Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Alleinreisende Flüchtlingskinder brauchen Gastfamilien

Langenhagen Alleinreisende Flüchtlingskinder brauchen Gastfamilien

Seit Anfang November werden Minderjährige, die allein auf der Flucht sind, gleichmäßig auf alle Bundesländer verteilt. Im Jugendamt Langenhagen kümmern sich zwei Mitarbeiterinnen um sie. Ihr Bericht raubte jüngst dem Jugendhilfeausschuss zuweilen den Atem.

Voriger Artikel
Stadt geht Projekt bezahlbaren Wohnraum an
Nächster Artikel
Müll wird ab Januar alle zwei Wochen abgeholt

Für minderjährige alleinreisende Flüchtlinge sucht die Stadt Langenhagen Gastfamilien und andere Unterkunftsmöglichkeiten.

Quelle: Angelika Warmuth

Langenhagen. Eineinhalb Jahre. Das ist ein Alter, da zählen die Eltern gern noch in Monaten. Für die Eltern von zwei kleinen Mädchen, die zusammen auf der Flucht waren, zählte wohl nur noch eines: dass ihre Kinder am Leben bleiben. Und deshalb haben sie die Mädchen in Griechenland in ein Schlepperboot gesetzt, das nur für die Kinder, nicht aber noch für die Erwachsenen Platz bot. „An einem Abend kam die Jüngere an, zwei Tage später die zweieinhalbjährige Schwester“, berichtete Heidi von der Ah, Leiterin des Fachbereichs Jugend, Familie und Soziales. „Wir mussten dann die Tante hier mitten in der Nacht anrufen und ihr sagen, dass ihre Nichte am Hauptbahnhof steht.“

Der Moment dieses Berichts könnte kontrastreicher kaum sein. Der Ratssaal ist warm und trocken. Die Frauen vom Jugendamt stehen an der Stirnseite. Jung, lebhaft, adrett gekleidet. Doch ihre Worte gehen nicht nur den Eltern unter ihren Zuhörern gewaltig unter die Haut.

Zwei bis sieben - dies war die durchschnittliche Zahl der jährlich in Langenhagen gestrandeten Kinder auf der Flucht bis zum Sommer. Seitdem sind rund 40 unbegleitete minderjährige Ausländer angekommen. Und weil seit dem 1. November das neue Gesetz Wirkung zeigt, nach dem alle schutzsuchenden Kinder gleichmäßig verteilt werden sollen, um einzelne Jugendämter nicht zu überfordern, wird diese Zahl noch kräftig steigen. „Bayern hat laut Statistik derzeit 6000 zu viel, Niedersachsen 2700 zu wenig“, sagte Erika Hilmer, die Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes.

Als unbegleitet gilt ein Kind oder Jugendlicher, wenn kein sorgeberechtigter Verwandter bei ihm ist. Mehr als 80 Prozent sind männliche Jugendliche, überwiegend aus Syrien und Afghanistan, auf der Flucht vor dem Wehrdienst. „Sie wollen nicht gezwungen werden, auf Verwandte oder Freunde zu schießen oder selbst bei Weigerung erschossen zu werden“, sagte Hilmer.

So souverän der Vortrag an diesem Abend wirkt, die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes verschleiern nicht ihre eigene Erschütterung. „Die Berichte der Kinder von ihrer Flucht erzählen häufig von Jahren in der Türkei oder Pakistan“, berichtete Janina Bentzen. „Davon, dass die Eltern ernüchtert zurückgegangen sind nach Syrien oder sie ihre Eltern auf der Flucht verloren haben.“ Und trotzdem seien die Schutzsuchenden am Tag ihrer Ankunft gerade erst 16. „Die haben schon zwei Leben hinter sich.“

Und das mache die Sache etwas kompliziert. „Die suchen jetzt keine neue Familie, die sie auf den Schoß nimmt“, ergänzte Sandra Backhaus. Die Flucht habe sie dafür schon viel zu sehr reifen lassen. „Die suchen Stellen, die ihnen helfen, erwachsen zu werden.“

Wenn neue unbegleitete minderjährige Ausländer ankommen, werden sie vom Jugendamt zu zweit besucht. Mit einem hauptberuflichen Dolmetscher wird versucht, einen Fragebogen auszufüllen. Heißt: Herausfinden, wer das Kind ist, woher es kommt, wen es sucht, was es braucht. Dank der Hilfe eines Kinderarztes in Langenhagen gibt es auch eine medizinische Untersuchung. „Wir wissen noch gar nicht“, so Backhaus, „wie wir das innerhalb dieses neuen Gesetzes abrechnen sollen.“ Vieles ist im Fluss, vieles muss noch geklärt werden. Kurz: Es gibt viel Arbeit auch abseits der Kinder.

Und viele Wege. Bis zu 20 Absagen, so der Durchschnittswert, kassiert das Team bei der Suche nach einer Unterkunft für die oft traumatisierten Kinder. „Deshalb suchen wir jetzt auch eine Immobilie, um eigene betreute Gruppen dort einzurichten“, sagte Hilmer. Ein Träger dafür habe sich bereits der Stadt angeboten. Er könne starten, sobald ein Haus gefunden sei. „Bis dahin konzentrieren wir uns auf Gastfamilien.“

Und doch gibt es einen Plan, sagte Sozialdezernentin Monika Gotzes-Karrasch: Wenn die Kommunen in der Region, allesamt vor die gleiche Herausforderung gestellt, ihre Häuser für die schutzsuchenden Kinder gefunden haben, soll dies ein Netzwerk ergeben. „Wir wollen dann einen regionsweiten Verbund bilden, damit wir schnellstmöglich eine Unterkunft für die Kinder finden.“ Für den Fall, dass keine Tante erreichbar ist, um mitten in der Nacht am Bahnhof zu erscheinen.

Wer Informationen braucht für die Aufnahme eines minderjährigen Flüchtlings, erreicht Erika Hilmer per E-Mail an erika.hilmer@langenhagen.de. Langenhagener, die ein geeignetes Gebäude anbieten möchten, wenden sich per E-Mail an Doris Lange, doris.lange@langenhagen.de.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Schulzentrum Langenhagen

Nahezu vollständig müssen das Gymnasium und ein Teil der IGS abgerissen und neu gebaut werden, weil der Brandschutz nicht gewährleistet ist. Mehr zum Schulzentrum Langenhagen lesen Sie hier. mehr