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Gymnasium zieht an die Rennbahn

Langenhagen Gymnasium zieht an die Rennbahn

Krimi im Ausschuss: Nach langer Diskussion lässt die SPD mangels eigener Mehrheit den Vorschlag der Verwaltung passieren. Danach zieht das Gymnasium an die Rennbahn. Der amtierende Rat wird in einer Sondersitzung im Oktober dieses Votum bestätigen. Parallel beginnt Stadt mit Prüfung des Geländes.

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Stadtbaurat Carsten Hettwer (Mitte) erläutert, warum er weiterhin den Standort an der Rennbahn favorisiert. Ihm zur Seite sitzen Bürgermeister Mirko Heuer (rechts) und Bernhard Döhner, Vorsitzender des Stadtplanungsausschusses.

Quelle: Neander

• Stadtplanungs- und Bildungsausschuss plädieren für Neubau des Gymnasiums an der Pferderennbahn

• SPD enthält sich nach Sitzungsunterbrechung

• Lehrkräfte und Schüler danken dem Ausschuss für Beschluss

• Verwaltung beginnt mit Bauleitplanung

Zu Beginn der Sitzung waren die Fronten noch klar: Die SPD möchte, dass beide Schulen im Stadtzentrum bleiben. Dazu müsste jedoch im Stadtpark nordwestlich der Peko-Halle ein Sportplatz gebaut werden. Die Grünen wollen diesen Weg nicht mitgehen. Sie bevorzugen ein Grundstück nahe des SCL an der Leibnizstraße. Diese Lösung jedoch ist nach Einschätzung des Ingenieur-Büros Constrata nur schwer umsetzbar. Das Büro favorisiert einen Neubau an der Rennbahn.

Letztlich hat am Donnerstagabend nur dieser Vorschlag eine Mehrheit gefunden. Nach langer und weitgehend um Sachlichkeit bemühter Diskussion mit drei kurzfristig eingereichten Beschlussvorlagen und einer Sitzungsunterbrechung machte die SPD den Weg frei. Da sie für ihren Vorschlag offenkundig keine Mehrheit finden würde, enthielten sich die Sozialdemokraten in allen Abstimmungen.

Die Stadtverwaltung kann damit umgehend mit diversen Untersuchungen zum neuen Standort an der Rennbahn beginnen. Wie Stadtbaurat Carsten Hettwer nach der Sitzung auf Nachfrage erläuterte, gehören dazu die verkehrliche Untersuchungen und Gutachten zur ökologischen Verträglichkeit. Der neue Rat, der sich Anfang November konstituieren wird, müsse sich umgehend mit dem sogenannten Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan beschäftigen. Erst wenn das Grundstück rechtlich gesichert ist, kann die Stadt mit der Suche nach einem Planungsbüro beginnen. Dieses Ausschreibungsverfahren nimmt alleine noch einmal ein halbes Jahr in Anspruch.

Hettwer will zeitnah zudem Gespräche mit dem Rennverein führen, der das Gelände von der Stadt Hannover gepachtet hat, sowie mit der Landeshauptstadt selbst. Wieviel diese für den Erwerb der Fläche haben will, wurde bislang nicht öffentlich thematisiert. Am Mittwoch, 26. Oktober, kommt der amtierende Rat zu einer Sondersitzung zusammen, um die jetzt verabschiedete Empfehlung der Fachausschüsse zu bestätigen. SPD-Fraktionschef Marc Köhler versicherte nach der Sitzung auf Nachfrage dieser Zeitung, seine Fraktion werde das Votum der Ausschüsse dann nicht noch einmal in Frage stellen.

Während sich Schüler, Lehrer und Eltern nach der Sitzung ausdrücklich bei den beteiligten Ausschüssen für Bildung und Stadtplanung für die "historische Weichenstellung" bedankten, zeigten sich SPD und Grüne ernüchtert bis verstimmt. "Man muss akzeptieren, dass wir mit unserer Sicht keine Mehrheit erhalten werden", räumte Köhler ein. "Das ist ein schwarzer Tag für Langenhagen", hielt Grünen-Ratsfrau Ulrike Jagau fest. Sie hatte in der Sitzung noch einmal nachdrücklich auf die ökologische Bedeutung der Grünfläche an der Rennbahn für die Frischluftzufuhr für das Stadtzentrum hingewiesen.

Kommentar: Glanzstück

Das Ringen um das neue Schulzentrum ist ein Lehrstück. Allein die Ereignisse der vergangenen Tage müssten zur Pflichtlektüre werden für Schüler der Politikkurse der beteiligten Schulen. Selten war für alle Langenhagener so greifbar, wie lohnenswert es ist, sich für seine Belange zu engagieren. Egal ob beim Flashmob auf der Straße wie am Dienstag oder wie jetzt im Ausschuss.

