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Jedermann stößt auf Barrieren

Langenhagen Jedermann stößt auf Barrieren

Wer aufmerksam ist, kann die Lebensqualität seiner Umwelt verbessern. Unter diesem Credo hat Albert Schneider von der Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit die Innenstadt Langenhagens untersucht. Dabei sind ihm gleich mehrere Stellen aufgefallen, an denen Menschen vor Hürden stranden.

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Günter Schöneweg (86, links) wird von Albert Schneider an der Stadtbahnhaltestelle Langenhagen/Zentrum begleitet.

Quelle: Oehlschläger

Langenhagen. Plötzlich verliert Günter Schöneweg die Orientierung. Er weiß, dass er auf einem Bahnsteig steht. Doch er weiß nicht, wo. Denn Günter Schöneweg ist blind. Mit seinem Landstock hat er sich auf der Stadtbahnhaltestelle Langenhagen/Zentrum bis eben noch vorantasten können. Die geriffelten Indikatoren am Boden wiesen dem Blindenstock die nötige Richtung. Sie ließen ihn nie gefährlich nah an die Bahnsteigkante und die einfahrenden Stadtbahnen kommen. Doch kurz nachdem der 86-Jährige die Rampe der Haltestelle zur Straße heruntergegangen ist, endet die Orientierungshilfe am Boden. Nun weiß er nicht, wohin er gehen soll.

Wäre Schöneweg nicht in Begleitung seiner Ehefrau Ursula, könnte diese Situation fatal enden. Dabei hat der Burgwedeler eine Mission. Er hilft Albert Schneider, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Barrieren im Stadtgebiet auszumachen und entfernen zu lassen. Dafür hat Schneider eine Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen.

Die fehlende Leitlinie für blinde Menschen, die sich wie Schöneweg mit einem Langstock orientieren, ist Schneider bereits bekannt. Und sie ärgert ihn. So wünscht sich Schneider an dieser Stelle, dass die Indikatoren die Hilfsbedürftigen bis in die Innenstadt führen. Dorthin kann Schöneweg bisher nur mit Hilfe seiner Frau gelangen. Seit 45 Jahren weist sie dem 86-Jährigen den Weg und begleitet ihn überall hin. Um Schneider bei der Demonstration des Missstandes zu helfen, war das Ehepaar extra aus Großburgwedel angereist - eine aufwendige Reise für die Familie.

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Der Gedanke der Inklusion.

Quelle: Aktion Mensch

Auf einen weiteren Missstand weisen Franz und Sebastian Poerschke aus Langenhagen hin. Möchte Sohn Sebastian am Behindertenparkplatz hinter dem Rathaus aus seinem Rollstuhl in das Auto seines Vaters Franz steigen, gelingt dies nicht. Durch den Bordstein ist die Distanz vom Gehweg zum Beifahrersitz zu groß. Eine Absenkung könnte hier die Lösung sein, sagt Schneider. Er prangert zudem an, dass sich auch der Fahrradweg am Rathaus farblich nur gering vom Gehweg unterscheide. Für Menschen, die wie er nur eingeschränkt sehen können, berge diese Situation eine Gefahr. Betritt er in Unkenntnis der Bodenmarkierung den Radweg, könnte er mit einem Radfahrer zusammenstoßen.

Dass man bei einigen Vorhaben geduldig sein müsse, sei ihm klar, sagt Schneider. "Mir geht es darum, dass es erst einmal in die Köpfe reinkommt." Dabei sind Langenhagener Bürger gefragt. Die AG Barrierefreiheit sammelt weiter Anregungen von Einwohnern, denen Hürden im alltäglichen Leben aufgefallen sind. Diese will Schneider auflisten und dem Rathaus übergeben. Hinweise nimmt er per E-Mail an albschneider@web.de oder unter Telefon (0511) 722733 entgegen.

Kommentar

Thema für jeden

Inklusion ist mehr als die Einebnung von Stufen. Es geht um die Abschaffung von Barrieren, die Menschen jeglicher körperlicher und geistiger Verfassung die Chance auf ein selbstständig geführtes Leben nehmen. Dafür ist vor allem zweierlei nötig: Mitdenken und mitfühlen.

Diese Kombination ist die größte Herausforderung der Inklusion. Empathie ist nicht jedem gegeben. Zudem müssen viele Interessen berücksichtigt werden, denn die Anforderungen des Einzelnen sind sehr verschieden.

Doch egal ob Eltern mit einem Kinderwagen oder die Seniorin mit dem Rollator: Treppen sind gefährliche Hürden. Und wer freut sich denn nicht, wenn verklausulierte Schreiben von Behörden und Ämtern auf Anhieb einen Sinn ergeben würden? Auch das ist Inklusion. Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem alle Bürger betroffen sind.

Wem diese Mühe zu viel erscheint, möge eines bedenken: Wie sehr könnten jene Menschen das Leben aller bereichern, die sich derzeit noch nicht frei entfalten können? Diesen Gewinn sollte niemand gedankenlos verschenken.

Von Nils Oehlschläger

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