Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Auf der Suche nach der Modell-Schule

Langenhagen Auf der Suche nach der Modell-Schule

Drei Schulen müssen in Langenhagen grundlegend neu gestaltet werden. Eine 22-köpfige Delegation aus Langenhagen hat sich dazu vier modellhafte Schulen in Nordrhein-Westfalen angeschaut. Es war eine so spannende wie lehrhafte Reise von einem Extrem zum anderen.

Voriger Artikel
Zur Premiere erhält Theatersaal neues Logo
Nächster Artikel
Mit Rekorden zum 20. Geburtstag

Eine 22-köpfige Delegation aus Langenhagen hat sich vier modellhafte Schulen in Nordrhein-Westfalen angeschaut.

Quelle: Neander

Langenhagen. Wie sollen sie aussehen, die neuen Schulen für Langenhagen? An gleich drei Standorten stehen Stadt und Lehrkräfte vor großen Veränderungen. Das Gymnasium muss neu gebaut werden, die Gesamtschulen sowohl am Eichen- wie auch am Brinker Park bedürfen grundlegender Erweiterungen. Das zieht weit mehr Entscheidungen nach sich als die simple Zusammensetzung von Klassenräumen. Wie groß sollen die Räume sein? Wie viele kleinere Zimmer braucht es für differenziertes Lernen? Sind übergroße Lehrerzimmer noch eine weise Entscheidung? Wie gelingt eine sinnvolle Kombination von ruhiger Arbeitsatmosphäre und entspanntem Austausch aller? Fachleute aus Verwaltung, Schule und Politik haben sich dazu auf die Reise gemacht und dabei auch Erkenntnisse gewonnen, nach denen sie gar nicht gefragt haben.

Internationale Friedensschule in Köln

Auf den ersten Blick ein Traum: Der 2007 entstandene Neubau dieser Privatschule beherbergt eine Grundschule, eine Internationale Schule und ein Gymnasium. Jede Schule hat für sich rund 200 Schüler, allein das Gymnasium verfügt dabei über 35 Lehrkräfte. Diesen luxuriösen Schlüssel nennen sogar die Lehrkräfte selbst "amoralisch". 11 bis 19 Schüler bilden je eine Klasse. Während der Besichtigung bestaunt die Reisegruppe einen Chemie-Leistungskurs: Er besteht aus einem Lehrer und - exakt einer Schülerin. Nein, krank sei an diesem Morgen niemand, erklärt der Lehrer später. Und, ja, man verstehe sich. Andernfalls würde dieser Kurs das Grauen für beide.

Vertreter von Langenhagen haben bei ihrer Schulbereisung die  Internationale Friedensschule Köln besucht.

Zur Bildergalerie

Baulich sticht die Schule vor allem durch einen Baustoff hervor: Glas. Sämtliche Räume sind im Inneren bodentief zum Flur verglast. Das gilt auch für das Büro der Schulleitung. Dieses Prinzip "jeder sieht alles" führe zu einer höheren Kritikfähigkeit. "Wenn ein Lehrer seine Klasse zurücklassen muss, weil nichts mehr geht, und er einen Kaffee trinkt, bekommt er von Kollegen Tipps, wie er solche Situationen besser lösen kann", hält Ulrich Charpa, Leiter des bilingualen Gymnasiums trocken fest.

Der Schulkomplex ist nur eine Fahrbahnbreite von einem dicht besiedelten Wohngebiet entfernt. Allerdings war die Schule dort zuerst: Errichtet wurde sie auf einem stillgelegten Zechengelände als sogenannte Ersatzschule. Ärger mit den Nachbarn gebe es keinen, sagt Charpa. Im Gegenteil: Bei der Vermarktung der Neubauflächen wurde der Campus offensiv als Lockmittel eingesetzt. Gleichwohl ist der Haupteingang inzwischen in eine weniger enge Seitenstraße verlegt worden.

Fazit :

Eher geringe Kopiermöglichkeiten. Über die Glaswände kann man diskutieren. Alle anderen pädagogischen Aspekte sind ob der unvergleichbaren Finanzgrundlage nur schwierig zu betrachten. Dass ein Campus Lockmittel für Zuzügler sein kann, wurde von den Langenhagenern indessen mit Interesse aufgenommen.

