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Ein Galopper auf großer Fahrt

Langenhagen Ein Galopper auf großer Fahrt

Einmal im Leben - unter diesem Motto hat sich ein besonderes Duo auf große Reise begeben: der Ausnahme-Galopper Iquitos und seine Pflegerin Simone Harnischmacher werden am Mittwochmorgen hiesiger Zeit in Tokio aus einer Frachtmaschine steigen. Begonnen hat ihre Reise am Dienstag an der Neuen Bult.

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Ein Ausnahmetalent und seine Fans: Rund um den vierjährigen Gallopper Iquitos freuen sich Trainer Hans Jürgen Gröschel, seine Pflegerin Simone Harnischmacher und Trainingsjockey Michael Berger.

Quelle: Neander

Langenhagen. Was muss mit? Wohl die zentrale Frage für Reisende. Ganz egal, ob es übers Wochenende losgeht oder gleich über den Ozean zum legendären Japan-Cup. Simone Harnischmacher jedenfalls ist diese Frage bei aller Vorfreude ein wenig ein Graus. "Ich packe ja eigentlich lieber spontan und schmeiße ins Auto, was ich so brauche." Das geht in diesem Fall leider nicht. Der Zoll möchte es anders. Und nach Tokio mit dem Auto wäre ohnehin eher unpraktisch.

Fangen wir also mit dem Einfachen an: "Putzzeug. Decke. Halfter. Ersatzeisen." Schon wird es eine Spur komplizierter. "Ach, wir brauchen ja auch mein Reitzeug." Und plötzlich schmelzen 36 Jahre Pferde-Begleit-Reise-Routine wie Eis im Hochsommer. Diesmal ist einfach alles anders. Noch nie ging es so weit weg. Noch nie mit dem Flugzeug. Und noch nie waren Pferd und Pflegerin eine ganze Woche vor dem Trainer unterwegs. "Iquitos kommt erst ein paar Tage in Quarantäne. Und deshalb werde ich ihn dort reiten in dieser Zeit", erzählt die Krähenwinklerin an diesem eisigen Novembermorgen. Erfahrungen sammeln damit konnte bislang keiner der Runde im kleinen Stallbüro. "So etwas passiert eben nur einmal im Leben", daran will Hans-Jürgen Gröschel gar nicht rütteln. Der erfahrene Trainer hat im Galoppsport zwar schon manches berührendes Erlebnis weggesteckt. "Aber das, nein, das ist wirklich die Krönung."

Eine Krönung mit Vorbereitung: Aus elf Seiten weltweit zusammengestellter Vorschläge konnte Gröschel das gewünschte Futter aussuchen. Französischer Schwarzhafer, Luzernen-Heu aus den USA und Timothei-Heu aus Kanada sollen es sein. "Das bekommt er hier auch." Die Pässe der Zweibeiner wurden von Mitarbeitern des Ausrichters höchstselbst abgeholt und zum Konsulat nach Hamburg gebracht, die Ergebnisse der letzten Tierarzt-Untersuchung einmal um den Erdball geschickt. Alle Stempel sind da, wo sie sein sollen. Jetzt gilt's.

Der Start beim Japan-Cup, einem der höchstdotierten Rennen der Welt, zu dem man nur eingeladen werden kann, rückt zwischen Sattelzeug, Strohballen und Packkisten dann doch aber erst mal wieder in den Hintergrund. Iquitos, der vierjährige Vollbluthengst und eigentliche Star, kommt gerade mit Michael Berger im Sattel, dem Trainingsjockey dieses Morgens, zurück vom morgendlichem "Lot", seiner Trainingseinheit in der Gruppe. Simone Harnischmacher greift zum Wasserschlauch und spritzt ihren Schützling ausgiebig ab. Ablenkung tut Not - und gut. So richtig realisiert hat sie noch nicht, dass es in wenigen Tagen zunächst mit dem Transporter nach Frankfurt gehen wird. Und dort in den Frachtcontainer.

