatten Wettbewerbsbeiträge eingereicht. Fie Zehn- bis 18-Jährigen gab es drei Alterskategorien sowie zwei zusätzliche Preise.

In den jeweiligen Alterskategorie wurden nur drei Kandidaten für die Endrunde nominiert. Somit gehört Ruta zu den Top-Drei-Autoren der 13- bis 15-Jährigen. "Am Ende fand ich es gar nicht so wichtig, dass ich dann auch den Preis gewinne", sagt die Schülerin. "Es war toll, dass ich bei der Endrunde war."

Tatsächlich freut sich Ruta nun sogar für die Gewinnerin: Mit der 14-jährigen Berlinerin Rosa Engelhardt hatte sich Ruta bereits im März angefreundet. Damals waren alle Nominierten für ein Wochenende in Berlin zusammengekommen, um sich ihre Texte vorzustellen und gekürzte Versionen für die Lesung zu erstellen. "Den Text von Rosa finde ich richtig gut", lobt Ruta die Preisträgerin. Schon beim Workshop hatten beide ausgemacht, eine Brieffreundschaft pflegen zu wollen - und darauf freut sich Ruta nun umso mehr.

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Mit diesem Text hat es Ruta Dreyer (13) aus Alt-Laatzen in die Endrunde des bundesweiten Literaturpreises Theo geschafft:

Hinter der großen Backsteinmauer

Hinter der großen Backsteinmauer auf dem Industriegelände, dort ist unser Treffpunkt. Da versammeln wir uns. Manchmal tagsüber, manchmal abends. Oder in der Nacht. Dann sitzen wir auf längst vergessenen Steinhaufen und spielen Steinwerfen. Gelegentlich bringt Johannes leere Weinflaschen mit, die wir gegen die Wand werfen und zertrümmern lassen.

Hinterher kommen die Fabrikmitarbeiter in ihren grauen, von Schmutz bedeckten, Anzügen herüber gelaufen und brüllen rum. Meistens verschwinden wir. Aber wenn Johannes leicht angetrunken oder mit dem falschen Fuß aufgestanden ist, dann versucht er sein selbsternanntes Königsrevier zu verteidigen. Einmal kam die Polizei, mit Blaulicht und so. Johannes ist abgehauen und die anderen hinter her. Wie eine Meute haben sie ihn gehetzt - ohne Erfolg. Denn wenn er einmal anfängt zu sprinten, verschwimmen seine langen Beine in der Luft. Man muss nur bis Drei zählen und er ist verschwunden.

Johannes sorgt ständig für Stress. Klauen, Prügeleien, alles durcheinander. Vielleicht nicht viel, aber genug, um jeden gegen sich aufzubringen. Wir sagen ihm unablässig, er soll aufhören. Runter fahren und lernen, seine Nerven unter Kontrolle zu kriegen. Doch er hat nie darauf gehört. Die Fabrikmitarbeiter nennen ihn "den Langen". Die spucken verächtlich auf den Boden, wenn sie ihn sehen. Würden ihn am liebsten windelweich schlagen. Aber so richtig.

Einmal haben sie es versucht. Schließlich kam die Polizei. Wieder mit Blaulicht und so. Aus reinem Instinkt ist ihr "Langer" weggelaufen. Mit seinen langen Beinen, die in der Luft verschwimmen. Die könnten zehnfache Besatzung holen und würden ihn nicht kriegen. Denn wenn er sich nicht fangen lassen will, dann wird er auch nicht gefangen.

Es ist genauso mit dem Runterfahren. Wenn er nicht runterfahren will, ja dann tut er es auch nicht. Und wir trauen uns nicht einzugreifen. Können lediglich in der Ecke stehen, schreien und versuchen, ihn so vom Stress-Machen abzuhalten. Wir wissen nicht was los ist. Fragen jeden Tag nach, ob es ihm gut geht. Und er nickt nur still. Schaut auf seine Zehenspitzen, wo die Schuhe schon durchgebohrt sind.

Einmal haben wir ihm angeboten, bei uns zu übernachten, weil es geregnet hat. Die Klamotten klebten an unserer Haut und alle klapperten mit ihren Zähnen. Doch er hat einfach mit dem Kopf geschüttelt. Wieder auf seine Zehenspitzen geschaut.