Leibniz-Montessori-Gymnasium in Düsseldorf

Von Köln nach Düsseldorf geht es nicht nur über den Rhein, von der neugebauten Privatschule in den ehrwürdigen Altbau des Leibniz-Montessori-Gymnasiums wechselt man gefühlt den Planeten. Der Haupttrakt wurde 1896 erbaut, in den 1960-Jahren quetschte sich auf den eng eingekesselten Campus noch ein Turm besonderer Güte: eine Turnhalle auf Säulen, mit Parkplätzen darunter und einer etwa dreistöckigen Aula noch oben drauf.

Vertreter von Langenhagen haben sich bei ihrer Schulbereisung das Leibniz-Montessori-Gymnasium in Düsseldorf angesehen.

Zur Bildergalerie

Dennoch wagte die Schulleitung 2003 den kompletten Neuanfang: die komplette Schule mit 760 Schülern und 75 Lehrkräften stellte sein pädagogisches Tun auf die Montessori-Methodik des freien Lernens und der Projektarbeit um. Der Schritt war gewagt, halten Schulleiter Niels Lorenz und Mittelstufenkoordinator Michael Lucht fest. Denn die Klassenräume sind eigentlich viel zu klein. Und weil die Schule nichts dafür umbauen konnte, ist seither Phantasie gefragt - und genaueste Kunde der Brandschutzrichtlinien. Aus den Parkplätzen unter der Turnhalle wurde inzwischen eine Mensa. In den sehr breiten Fluren bieten fest installierte Bänke und Tische Arbeitsplätze für differenziertes Lernen. Die Schule hat Räume ausgedeutet für ihr Selbstlernzentrum und es ist ihr gelungen, an je zwei Klassenräume einen kleineren dritten Raum anzugliedern.

Vor allem von den mitgereisten Lehrkräften werden die gesonderten Arbeitsräume für die Lehrkräfte wahrgenommen, in die sich Kollegen aus dem allgemeinen und wie überall latent zu kleinen Hauptlehrerzimmer zurückziehen können. Lorenz und Lucht machen aus den alltäglichen Einschränkungen im Altbau keinen Hehl. Die kabellose Internetverbindung funktioniere "je nach Wetterlage", an Inklusion für Schüler mit eingeschränkter Mobilität sei nicht zu denken.

Fazit :

Pädagogik muss sich nicht hinter Architektur verstecken. Dies ist die Hauptbotschaft aus Düsseldorf. Wer von einem Konzept überzeugt ist, kann es auch in einem unverrückbaren Altbau verwirklichen. Gleichwohl machen die Düsseldorfer aus ihrem Neid keinen Hehl: Einmal vollkommen neu bauen dürfen, so eine Chance hätten sie auch gerne.

Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck

Center-Park? Tropenhaus im Zoo? Dänische Ferienhaus-Siedlung? Am zweiten Tag der Tour fallen den Reisenden beim ersten Anblick der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck eine ganze Reihe schuluntypischer Vergleiche ein. Vor ihnen erstreckt sich ein verwinkeltes Konstrukt begrünter und von Wasser umgebener Holzhäuser, die eher an die Bothfelder Grasdachsiedlung erinnern. Auf Schule deutet nichts außen und nichts innen: Die Schulleitung residiert im "Rathaus", die Aula im "Theater". Prinzip dieser Struktur ist die Idee des Architekten, die Schule als lebende Stadt abzubilden.

Was für die Pädagogen erfrischend und befreiend wirkt, treibt den Baufachleuten in der Runde den kalten Schweiß auf die Stirn. Constrata-Projektleiter Jens Kerkhoff sieht vor allem die unzählbaren Übergänge verschiedener Materialien, Kanten und Winkel nebst Rissen im Außenputz.

Vertreter aus Langenhagen haben sich in Gelsenkirchen-Bismarck die evangelische Gesamtschule angesehen.