Kleine Bilder aus dem Internet gibt das Smartphone im Stall preis. Wie es dort wohl aussehen mag, im Bauch eines Frachtjumbos. Wo sich Harnischmacher in der Nacht zu Mittwoch zwölf Stunden um das Pferd kümmern muss. Man sagt, es gebe "vier bequeme und zwei unbequeme Plätze" - für die sechs begleitenden Zweibeiner. Je zwei für jedes der drei sonst übers Geläuf fliegenden Pferde. "Wir wechseln uns eben ab."

Werden Pferde reisekrank? Trainer Gröschel zuckt die Schultern. "Iquitos ist eigentlich ein gutes Reisepferd", merkt Harnischmacher an - schmunzelt und ergänzt: "Ohne mich war er noch nie unterwegs." Jetlag? Kurzes allgemeines Grübeln, dann ein Kopfschütteln. "Wir kommen manchmal ja auch erst mitten in der Nacht vom Rennen und füttern dann erst", sagt Gröschel. "Und trotzdem geht es am nächsten Morgen auf die Bahn", ergänzt seine Helferin, "in Japan aber haben wir ja noch ein paar Tage zum Aklimatisieren." Anschnallen bei Start und Landung? Gröschel lacht. "Na, das geht ja nunmal nicht." Und wird er besonders eingepackt? Gröschels ganze Verachtung für übermäßigen Schnickschnack fließt nach eindeutigem Blick in einen knappen Satz: "Ich habe noch nicht mal Transportgamaschen."

Respekt vor der so außergewöhnlichen Ehre ist erlaubt. Angst vor der Fremde aber fehl am Platz. Seit 1980 fährt Harnischmacher an fast jedem freien Saison-Wochenende mit Galoppern der Neuen Bult zu den Rennstätten der Republik und zuweilen über deren Grenzen hinaus. "Man kann nur jemanden schicken, die sich auskennt in den Abläufen, die sich zutraut, sich auch auf fremden Rennbahnen um alles zu kümmern, was das Pferd braucht, - und auch mal zu motzen, wenn die Box nicht in Ordnung ist", Gröschel schickt seinem Kompliment ein wichtiges Detail hinterher: "Und sie macht das ehrenamtlich." Heißt: Mehr als die Reisepauschale von 54 Euro pro Tag bei freier Kost und Logis bleiben "Reisefuttermeistern" wie Harnischmacher nicht in der Geldbörse. Für Japan hatte sie "zum Glück" noch die nötigen Resturlaubstage. Wenn sie nach 12 Tagen wieder gelandet sein wird, geht es am nächsten Tag sofort wieder als technische Zeichnerin ins Büro in Hannover. "Mehr Urlaub ist nicht drin."

Drei Tage später ist es soweit: Alle noch morgens um 4 Uhr gepackten Kisten sind im Transporter verstaut. Die Idee, man könne auf dem Weg zum Flieger im Stau stecken bleiben, ist in den hintersten Hirnwinkel verbannt. Zwischen Heuballenschleppen und Wasserzapfen bleibt ohnehin nicht viel Zeit für Nervosität. Ob sie etwas vergessen hat? "Keine Ahnung." Alles, was nicht mehr in die Tasche passte, hat sie angezogen. Sagt's, steigt ein - und los.

Iquitos und der Japan-Cup

Der Japan-Cup gehört mit einer Gesamtgewinnsumme von rund fünf Millionen Euro zu den höchstdotierten Rennen der Welt. Eine Teilnahme ist nur auf Einladung möglich. Allein für die Teilnahme steht dem Stall Mulligan als Besitzer von Iquitos 100.000 Euro zu. Der Hengst, ein Spross der Zucht von Erika Buhmann vom Gestüt Evershorst, überzeugte durch seinen Sieg der neu geschaffenen Champions-League des Deutschen Galopprennsports. Der Japan-Cup startet am Sonntag, 27. November, um 10 Uhr Ortszeit (bei uns also um 2 Uhr nachts). Iquitos' Rennen beginnt um 15.40 Uhr (7.40 Uhr). Das Rennen ist im Internet nur für jene live zu verfolgen, die auf den einschlägigen Portalen zuvor für den Japan-Cup Wetten abgeschlossen haben.

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Von Rebekka Neander

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