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Warum eine "Berliner Mauer" in dieser Kita steht

Zaun trennt Krabbelgruppen Warum eine "Berliner Mauer" in dieser Kita steht

In einer Laatzener Kita dürfen Kinder zweier Gruppen seit  Wochen nicht mehr miteinander spielen. Die Stadt Laatzen hatte verfügt, dass der Garten nicht mehr von beiden Gruppen gleichzeitig genutzt werden darf. Jetzt trennt ein provisorischer Zaun die Kinder. Eltern sprechen schon von einer Berliner Mauer.

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Liliane (1, rechts) darf im Garten nicht mit Jannis (2) spielen, weil sie nicht der gleichen Betreuungsgruppe angehören. 

Quelle: Daniel Junker

Laatzen. Traurig schaut die einjährige Liliane durch die Gitterstäbe, die sie von den anderen Jungen und Mädchen im Garten einer Krabbelstube Ingeln-Oesselse trennen. Eigentlich würde sie gerne mit den anderen Kindern spielen - doch ein quer durch den Hof gezogener Zaun hält sie davon ab.

Zwei Krabbelgruppen mit je acht Kindern gibt es in der Laatzener Einrichtung. Seit fünf Wochen dürfen die Jungen und Mädchen aus beiden Gruppen allerdings nicht mehr draußen miteinander spielen. „Die Stadt Laatzen hat verfügt, dass der Garten nicht mehr von beiden Gruppen gleichzeitig genutzt werden darf, da sie so angeblich nicht den einzelnen Tagespflegepersonen zugeordnet werden könnten“, ärgert sich Martin Windisch, dessen Tochter in der Einrichtung betreut wird. Die beiden Betreuungsgruppen dürften sich demnach nicht vermischen. Die Verwaltung der Kommune habe sogar damit gedroht, die vor eineinhalb Jahren eröffnete private Betreuungseinrichtung zu schließen, wenn die Gruppen nicht voneinander getrennt werden, sagt Miriam Dér, Leiterin der Krabbelstube. Gespräche mit dem Familienservicebüro der Stadt seien ergebnislos im Sande verlaufen. „Deshalb haben wir jetzt provisorisch einen Zaun durch den Garten gezogen, damit weiterhin alle Kinder draußen spielen können.“

"Die räumliche Trennung unsinnig"

Insbesondere nachmittags ist die Situation kurios. Dann sind nur noch wenige Kinder in der Einrichtung, die Gruppen müssen dennoch voneinander getrennt bleiben. Gestern musste Liliane zum Beispiel alleine in ihrer Hofhälfte bleiben, während fünf andere Kinder auf der anderen Zaunseite miteinander tobten - direkt vor ihrer Nase. „Es ist kaum möglich, einem Kind zu erklären, dass es nicht mit den anderen Kindern spielen darf, weil es zu einer anderen Gruppe gehört“, sagt Dér. Regelmäßig würden deshalb Tränen fließen.

Die Eltern empfinden die Situation als katastrophal: „Aus unserer Sicht ist die räumliche Trennung unsinnig. Das Hauptziel der Betreuung sollte doch das Wohl und die Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes sein“, sagt Martin Windisch. „Eine solche Trennung findet man in keinem anderen Kindergarten Der Stadt Laatzen ist das aber offenbar egal.“ Die Eltern fordern, dass alle Kinder gemeinsam draußen spielen können, sofern genügend Betreuungskräfte dabei sind.

Zwei Quadratmeter pro Kind sollen ausreichen

Für Bau und Betrieb von Kindertagesstätten gelten strenge gesetzliche Vorgaben. In Niedersachsen werden die Bedingungen im Kindertagesstättengesetz formuliert. Unter anderem wurden räumliche Mindestanforderungen festgelegt. Gruppenräume in Kindergärten, die Drei- bis Sechsjährige betreuen, müssen so groß sein, dass sie zwei Quadratmeter Bodenfläche pro Kind bieten. In einer Gruppe dürfen nicht mehr als 25 Kinder betreut werden. Zudem schreibt das Gesetz vor, einen Kleingruppenraum oder eine Spielnische einzurichten. Letztere kann auch Teil des Gruppenraums sein. Kinder, die ganztags betreut werden, benötigen zudem einen Ruheraum. Für Krippen, in denen Ein- bis Dreijährige unterkommen, gelten strengere Vorschriften. Der Gruppenraum muss pro Kind mindestens drei Quadratmeter Bodenfläche bieten, die Gruppe darf nicht mehr als 15 Kinder umfassen.
Jede Kita muss darüber hinaus über eine Küche verfügen, bei Halbtagsbetreuung reicht eine Teeküche. Ein Büro für die Erzieher ist Vorschrift, sowie WC und Garderobenbereich. Für die Außenfläche legt das Gesetz eine Größe fest, die einen Spielbereich von zwölf Quadratmetern pro Kind berücksichtigt. Die Stadt Hannover kommt in ihren Richtlinien auf folgende Gesamtflächen: Kitas mit nur einer Gruppe brauchen eine Fläche von 100 bis 120 Quadratmetern, bei zwei Gruppen sind es schon knapp 240 Quadratmeter.

Die Stadt Laatzen beruft sich auf die rechtlichen Vorschriften. „Großtagespflegestellen werden von der Stadt Laatzen regelmäßig auf Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften überprüft“, teilt Sprecher Matthias Brinkmann mit. Die Unzufriedenheit der Eltern sei bei der Stadt bekannt. „Die Verwaltung ist mit den Betroffenen im Gespräch.“ Eine weitere konkrete Begründung für die Trennung nannte die Stadt Laatzen gestern nicht.

Ein Treffen mit Eltern, Erziehern und Vertretern der Stadt in der vergangenen Woche habe zu keinem Ergebnis geführt, sagt Windisch. „Die Stadt konnte uns nicht plausibel erklären, warum die Gruppen im Garten voneinander getrennt bleiben müssen“, betont auch Miriam Dér. Die Leiterin der Pflegestelle hat mittlerweile juristischen Beistand hinzugezogen. „Unser Anwalt ist der gleichen Auffassung, das es für geforderte räumliche Trennung keine rechtliche Grundlage gibt. Die Verwaltung ist aber trotzdem der Auffassung, dass sie beibehalten werden muss.“

Eltern sprechen von "Berliner Mauer"

Die Schließung ihrer Einrichtung will Miriam Dér freilich nicht riskieren. Deshalb hält sie sich vorerst an die Vorgabe. „Als Alternative wäre nur in Frage gekommen, dass jeweils eine Gruppe in der Einrichtung bleiben muss“, sagt Dér. Aber: „Dann müssten die Kinder den anderen durch die Glasscheibe beim Spielen zusehen.“ Diese Lösung findet die Leiterin noch unbefriedigender.

Den Nutzen der städtischen Verfügung können weder die Eltern noch die Erzieher verstehen. „Überall wird Integration und Inklusion gefordert, und ich soll die Kinder voneinander trennen“, klagt Dér. Einige Eltern sprechen schon von einer Berliner Mauer, die sich durch die Einrichtung zieht.

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