Denn der jetzt gefasste Beschluss hat es in sich. Es ist nicht weniger als das komplette Umkrempeln einer einst zentralen Idee der Langenhagener Stadtväter und -mütter: Das Gymnasium zieht aus. Was vor 40 Jahren noch hilfreich war für die Entwicklung des neuen Zentrums, erweist sich heute als Strangulation. Wenn nicht noch ungeahnte Überraschungen einen Neubau der Schule an der Rennbahn unmöglich machen, verschafft diese Entscheidung den beiden Groß-Schulen genügend Luft zum Lernen und Atmen.

Was sich am Donnerstagabend im Ratssaal abgespielt hat, reicht den Langenhagener Politikern zur Ehre. Oft gescholten ob ihrer Überheblichkeit und maßlosen Streitwut, haben an diesem Abend alle Parteien konstruktiv und mit viel Respekt für das Gegenüber gezeigt, wofür sie stehen und wofür sie bereit sind zu kämpfen. Das war vor allem für Grünen schmerzhaft, die zunächst für ihre Haltung ihren Koalitionspartner vermeintlich im Stich lassen und darüber hinaus auch noch eine Niederlage einstecken mussten. Aber auch die SPD, in den jüngsten Tagen ob ihres Starsinns heftig gescholten, hat Größe bewiesen - und letztlich ihr Gesicht gewahrt. Der CDU fiel in diesem Stück die Rolle des Schlichters zu, was ihr wahrlich gelungen ist.

Es bleibt dem neuen Rat zu wünschen, dieses Niveau, vor allem aber das aufgenommene Tempo zu halten und mit den nunmehr neun verschiedenen politschen Farben auf dem Tableau keine Karikatur seinerselbst zu zeichnen.

Die Sitzung im Rückblick

In der Einwohnerfragestunde formulierten zu Beginn vor allem Vertreter der Schulen ihre Befürchtungen. Lehrer würden abwandern, wenn eine jahrelange Baustelle bevorsteht. Zudem sei die Belastung der Schüler und Kollegen in der Außenstelle des Gymnasiums an der Friedrich-Ebert-Grundschule nicht zumutbar. Laut Constrata müsste die Außenstelle bei einem Bau des Gymnasiums am bisherigen Standort für weitere acht Jahre verbleiben.

Die Einwohnerfragestunde wurde von den Langenhagenern genutzt für konstruktive und ruhige Beiträge. Die von der Sitzungsleitung befürchteten verbalen Ausfälle blieben aus. Im Anschluss brachten die Grünen ihren Änderungsantrag ein. Die Vortragende Ulrike Jagau hatte bereits im Dezember gegen die eigene Fraktion für eine Trennung der beiden Schulen gestimmt.

Die SPD stand mit ihrer Sicht auf die Dinge, nachdem ein Verbleib beider Schulen im Stadtzentrum die beste Lösung ist, bereits seit einigen Tagen absehbar alleine im Rat. Gleichwohl betonte Fraktionschef Marc Köhler, dass am Standort der Neubau das geringste Planungsrisiko herrscht. Die Baurechte an der Rennbahn seien längst nicht gesichert. Fraglich sei auch, welche Abstände zum dortigen Regenrückhaltebecken gehalten werden müssen. Dies sei nicht ideal für ein Schulzentrum. Constrata hatte in den ersten Skizzen das Gebäude an die Theodor-Heuss-Straße gerückt, die auf dieser Straßenseite keinen Geh- und Radweg vorhält. Die Fläche wurde in den Beratungen des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK) freigehalten, um die Frischluftzufuhr ins Stadtzentrum nicht zu unterbinden. Ökologisch sei dies äußerst bedenklich.

Diese Haltung vertrat bislang auch der Naturschutzbund. Dessen Vertreter, Georg Obermayr, hatte in einer der letzten Sitzung des Stadtplanungsausschusses jedoch nicht mehr kategorisch gegen einen Schulbau dort argumentiert. Er hatte lediglich darum gebeten, zugunsten der Frischluftzufuhr das Gebäude in Ost-West-Ausrichtung zu bauen.

Köhler führte weiter aus, dass das Gymnasium auf dem bisherigen A-Platz des Schulzentrum gebaut werden könne. Zum Ausgleich müsse im Stadtpark nordwestlich der Peko-Halle ein Sportplatz gebaut werden. Dies sei ökologisch der deutlich geringere Eingriff. Die Bauzeit für das Gymnasium bleibe ebenso kurz wie ein Neubau an der Rennbahn. Köhler zieht jedoch die Bedenken Constratas, nach denen die Gesamtbauzeit für beide Schulen in diesem Fall mehr als acht Jahre betrüge, in Zweifel.