Zur Bildergalerie

Während bei den Hochbau-Vertretern im Geiste die Kasse der Instandhaltungskosten im Dauerton Ping macht, lassen sich die Pädagogen durchaus begeistern: für die rund um das Hauptgebäude verteilten Klassenhäuser beispielsweise. Ein Jahrgang verfügt über je fünf Klassenzimmer. Jedes Klassenzimmer hat seine eigene Empore für Differenzierungsangebote sowie eigene Toiletten. Weil dortige Schmutzfinken damit sofort identifizierbar sind, geben sich die Schüler mehr Mühe, versichert Rolf Olaf Geisler. Der Lehrer ist seit dem Baustart der Schule 1998 dabei und leitet heute die Abteilung I. Mehr noch: Zu Beginn wurde nur das Hauptgebäude unter anderem mit Verwaltungstrakt, Aula und Mensa gebaut, sowie das erste Klassenhaus für den ersten Jahrgang. Mit jedem weiteren Lebensjahr der Schule kam ein weiteres Klassenhaus dazu. "Die dafür notwendigen Pläne haben die Schüler jeweils mit der Schule und den Architekten gemeinsam entwickelt", erzählt Geisler seinen staunenden Gästen. Nicht alles funktionierte dabei auf Anhieb: Zwischen die Gärten, die in der Verantwortung der jeweiligen Klassen liegen, hat die Schulleitung inzwischen Zäune ziehen müssen, um "Streiche" und "Revierstreitigkeiten" im Zaum zu halten. Das Schulgelände selbst blieb offen - wird aber seit mehrfacher Einbruchsserien inzwischen nahezu lückenlos von Kameras überwacht.

Die Bibliothek der Schule steht dem gesamten benachbarten Stadtteil offen. Dieser hat es laut Geisler durchaus in sich: Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 40 Prozent. Aus dieser Nachbarschaft kommt rund die Hälfte der 1200 Schüler, der Rest setzt sich aus den Abgängern von nicht weniger als 43 Grundschulen Gelsenkirchens zusammen. "Konferenzen mit Grundschullehrkräften scheiden daher aus", räumt Geisler ein. 

Umso wichtiger sei vor diesem Hintergrund der stetige Austausch der Lehrkräfte. Weil sich übervolle Lehrerzimmer dafür nicht anbieten, existiert im Haupthaus ein Lehrer-Café. Da dort auch die Poststelle untergebracht ist, müssen alle Lehrkräfte einmal am Tag dort auftauchen. Eine Kaffeemaschine und mehrere Couch-Elemente laden ein zum Plausch. Für ruhigeres Arbeiten steht den Lehrkräften der Jahrgänge in den Klassenhäusern jeweils ein gemeinsames Arbeitszimmer zur Verfügung.

Fazit :

Wasser rund ums Haus verbessert das Klima darin. Verwinkelt wie eine Ferienhaussiedlung muss Schule deshalb aber nicht aussehen. Besonders beeindruckt hat die Gruppe das Prinzip der Jahrgangshäuser und die damit verbundene differenzierende und komplett inklusive Arbeitsweise. Auch der Arbeitsalltag für Lehrkräfte zwischen Klassenraum, Lehrercafé und Arbeitszimmer fand bei den Profis Anklang.

Evangelisches Gymnasium Bad Marienberg

Arbeitsteilung ist 'was Feines - vor allem, wenn einem ein solches Triumvirat gegenüber sitzt: Schulleiter Dirk Weigand zur Rechten, Technikchef Christoph Kopp zur Linken und mittendrin Geschäftsführer René Roos. Sie drei haben am Rande des Siegerlandes im ländlichen Niemandsland das Evangelische Gymnasium auf Kurs gebracht. Die Verluste sind eingedämmt, die laufenden Kosten massiv reduziert. Und selbst in der Mensa leeren wieder alle ihren Teller in die richtige Richtung; die Müllmenge ist auf 10 Prozent des Vorwertes geschrumpft.

Lang zu fackeln scheint hier niemand. Probleme sind dazu da, gelöst zu werden. Und Lösungen werden hier auch schon mal platziert, noch bevor irgend jemand ein Problem genannt hat. "Mal gleich zu Anfang: Bauen Sie nicht zu klein!" lautet eine der Roos'schen Losungen, die keinen Widerspruch dulden. Roos spricht mit Leidensdruck: Geplant war die Schule für zwei Züge, inzwischen beherbergt sie satt gleich drei. Anbauen will die Kirche nicht. Allerdings freut sich der Landkreis, dass das Gymnasium stetig die frei werdenden Räume der benachbarten, sterbenden Realschule übernimmt.

Vertreter von Langenhagen haben sich bei ihrer Schulbereisung das  Gymnasium Bad Marienburg angesehen.

