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Unbekannter ohne Trauerfeier beigesetzt

Laatzen-Mitte Unbekannter ohne Trauerfeier beigesetzt

Der unbekannte Tote von der Stadtbahnschleife ist ohne geistlichen Beistand beigesetzt worden, weil die Stadt solche Termine für sich behält. Muss sich bei Bestattungen von Amts wegen etwas ändern? Ein Interview mit Martin Tenge, Probst und Regionaldechant der katholischen Kirche in Hannover.

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Der im Juli an der Stadtbahnhaltestelle Laatzen aufgefundene Tote ist in der vergangenen Woche auf dem Friedhof am Heidfeld bestattet worden - kein Grabschmuck, keine Kerze auf dem Grab wird an den Unbekannten erinnern.

Quelle: Stephanie Zerm

Laatzen. Von seinem Tod nahm offenbar niemand Notiz. Er starb allein in einem Gebüsch an der Laatzener Stadtbahnschleife. Hunderte Menschen liefen täglich an seinem Leichnam vorbei. Monatelang. Am Mittwoch vergangener Woche wurde der unbekannte Tote von städtischen Mitarbeitern auf dem Friedhof am Heidfeld beigesetzt. Seine Beerdigung war wie sein Tod: einsam. Niemand weinte um ihn, keine Blume lag auf seinem Grab, Trauergäste gab es nicht, auch keinen geistlichen Beistand.

„Ich finde das traurig“, sagt Pastor Burkhard Straeck, der bemängelt, dass Menschen derart einsam beerdigt werden. „Wir wollen nicht, dass jemand ohne Beistand unter die Erde kommt, nur weil er keine Angehörigen mehr hat oder obdachlos war.“ Die Kirche sei auch „Anwalt der Stummen“.

Die Laatzener Kirchen seien deshalb mit der Stadt immer wieder im Gespräch, um von solchen Fällen zu erfahren. Diese komme dem jedoch nicht nach, wenn es um Menschen mit unbekannter Religionszugehörigkeit geht. Nur dann, wenn die Konfession klar ist, sollen die Bestattungsunternehmen die Kirchen über den Tod und Zeitpunkt der Beisetzung informieren, erläutert Stadtsprecher Stefan Sandmann das Prozedere. Man wolle damit verhindern, dass Moslems gegen ihren Willen ein christliches Begräbnis bekommen.

Aber was ist mit denen, die keiner Konfession angehören, die keine Angehörigen haben? „Wir würden gern auch diese Menschen begleiten“, sagt Pastor Straeck. „Das ist unser Beruf, und es kostet niemanden etwas.“

Was können Bürger, Kommunen und Kirchen tun, damit jeder Mensch würdig bestattet werden kann? Stephanie Zerm sprach mit Martin Tenge, Probst und Regionaldechant der katholischen Kirche in Hannover.

Das Interview

Wo sehen Sie das Problem bei den Bestattungen von Amts wegen?

Wenn Kommunen die Bestattung von Menschen ohne Angehörige übernehmen, müssen sie darauf achten, dass die Kosten gering sind, da die Allgemeinheit damit belastet wird. Und am günstigsten sind anonyme Bestattungen. Das bedeutet, dass Freunde und Bekannte dann gar nicht wissen, wo derjenige bestattet wurde und niemand bei der Beisetzung dabei ist.

Es muss unbedingt auf eine Balance zwischen einer geringen Belastung des Steuerzahlers und einer würdigen Bestattung geachtet werden. Bei der Würde des Menschen kann es nicht nur um Kosten gehen. Das Problem ist, dass Menschen ohne Angehörige, zu denen oft auch Obdachlose zählen, kaum eine Lobby haben. Daher muss man ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch sie Teil der Gesellschaft sind und eine würdige Bestattung verdient haben.

Wie kann das umgesetzt werden?

Politik, Verwaltung, Bestatter, Kirchen und Bürger sollten sich zusammensetzen und nach einer Form des würdigen Abschieds suchen. Dabei muss man sich auch fragen, ob die Bestattung unbedingt anonym sein muss oder ob nicht auch Freunde und Bekannte dabei sein können. Und selbst wenn es anonym sein soll, könnte man gemeinsam vor der Kapelle des Gestorbenen gedenken, bevor er bestattet wird. Das könnten Christen und Humanisten gemeinsam machen.

Klingt gut, aber meinen Sie, dass auch jemand zu solchen Gedenkfeiern kommen würde?

Ja, ich habe den Eindruck, dass das gewollt ist. Keiner von uns will namenlos verscharrt werden. Und auch Obdachlose sollen erfahren, dass sie nicht vergessen werden. Der Wert einer Gesellschaft misst sich immer daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht.

Persönlicher Abschied für jeden

Das Beispiel Osnabrück

Bei der Bestattung von Menschen ohne Angehörige gehen manche Kommunen bereits neue Wege. Seit einem Jahr wird zum Beispiel in Osnabrück kein Gestorbener ohne persönlichen Abschied bestattet. Damit Obdachlose oder alleinstehende Menschen nicht einsam beerdigt werden müssen, kooperiert die Stadt Osnabrück mit den christlichen Kirchen und den freien Humanisten. Für Menschen ohne Angehörige richten sie seitdem gemeinsam Trauerfeiern aus. Jeweils am ersten Mittwoch im Monat werden die Urnen beigesetzt.

Dabei ist es egal, ob die Toten evangelisch, katholisch oder konfessionslos waren. Christen und Humanisten stellen dabei ihre Weltanschauung in den Hintergrund, um die Würde der Gestorbenen zu wahren und gemeinsam für sie eine angemessene Trauerfeier zu gestalten.

Dabei gibt es sowohl eine Ansprache eines christlichen Pfarrers als auch eines Humanisten. Mit an den Gräbern stehen bei den Bestattungen Ehrenamtliche eines Trauerkreises und Vertreter des städtischen Friedhofsamts. Bürger sind bei den Beisetzungen ebenfalls willkommen.

Stephanie Zerm

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