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Aus der Heilanstalt in den Tod

Langenhagen Aus der Heilanstalt in den Tod

Bei den Recherchen für einen Film über das Leben in Langenhagen – speziell in der ehemaligen Heilanstalt – hat Regisseur Siegmar Warnecke eine schreckliche Entdeckung gemacht. Von dort aus sind Menschen in den Tod geschickt worden.

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Der Filmemacher Siegmar Warnecke hat Zeitzeugen befragt und in Archiven nach Dokumenten geforscht, um die Geschichte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt in Szene zu setzen.

Quelle: Sven Warnecke

Langenhagen. Der Münchner Filmemacher hat für seinen Kurzfilm „Die Registratur“ nicht nur in verstaubten Archiven geforscht, sondern auch direkt vor Ort. Zudem hat er viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt und daraus teilweise Filmsequenzen aufgezeichnet. Doch seinen wichtigsten Fund hat Warnecke in dem heutigen Altenheim Eichenpark gemacht. Dort stieß er auf die Hauptregistratur der ehemaligen Pflege- und Heilanstalt – umgangssprachlich seinerzeit auch Idiotenanstalt genannt.

Aus dem Schriftstück geht hervor, dass in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht nur Juden, sondern auch Menschen mit Behinderungen von Langenhagen aus in den sicheren Tod geschickt worden sind. „Die Einrichtung war ein Dreh- und Angelpunkt bei der systematischen Vernichtung von Psychiatrie-Patienten und Behinderten christlichen wie jüdischen Glaubens“, sagt Warnecke über das Ergebnis seiner Recherchen. Zudem wurden dort Menschen zwangssterilisiert. „Das ärgert mich, dass das später nicht gesühnt wurde“, betont der Regisseur. Wegen seiner Erkenntnisse sollten sich nun auch Historiker mit dieser Geschichte beschäftigen und sie wissenschaftlich aufarbeiten, fordert er.

Die Erzählungen seines Großvaters über das Leben und Arbeiten in der einstigen Pflege- und Heilanstalt in Langenhagen haben Siegmar Warnecke stark beeindruckt - und sein Interesse geweckt. Immerhin war Opa Paul in der Einrichtung als Pfleger tätig und gab so eigene Erfahrungen aus erster Hand weiter.

Dieses Interesse hat er in dem Kurzfilmprojekt „Die Registratur“ einfließen lassen. Die Stiftung Kulturregion Hannover und die Filmförderer von der Nordmedia haben das Projekt finanziert. Warneckes 15-minütiger Film feiert heute vor geladenen Gästen in Hannover Premiere. Inhaltlich geht es vor allem um die Geschichte Langenhagens. Warneckes Hauptaugenmerk galt dabei der ehemaligen Pflege- und Heilanstalt in der Zeit von 1933 bis 1945. „Entstanden ist ein dokumentarischer Essayfilm“, bremst Warnecke zu hohe Erwartungen in Richtung Enthüllungsjournalismus.

„Die Geschichte der Psychiatrie in Langenhagen hat es aber dennoch verdient, ausführlich von Historikern aufgearbeitet zu werden“, betont der Filmemacher. Denn bei seinen Recherchen hat er auch die sogenannte Hauptregistratur der Anstalt zufällig entdeckt. Darin wird durchaus nachvollziehbar das Schicksal von Menschen in der Nazizeit sichtbar, berichtet Warnecke. Für ihn zwar ein „Glücksfund“ - aber mit Gruselcharakter. Es wird deutlich, dass Dutzende Menschen aus Langenhagen über Zwischenstationen in Vernichtungslager geschickt worden sind, betont der Regisseur: „Es gibt in der Registratur deutliche Hinweise auf Deportationen in den Tod.“ So etwa bei der sogenannten „T4“-Aktion zwischen 1940 und 1941.

Bei vielen anderen Menschen, deren Namen er in den Listen gefunden habe, gebe es ebenfalls Forschungsbedarf. „Was ist aus ihnen geworden?“, fragt sich Warnecke. „Langenhagen ist zwar weniger der Ort des Ermordens, aber die Verteilstation“, sagt der Filmemacher und spricht von einem „Dreh- und Angelpunkt“.

Bei seinen Recherchen im Stadtarchiv war er indes wenig erfolgreich. Dort sei ihm lediglich mitgeteilt worden, dass in Langenhagen schließlich niemand ermordet worden sei. Das bezweifelt Warnecke aber. Denn die in der Registratur entdeckten Meldungen über Verstorbene zwischen 1933 und 1945 in Langenhagens Pflege- und Heilanstalt, dem späteren Altenheim „Feierabend“, hätten schon gravierende, ungewöhnliche Ausmaße. „Und was ist mit dem Unrecht der Zwangssterilisation?“, fragt Warnecke. Auch das sei ein Verbrechen, dass nie gesühnt worden sei.

An einer Aufarbeitung der Geschichte der Psychiatrie in Langenhagen sei auch die Region Hannover interessiert, hatte Hauke Jagau einmal auf Anfrage betont. Möglicherweise macht sich der Regionspräsident ja für eine wissenschaftliche Arbeit über den unrühmlichen Umgang mit behinderten und psychisch kranken Menschen im Nationalsozialismus stark.

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