Zur Bildergalerie

Bei der zweiten Losung klingen die Ohren von Stadtbaurat Carsten Hettwer und CDU-Ratsfrau Claudia Hopfe gleichermaßen, wenn auch aus konträren Gründen: "Schulen müssen von eigenen Kräften gereinigt werden, Fremdreinigung hat keinen Sinn." Hettwer verkneift sich allzu sichtbare Genugtuung, Hopfe (im Rat durchaus Befürworter der Fremdreinigung in Schulen) macht eifrig Notizen. Roos aber erläutert sehr eindringlich, warum er eine starke Verbindung zwischen Arbeitskräften und Gebäudeobjekt für unverzichtbar hält: "Ich habe durch massive Qualifikation unserer Hausmeister zu Haustechnikern pro Jahr mein Jahresgehalt mehrfach eingespart." Roos leitet als Geschäftsführer gleich fünf Schulen im Verbund. "Ich habe an jedem Standort zwei Handwerker aus verschiedenen Gewerken als Haustechniker eingestellt." 85 Prozent aller anfallenden Arbeiten werden im Verbund inzwischen nicht mehr an Handwerksbetriebe vergeben. Die Reinigungskräfte wissen ihren Technikchef Kopp im Rücken, wenn sie allzu verdreckte Klassenräume nicht reinigen, sondern statt dessen die Bitte um Rücksprache an der Tafel hinterlassen.

Auch baulich ist Bad Marienberg denkwürdig: Am Start waren 2007 dieselben Architekten aus Stuttgart, die jetzt auch das Schwimmbad in Langenhagen entworfen haben. Dass es bis heute nicht ganz reibungslos läuft - vor allem, weil bei einem der metallenen Flachdächer stumpf die nötige Neigung vergessen worden war -, stellt Roos klaglos vor. Man habe sich juristisch inzwischen geeinigt. Für Roos sind damit alle Fragen geklärt. Widerspruch bleibt aus. 

Fazit :

Wer sich mit seiner Umgebung identifiziert, hält sie in Schuss. Und tatsächlich gilt dies in Bad Marienberg auch für die Schüler. Von Vandalismus gibt es keine sichtbare Spur. Die Mensa brummt, seit dem das neu aufgebaute Cook&Chill-System von eigenen Kräften unterstützt wird. Für 4 Euro "All you can eat" - und trotzdem landet so gut wie nichts im Müll. Vorausschauend großzügig zu planen haben Geschäftsführer wie Schulleiter der Gruppe ins Reise-Tagebuch geschrieben.

Teilnehmer der Reise

Es war eine bunte Truppe, die sich frühmorgens auf den Weg gemacht hat. Gastgeberin war Sozialdezernentin Monika Gotzes-Karrasch. Organisiert worden war die Fahrt von Ilke Schlieker aus der Schulabteilung. Zu den Reisenden des Schulbereichs gehörte zudem Schulabteilungsleiter Peter Probosch. Für den Baubereich reisten Stadtbaurat Carsten Hettwer, sein Hochbauchef Carsten Busch und seine Kollegin, die Architektin Denise Fontaine. Ihnen zur Seite stand der Projektleiter des Ingenieur-Büros Constrata, Jens Kerkhoff. Constrata begleitet die Stadt derzeit bei den vorbereitenden Arbeiten für das neue Schulzentrum. Beim Bad-Neubau ist Constrata als Steuerungsbüro eingesetzt.

Aus der Politik nahmen Dagmar Janik für die SPD, Ulrike Jagau und Michael Horn für die Grünen sowie Bernhard Döhner, Reinhard Grabowsky, Gabi Spier und Claudia Hopfe für die CDU und der unabhängige Ratsherr Wilhelm O. Behrens teil. Für den Seniorenbeirat machte sich Dieter Palm auf den Weg. Aus der IGS an der Konrad-Adenauer-Straße waren Kerstin Brücken, Koordinatorin der Sekundarstufe I, dabei sowie ihre Kollegin, die didaktische Leiterin Ulrike Bodenstein-Dresler. Für die Grund- und Gesamtschule Langenhagen-Süd informierten sich die Lehrkräfte Esther Goebel und Christian Baade. Vertreter des Gymnasiums waren nicht dabei. Nach der Absage der ersten Schulbereisung sei der Termin, so Schulleiter Matthias Brautlecht, "an ihm vorbeigegangen".

Von Rebekka Neander

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Schulzentrum Langenhagen

Nahezu vollständig müssen das Gymnasium und ein Teil der IGS abgerissen und neu gebaut werden, weil der Brandschutz nicht gewährleistet ist. Mehr zum Schulzentrum Langenhagen lesen Sie hier. mehr