Stadtbaurat Carsten Hettwer räumte ein, dass für alle in Frage stehenden Standorte Fragen unbeantwortet sind. An allen Plätzen müsse erst Baurecht geschaffen werden. An allen Plätzen müsse der Öffentliche Personen-Nahverkehr noch geklärt werden. Constrata habe inzwischen "taggenau" die Arbeitsabläufe erarbeitet. Bei einem Neubau des Gymnasiums an einem neuen Platz reduziere sich die Bauzeit um 3,5 Jahre. Dies gelte auch für den Bau auf dem von der SPD favorisierten A-Platz. Dann aber fehle der Stadt für mehrere Jahre eine Sporthalle. Bei allen Bedenken bleibe er dabei, die Grünfläche an der Rennbahn für das Gymnasium zu empfehlen.

BBL-Ratsherr Jens Mommsen unterstützt diese Haltung. Er plädierte in der Sitzung jedoch auch für einen Neubau der IGS, um alle Risiken für Schüler und Lehrer zu reduzieren. Das Frischluft-Gutachten, auf das Köhler abhob, sei anzuzweifeln. Zumal in Langenhagen an 75 Prozent aller Tage der Wind von Westen und nicht aus Richtung der Rennbahn komme.

Grünen-Ratsfrau Ulrike Jagau widersprach dem vehement. Die Prognose der extrem heißen Tage steige. Deshalb dürfe die Grünfläche an der Rennbahn nicht bebaut werden.

Claudia Hopfe (CDU) plädierte eindeutig für einen Auszug des Gymnasiums aus dem Stadtkern, um die Situation dort für alle Beteiligten zu entspannen. Die Politik müsse sich um Nachbarschaftspflege verdient machen. Dazu könne auch gehören, dass die Schulen dezentraler verteilt werden oder sogar in kleineren Einheiten arbeiteten. Zur Frage der Frischluftzufuhr plädiert Hopfe für architektonische Lösung. Zumal ein Sportplatz im Stadtpark ebenfalls Frischluft nähme.

Für die SPD meldete sich Wolfgang Langrehr. Er dankte den vielen Einwohnern, die sich eingangs zu Wort gemeldet haben. Sie alle hätten die Politik um eine schnelle Antwort gebeten und genau darum ginge es den Sozialdemokraten.

Beide Schulleiter sprachen sich bereits seit einigen Monaten vehement für eine Trennung der Schulen aus. Ein Verbleib am Standort ließe den Schulen nicht genügend Fläche für ihre jeweiligen pädagogischen Konzepte.

Interessanter Aspekt zur Grundwasserproblematik: Hettwer revidierte in der Sitzung Bedenken des Grünen-Ratsherrn Michael Horn. Dieser hatte dem Grundstück an der Rennbahn eine höhere Problematik beim Bau attestiert. Dem widerspricht der Stadtbaurat: An allen Standorten gelten dieselben Probleme, da alle in Frage stehenden Areale über dieselben Gewässer Niederschlagswasser abführten. Aus diesem Grund dürfe in keinem Fall eine Schule mit Keller gebaut werden. Beim Schwimmbad sei dies technisch nicht anders zu lösen gewesen.

Claudia Hopfe (CDU) brachte das Wahlergebnis ins Spiel. Rot-Grün habe im neuen Rat keine Mehrheit mehr. Sie macht einen Kompromissvorschlag. Danach sollte der amtierende Rat entscheiden, ob das Gymnasium ausziehen soll. Alle weitere Feinheiten müsse dem neuen Rat überlassen werden. Döhner stellt dazu die entscheidende Frage: Wie weit würde sich der Bau dann verschieben?

Hettwer tat sich schwer mit der Antwort. Zwei bis drei Monate bis zu einem Entscheid über den Standort zöge keine wesentliche Auswirkung auf den Bauablauf nach sich. Gleichwohl sei nicht zu unterschätzen, welche emotionale Wirkung ein Aufschub hätte.

Hopfe legte eigenen Antrag vor: Trennung der Schulen jetzt beschließen, über den Standort aber erst nach Prüfung aller offenen Fragen im neuen Rat. Spätestens jetzt zeigte sich, dass in den vergangenen Tagen hinter verschlossenen Türen viele Gespräche zur Auslotung der Positionen geführt worden sind. Selbst SPD-Ratsherr Köhler lenket ein: Man wolle über die Ausführungen noch einmal in der Fraktion beraten und bittet um eine Sondersitzung des noch alten Rates.

Letztlich hatte auch dieser letzte Versuch keine Chance.

Von Rebekka Neander

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