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Theater wird zur einschüchternden Erfahrung

Laatzen-Mitte Theater wird zur einschüchternden Erfahrung

Über Diktatur und Demokratie haben am Mittwoch Erich-Kästner-Oberschüler mit Schauspielerinnen des Theaters Scheselong diskutiert. Zuvor präsentierten die Darstellerinnen eine szenische Collage nach dem Tagebuch von Anne Frank.

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In Nazi-Uniform marschiert die Schauspielerin Jolla Chlechowitz vom Theater Scheselong durch die Schülerreihen im Laatzener Kinder- und Jugendzentrum Pestalozzistraße. Einigen Neuntklässlern heftet sie Davidsterne an.

Quelle: Daniel Junker

Laatzen-Mitte. Wie fühlt es sich an, von Uniformierten angeschrien zu werden? Wie hilflos ist jemand, dem ein Davidstern aufgezwungen wird? Solch beklemmende Situationen erlebten die Schüler am Mittwoch im eigenen Leib.

Im Rahmen des Projektes "Demokratie leben" kamen zwei Schauspielerinnen des Berliner Theaters ins Laatzener Jugendzentrum. Anhand einer auf dem Tagebuch der 1944 von Nazis verhafteten und 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen gestorbenen jüdischen Schülerin Anne Frank basierenden szenischen Collage führten sie den Schülern das bedrückende Leben in einer Diktatur vor Augen.

Gleich zu Beginn polterte Schauspielerin Jolla Chlechowitz in Nazi-Uniform durch die Reihen. "Du müsst auf eine jüdische Schule gehen", brüllte sie eine Neuntklässlerin an, eh sie den nächsten Schüler herausgriff: "Du darfst keinen Sport treiben." Nach und nach heftet sie den verdutzten Jugendlichen gelbe Sterne an die Kleidung. Freilich war es nur eine gespielte Szene - die Situation war dennoch einschüchternd.

Im Anschluss diskutierten Chlechowitz, ihre Kollegin Lisa Blaschke und Regisseur Cüneyt Ogan mit den Schülern. "Was habt ihr empfunden, als ihr als Juden gekennzeichnet wurdet?", fragte Ogan. "Man hat sofort das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben", antwortete eine Schülerin.

Der Regisseur ließ die Jugendlichen den Anteil der deutschen Juden an der Gesamtbevölkerung zu Beginn der 1930er Jahre schätzen. Die Antworten schwankten zwischen 20 und 70 Prozent. "Es war nicht mal einer von zehn", betonte Ogan – der Volkszählung vom Juni 1933 nach waren es kaum 0,8 Prozent. "Trotzdem haben die Nazis propagiert: Die Juden nehmen uns alles weg." Dies sei erfolgreich gewesen, weil die Bevölkerung einen Sündenbock dafür suchte, dass es ihr schlecht ging.

Heute hätten viele Menschen Angst, dass Ausländer ihnen die Arbeit wegnähmen. Die Schüler schätzten den Ausländeranteil in Deutschland auf rund 40 Prozent. "In Wirklichkeit liegt er bei knapp zehn Prozent", so Ogan. "Es entsteht viel Rassismus, ohne es begründen zu können."

Dass die Grundhaltung heute ganz anders aussieht machte Ogan ebenfalls deutlich - anhand der aktuellen Flüchtlingsproblematik: "Viele europäische Länder machen die Grenzen zu. Die Deutschen helfen. Wir leben in einem Land, in dem das Sozialverhalten wunderbar klappt."

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Von Daniel Junker

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