Gemurmelt: "Ich gehe nach Hause". Obwohl wir alle wissen, dass er kein Zuhause hat. Das ist vermutlich das Einzige, was wir über ihn wissen. Er redet nicht viel. Von Zeit zu Zeit denken wir, er hat Angst vor dem Reden. Er hat einen merkwürdigen Akzent, der nirgendwo in Deutschland gesprochen wird. Als ob er aus dem Urwald käme, wo sie unsere Regeln nicht kennen und unsere Sprache nicht verstehen.

Niemand von uns hat sich jemals getraut, ihn anzusprechen. Also auf seine Heimat oder Familie. Weil er selbst immer so zurückhaltend wirkt, als ob er gar nichts mit uns zu tun haben wollte. Um ihn rum ist so etwas wie eine Wand. Und wer oder was sich hinter dieser Wand versteckt, weiß niemand.

Obwohl er sich schon lange mit uns zusammen hinter der großen Backsteinmauer auf dem Industriegelände trifft, gehört er doch nicht wirklich zu uns. Manchmal ist er aufbrausend und laut, und ein andermal wieder so leise und still, als ob sein Körper sich von selbst für einen Moment ausgeschaltet hätte. Seine grünen Augen schauen so glasig in die Ferne, als wäre er tot. Selbst seine Brust hebt sich nicht mehr, um zu atmen. In diesen Momenten sind auch wir ganz still. Wir wollen ihn nicht aufwecken. Wir würden ihm zwar gerne helfen, aber wissen nicht wie. Also lassen wir ihn in Ruhe.

Ab und an ist er einfach verschwunden und für eine Zeit lang weg. Eine Woche zwischendurch oder sogar einen ganzen Monat. Man sieht ihn nicht mehr, man hört nichts von ihm. Die Fabrikmitarbeiter lästern in dieser Zeit besonders stark. Sie wissen, er kann es nicht hören und nicht zuschlagen. Ohne es zuzugeben, haben sie Angst vor ihm. Jeder hat Angst vor ihm. Sogar die dicke Bäckerin, die mit allem fertig wird. Selbst wilde Hunde werden still, wenn er kommt. Vor der Unwissenheit hat halt jeder Angst.

Auch wenn wir versuchen, ihn kennen zu lernen, scheint es so, als werde er uns von Tag zu Tag ein Stück fremder. Nach seinem Verschwinden sagt er immer "Ich hatte halt etwas zu tun". "Irgendwo" und "Irgendwann" sind seine meistbenutzten Wörter. Seine Sprache ist so ungenau wie der Nebel am Morgen, wenn wir noch schlafen.

Johannes schläft in einer Abrissruine. Dort gibt es Schutz vor dem Regen und nicht viel aber genügend Zuflucht vor der Kälte. Die Ruine ist genauso vergessen und verlassen, wie die Steinhaufen, bei denen wir uns manchmal treffen. Allerdings ist die Ruine noch ungepflegter. Und voller Staub. Man sieht die Holzplanken auf dem Boden bald nicht mehr. Nur eine graue Schicht darüber. Johannes macht das nichts aus. Der ist an Dreck und Schutt gewöhnt. Und vielleicht hat er ja doch ein Zuhause. Vielleicht ist ganz einfach der Staub selbst sein Zuhause. Vielleicht hat er auch eine andere Definition von Zuhause.

Möglicherweise braucht er keine Freunde und Familie und ist glücklich, mit seinem kaputten Abrisswerk und seinen paar Kumpanen, die hinter ihm stehen – wir. Wahrscheinlich weiß er nicht, dass man wie die verwöhnten Vorzeigekinder jeden Tag "Guten Tag" sagen sollte und "Wie geht es dir?" fragt, auch wenn es niemanden interessiert. Und da wir Angst vor ihm haben, belehren wir ihn nicht viel. Werfen stattdessen weiter die kaputten Weinflaschen gegen die kaputte Wand mit unseren kaputten Händen, an denen zerbrochene Fingernägel und aufgeschürfte Haut hängen.

