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Gutachter spricht über Schulzentrum-Desaster

Langenhagen Gutachter spricht über Schulzentrum-Desaster

Der Architekt und Brandschutzgutachter Daniel Stürzl erläutert im Gespräch mit Redakteurin Rebekka Neander, wann und wie das Desaster am Schulzentrum begonnen hat.

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Der Bauingenieur und Architekt Daniel Stürzl ist dem Brandschutz im Schulzentrum auf den Grund gegangen.

Quelle: Rebekka Neander

Langenhagen. Herr Stürzl, 40 Jahre ist am Schulzentrum nichts wirklich Schlimmes passiert. Und jetzt heißt es: Nichts geht mehr. Warum?

Am H-Trakt des Gymnasiums kommt einfach alles zusammen: Die Beton-Fertigteile, man nennt sie Pi-Teile, weil sie aussehen wie der griechische Buchstabe , werden normalerweise vollends verfugt, wenn sie neben- und aufeinander gestellt werden, sodass sie für 90 Minuten einem Feuer widerstehen können. Das nennt man F90. Dies ist am H-Trakt unterblieben. Wir haben beim Öffnen der Unterdecken entdeckt, dass man zwischen den Beton-Wänden nach oben den Teppich des Obergeschosses sehen kann. Rauchgase können sich somit wie in einem Schlot durch das Gebäude ausbreiten. Zudem wurden Wände in den Fluren und in den Treppenhäusern nicht bis zur Rohbaudecke hochgezogen, sondern enden an der nochmal mit einer Stahlkonstruktion 40 Zentimeter darunter abgehängten Decke. Und schließlich: Die Betonstärke der Pi-Teile umkleidet den Stahl in ihnen nicht in vorgeschriebener Stärke. All das zusammen ergibt, dass das gesamte Gebäude überhaupt keine Feuerwiderstandskraft hat, also F0.

Und das hat 40 Jahre lang niemand bemerkt?

Nein. Von diesem fatalen Cocktail an Mängeln war bei den regelmäßig durchgeführten Brandschauen nichts zu sehen. Bei einer Brandschau wird überprüft, ob Fluchtwege und Brandschutztüren dem geltenden Recht entsprechen. Dass Innenwände nicht bis zur Betondecke hochgeführt werden, ist ein Mangel, dem wir öfter begegnen. Wer so etwas beispielsweise bei einem Wasserschaden oder einer Reparatur an Kabelschächten entdeckt, wird das an der jeweiligen Stelle reparieren. Von den falsch verbauten Pi-Teilen oder gar der zu dünnen Beton-Schicht darin würde dabei niemand etwas ahnen. Für einen Auftrag dieser Betrachtungstiefe hat niemand je einen Anlass sehen müssen. Wir sind nur darauf gekommen, weil uns die Außenmaße verdächtig vorkamen. Erst danach haben wir gebohrt und die zu schwache Betonschicht freigelegt.

Gilt das auch für den A- und C-Trakt?

Nicht ganz. Diese Trakte sind fünf Jahre älter als der H-Trakt und zeigen eine ganz andere Baukonstruktion auf. Stahlstützen bilden das Tragwerk unter der Decke. Darauf liegt eine Betondecke. Darunter müsste laut Baugenehmigung an einer Strahlkonstruktion ohne jede Feuerwiderstandkraft eine Decke eingezogen werden, die90 Minuten Feuer aushält. Tatsächlich aber hat die einge-baute Decke die Feuerschutzklasse 0. Dies ist nie untersucht worden. Und es deutet alles darauf hin, dass hier Bauabläufe unsinnig geplant worden sind. Die beteiligten Baufirmen haben ihre Arbeiten mangelhaft ausgeführt.

Kann man das nicht reparieren?

