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"Diesen Anblick werde ich nicht mehr los"

Laatzen-Mitte "Diesen Anblick werde ich nicht mehr los"

Es war eine Geschichtsstunde, die nahe ging: Der Schauspieler Thomas Darchinger hat am Donnerstag im Erich-Kästner-Gymnasium aus der Autobiografie "Das andere Leben" vorgetragen. Erzählt wird die Geschichte des jüdischen Jungen Solly Ganor, der den Holocaust überlebte.

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Der Schauspieler Thomas Darchinger liest im Forum des Erich-Kästner-Schulzentrums aus Solly Ganors Autobiografie "Das andere Leben", in dem der Autor über seine Kindheit im Holocaust berichtet. Eine besonders intensive Stimmung erzeugt Wolfgang Lackerschmid dabei mit dem Vibraphon.

Quelle: Daniel Junker / www.junkerphoto.de

Laatzen-Mitte. Während der 90-minütigen Lesung ist es still im Forum des Erich-Kästner-Schulzentrums. Gleichermaßen gebannt und erschüttert hören die Neunt- und Elftklässler dabei zu, wie Thomas Darchinger aus den Kindheitserinnerungen Solly Ganors liest. Mit eindringlicher Stimme erzählt der Schauspieler die wahre Geschichte des jüdischen Jungen, dessen Kindheit in Litauen mit dem Einmarsch der Deutschen urplötzlich beendet wird.

In seiner Autobiografie bescheibt Ganor, wie die deutschen Truppen im Jahr 1941 in seine Heimatstadt Kaunas einfielen. In jenem Sommer beginnt für den 13-Jährigen mit einem Schlag "das andere Leben", wie er seine Autobiografie genannt hat. "Von einem Tag auf den anderen hat sich Sollys Leben in eine Hölle verwandelt", sagt Darchinger zu Beginn der Lesung.

Ganor und seine Familie wurden ins Getto von Kaunas gezwungen. "Nach vier Jahren sind von den 30.000 Menschen nur 5000 übrig geblieben, die restlichen wurden ermordet", berichtet Ganor, Jahrgang 1928, in seinem Buch. Von dort aus wird er zusammen mit seinem Vater und einigen Freunden zunächst in ein Konzentrationslager bei Danzig und später in ein Außenlager des KZ Dachau gebracht.

Darchinger liest so anschaulich, dass der Schrecken den Zuhörern nahe rückt. Etwa bei der Passage, in der einem Lehrer vor den Augen des Jungen in den Kopf geschossen wird, nur weil er ein Buch in litauischer Sprache bei sich trägt. Oder bei der Beschreibung des hungernden Solly, der bis zu den Knien in einen stinkenden Schweinepferch steigt, um dem Tier eine einzelne Kartoffel zu stehlen. Ansehen muss der Junge auch, wie Mithäftlinge von deutschen Soldaten bei lebendigem Leibe in flüssigen Beton gestoßen werden. "Außer ein paar Stofffetzen an den Eisenstangen, die aus dem Beton ragten, war nichts mehr zu sehen", liest Darchinger aus Ganors Erinnerungen. "Diesen Anblick werde ich nicht mehr los. Er ätzte sich geradezu in mein Gedächtnis."

Die Lesung, deren bedrückende Stimmung durch die von Wolfgang Lackerschmid vorgetragenen Vibraphonklänge intensiviert wird, endet mit dem Todesmarsch, bei dem die Gefangenen "durch die bayerische Bilderbuchlandschaft" in Richtung Süden getrieben werden - und bei dem Solly Ganors Vater und seine letzten Freunde ums Leben kommen. Kurz darauf befreien amerikanische Truppen den traumatisierten 16-Jährigen.

"Die freiheitliche Demokratie ist heute eine Selbstverständlichkeit. Genau so darf man aber nicht denken", gab Darchinger den Schülern mit auf den Weg. "Plädiert für Respekt und Offenheit - und schützt unsere Freiheit."

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Von Daniel Junker

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