Wir zählen die Splitter, die auf den Boden fallen. Eins, zwei, drei. Weiter kommen wir nicht. Weiter haben wir es nie gelernt. Wir können immer wieder Flaschen gegen die Wand werfen, bis die Splitter den Boden überdecken wie die Staubschicht die Holzplanken, aber wir werden nie weiter als drei Splitter zählen.

Zahlen zählen nicht mehr. Zeit zählt nicht mehr. Das "Tick" der Uhr bleibt nur ein "Tick", anstatt einer Warnung der vergehenden Sekunden. Denn auch Sekunden können wir nicht zählen. Und das "Tick" ist einfach ein "Tick". Nicht mehr und nicht weniger. Ein Hundert-Euro-Schein hat den gleichen Wert wie ein Ein-Cent-Stück. Niemand hat uns je etwas anderes beigebracht und niemand würde es je wollen. Alles was sie wollen, ist jemanden zum Lästern haben, "den Langen" und uns oder uns und "den Langen". Jemanden zum Windelweich-Schlagen. Jemanden als Vorzeigestück eines schlechteren Lebens, um sich selber nicht als Versager zu fühlen.

Aber auch, wenn unser Herz, das Herz von sogenannten "Pennern", die ungebildet unter der Brücke hausen, nur bis Drei schlagen kann, es kann schlagen. Und auch wenn Johannes irgendwann keine Lust und Kraft mehr haben wird, ständig wegzulaufen, jetzt ist er noch frei. Wer weiß, wo. Wir kennen ihn ja nicht, nicht sein Leben, nicht seine Pläne, lediglich seine Gestalt. Und seit gestern haben wir ihn nicht mehr gesehen.

Wir können ihn nun mal nicht festhalten, obwohl wir das zuweilen gerne tun würden. Es hat zweimal geregnet und einmal geschneit, aber er ist noch nicht da. Wir warten auf ihn. Wir warten auf seine leeren Weinflaschen, auf seine lange, krumme Gestalt und auf seine merkwürdig einsame Art.

Wir warten eine Woche, zwei und drei. Dann sind unsere mathematischen Grenzen erreicht. Dann werden wir immer noch Steine werfen. Sie prallen gegen die Hauswand, fallen auf den Boden. Fallen mit den Tränen. Wir sind die Straßen runter und rauf gegangen. Die einzigen Straßen, die wir je gesehen haben. Weiter trauen wir uns nicht. Da siegt die Angst vor der Unwissenheit. Wir sind dazu verdammt. Eingeklemmt. Unfähig. Nutzlos.

Wir sind in der Nacht, bei Regen, bei Schnee und bei Kälte rausgegangen, um ihn zu begrüßen, falls er kommt. Wir sind selbst in den Gassen gewesen, vor denen wir uns sonst fürchten. Johannes war noch nie so lange weg. Diesmal muss es länger dauern, das, was er "zu tun" hat. Die Lästereien der Fabrikmitarbeiter haben aufgehört. Es gibt nichts Neues mehr zu sagen. Alle schweigen.

Umso lauter hört man das "Tick", das in den Wahnsinn treibt. Wir haben überall gesucht. Sind auch zu seinem "Zuhause" gegangen und haben seinen Namen gerufen. Unser Echo war die einzige Antwort. Wir haben in jeder Ecke und Nische geschaut, doch der Ort lag so unberührt da, als wäre nie jemand gekommen. Wir konnten Johannes Echo hören, seinen langsamen Pulsschlag. Eins, zwei, drei.

Die Holzplanken schienen zu schlafen, die Fenster hingen auf dieselbe Art und Weise schief. Die Wände waren vergammelt und das Dach ohnehin. Nur eines war anders. Der Staub war nicht mehr da. Und da vermuteten wir, dass Johannes den wohl mitgenommen hat.

Ruta Dreyer, 13 Jahre

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Bei der Verleihung des Theo-Literaturpreises werden am Sonntag in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg in Potsdam die Teilnehmer der Endrunde geehrt. Auch die Alt-Laatzenerin Ruta Dreyer (7. von links) ist dabei.

Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels Landesverband Berlin-Brandenburg e. V. / Schreibende Schüler e. V.

Von Daniel Junker

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