Kaum. Wir haben errechnet, dass wir sogar bei einer Erneuerung aller Unterdecken insgesamt lediglich auf eine Feuerwiderstandszeit von 30 Minuten, also F30, kämen. Das könnte man zwar vielleicht mit einer aufwendigen Brandmeldeanlage kompensieren. Doch der Umbau würde nur gelingen, wenn das Gebäude komplett entkernt würde. Dabei kann niemand garantieren, dass die Bauaufsichtsbehörde den Plan, abweichend F30 vorzusehen, genehmigen würde. In der Summe des Aufwandes, der Kosten und der rechtlichen Unsicherheit bleibt unserer Ansicht daher nur der Abriss.

Warum hat dies denn niemand gemerkt bei der Abnahme der Gebäude?

Dazu müssen wir uns in jene Zeit versetzen. Meine Mitarbeiter sind dazu vier Wochen ins Leibniz-Archiv in Hannover gestiegen. Allein diese Quelle zu finden, war schwer. Zur Zeit des Baus galt für Langenhagen die „Bauordnung für den Regierungsbezirk Hannover mit der Ausnahme der Hauptstadt Hannover und der Stadt Hameln vom 29.08.1962“. Die Baujahre liegen vor der Gebietsreform. Es gab noch nicht einmal eine landesweit einheitliche Bauordnung. Verantwortlich waren das Staatshochbauamt und der Landkreis Hannover, beide Behörden gibt es nicht mehr. Wir haben anhand der Akten versucht herauszufinden, ob die von der damals geltenden Rechtsordnung abweichenden Bauteile von irgendjemandem aus guten Gründen genehmigt worden sind. Bei Sondergebäuden ist es auch heute durchaus üblich, dass durch spezielle Kompensationen Abweichungen genehmigt werden. Wir haben aber derlei nicht finden können. Weil die Abweichungen sehr gravierend sind, gibt es für die Genehmigung keinen Bestandsschutz. Deshalb haben wir empfohlen, die Nutzung einzustellen.

Noch einmal: Das muss doch jemand gemerkt haben!

Nein. Bauabnahmen verliefen damals vollkommen anders als heute. Es gab keine genaue Begleitung und Dokumentation der Abläufe durch Fachplaner wie uns schon während des Baus. Der Leiter der Bauaufsicht ging damals mit dem Plan über die fertige Baustelle und machte seinen Haken dran, wenn alles so aussah wie gedacht. Heute verläuft die Bauabnahme im Grunde permanent während des Entstehens. Zudem: Brandschutzgutachter wurden bundesweit erst etabliert, nachdem 1995 bei der Brandkatastrophe am Düsseldorfer Flughafen bestehende Baumängel ans Tageslicht gekommen waren. Vorher hat das niemand als zwingend angesehen.

Kann so etwas wieder passieren?

Kaum. Wie gesagt, schon während des Baus vergleichbar komplexer Gebäude dokumentieren Fachplaner genau, was täglich passiert. Sollten für einzelne Bauteile Abweichungen vorgeschlagen werden, erarbeitet er Lösungen und mögliche Kompensationstechniken wie Sprinkleranlagen. Die Lösungen werden durch Ingenieurmethoden des Brandschutzes entwickelt. Beispielsweise kann die Ausbreitung von Rauchgasen simuliert werden. Wichtig sind auch die Zeiten, die für die Entleerung eines Gebäudes nötig sind. Der Brandschutzprüfer der Region untersucht den Inhalt des Bauantrages und übermittelt seine technische Stellungnahme an die Bauaufsicht der Stadt. Diese macht gegebenenfalls Auflagen und erteilt am Ende die Baugenehmigung.

Herr Stürzl, Ihr Büro erarbeitet jährlich rund 250 Gutachten. Ist Ihnen jemals ein Desaster wie jetzt am Schulzentrum Langenhagen untergekommen?

Nein. Ich bin ein großer Freund davon, auch in komplizierten Fällen eine Lösung zu finden. Aber in diesem Fall ist das einfach nicht möglich. Und, glauben Sie mir, wir fühlen uns dabei allesamt nicht wohl.

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