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Wundenlecken nach der Wahl

Langenhagen Wundenlecken nach der Wahl

Eine "klare Niederlage" nennt Langenhagens SPD-Chef Marco Brunotte die Kommunalwahl. Die CDU hat vergeblich auf einen "Bürgermeistereffekt" gehofft. Bei den Grünen ist die Euphorie nach dem Fukushima-Unglück gewichen. In Ruhe wollen SPD und CDU nun über künftige Bündnisse und Strategien beraten.

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Der Wahlkampf verlief in Langenhagen auf den letzten Metern nicht besonders freundlich. Dies bekamen viele Parteien zu spüren.

Quelle: Neander

Langenhagen. Um deutliche Worte ist Marco Brunotte am Morgen nach der Wahl nicht verlegen: "Wir haben ordentlich verloren und müssen eine klare Niederlage hinnehmen." Gleichwohl lässt sich der Langenhagener SPD-Chef nicht hörbar aus der Ruhe bringen. "Wir werden am Freitag im Vorstand zusammenkommen und die Ergebnisse in Ruhe analysieren." Dabei gehe es vor allem darum, das starke Abschneiden der AfD auf Langenhagen-spezifische Ursachen abzuklopfen. "Es ist schon interessant, dass die Menschen in der Region, in der Stadt und im Ortsrat zum Teil vollkommen unterschiedlich abgestimmt haben. Das müssen wir uns ansehen."

Zur künftigen politischen Arbeit mit nunmehr 14 statt bislang 17 Sitzen im Rat äußert sich Brunotte pragmatisch. "Wir müssen jetzt besprechen, ob wir künftig weiterhin feste Konstellationen brauchen." Brunotte kann sich durchaus vorstellen, sachorientiert mit wechselnden Mehrheiten die Belange der Stadt zu entscheiden. Eine Gefahr ausufernder Debatten ohne zeitnahe Beschlüsse sieht er nicht zwingend. "Wir diskutieren ja auch jetzt schon lange und das wird auch so bleiben." Schlimm sei dies nicht. "Wenn wir gar nicht diskutieren würden - das wäre ein Fehler." Ganz aus dem Blick lässt Brunotte eine mögliche große Koalition mit der CDU jedoch nicht. Auch die Christdemokraten müssten ja nun erst darüber befinden, wie sie mit ihrer Situation umgehen. Eine Kooperation mit der AfD schließt Brunotte aus, "das passt programmatisch schon überhaupt nicht".

Regionsversammlung

Für die SPD hat Elke Zach erneut den Einzug in die Regionsversammlung geschafft. Claudia Hopfe zieht für die CDU erstmals in dieses Gremium ein.

Ähnlich äußert sich auch Reinhard Grabowsky, Stadtverbandsvorsitzender der CDU. "Wir kommen am Montagnachmittag zusammen und werden ein erstes Meinungsbild zusammentragen." Dabei solle erörtert werden, "ob wir eigenständig bleiben oder koalieren". Vor der Wahl hatte Grabowsky ein Bündnis mit einer der kleineren Gruppierungen ausgeschlossen. Ihr Fortbestehen, dies habe die Erfahrung mit dem Beginn der jetzt endenden Ratsperiode gezeigt, sei nicht belastbar.

Als Ursache für das stellenweise sehr schlechte Abschneiden der CDU nennt Grabowsky die inhaltliche Konkurrenz durch kleinere Mitbewerber. "Das ist schon sehr typisch Langenhagen." Eine Zusammenarbeit mit der AfD kann sich Grabowsky persönlich zwar nur schwer vorstellen. Ganz grundsätzlich wolle er sich zu anderen Parteien nicht äußern, bevor er sich nicht mit seinen Parteikollegen ausgetauscht habe.

Grabowsky verhehlt nicht, dass er sich von der Wahl des früheren CDU-Fraktionsvorsitzenden Mirko Heuer zum hauptamtlichen Bürgermeister mehr versprochen hat. Heuer selbst macht er dabei keinen Vorwurf. "Er hat sich im Wahlkampf gesetzeskonform neutral verhalten, im Gegensatz zu seinen Kollegen in Hannover und in der Region."

Langenhagens Grünen-Chef Rolf Linnhoff rückt am Morgen nach Wahl die Welt wieder in ihre Fugen: "Wir haben 2011 eindeutig von der Atom-Katastrophe in Fukushima profitiert und jetzt damit gerechnet, dass es geringer ausfallen würde." Mit 10 Prozent hätten die Grünen aber zum einen ihr Wahlziel eines zweistelligen Ergebnisses erzielt, zum anderen "ist dies immer noch das zweitbeste Ergebnis, das die Grünen in Langenhagen bislang erreicht haben". Eine große Koalition im neuen Rat nennt Linnhoff nicht wünschenswert. "Dies verstärkt die Politikverdrossenheit, weil alle anderen aus den Debatten rausgehalten werden." Einen Grund zur Freude hat Linnhoff dennoch: "Das Experiment in Krähenwinkel hat funktioniert!" Dort waren Grüne und SPD mit einer Koalitionsaussage in die Wahl des Ortsrates gestartet. "Dort kann Marion Keller nun, nachdem sie dem Rat nicht mehr angehört, ihre Arbeit gut fortsetzen." Ganz fremd sei ihr das nicht, wie Linnhoff ergänzte: "Ihr Vater war dort einst für die SPD Ortsbürgermeister."

Kommentar

Bürgernähe wirklich leben

Neun Parteien und politische Gruppierungen, nur eine klare Option für eine komfortable Mehrheit – wer sich die eine oder andere Ratssitzung der jüngeren Vergangenheit vor Augen führt, dem schwant Böses. Endlose Debatten, vertagte Beschlüsse im Dutzendpack. Doch bei Licht betrachtet zeigt das Wahlergebnis durchaus erfreuliche Tendenzen: Während zu Beginn der jüngsten Ratsperiode die hineingewählten Fraktionen teils noch am Wahlabend zerbröselten, findet sich jetzt gleich eine Hand voll an Politik-Neulingen, die der Kampf für Eigeninteressen auf die Wahlliste geführt hat.

Sie haben sich von ungezählten Ausschusssitzungen, an denen sie teilgenommen haben, eben nicht verdrießen lassen. Stattdessen haben sie viel Freizeit und Engagement in den Wahlkampf gesteckt. Mit Erfolg. Dass es alle tatsächlich in den Rat geschafft haben, zeigt: Die Wahl war kein Lagerkampf zwischen Etablierten und AfD.

Jetzt sind alle gefordert: Die Idee, Langenhagens Belange künftig in wechselnden Mehrheiten zu formen, ist eine Herausforderung, die nicht zu unterschätzen ist. Aber sie ist auch eine große Chance. Dies kann aber nur gelingen, wenn die stadtweit propagierte Bürgernähe bei allen Beteiligten auch ins wirkliche Leben einzieht und statt einstiger Einzelinteressen konstruktiv jetzt für die ganze Stadt gestritten wird.

Dass die Wähler Interesse an ihrer Stadt haben, zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der Ortsräte, in denen jetzt fast überall gleich vier Parteien über die Geschicke ihrer Heimat verhandeln mögen. Die Unabhängigen Wähler Engelbostels wollen jetzt als Zünglein an der Waage ihre Unterstützer fragen, wen sie im Ortsrat unterstützen sollen. Für die etablierten Parteien beginnt zweifelsohne ein Lernprozess. Er wird anstrengend sein zuweilen. Doch wie jedem Schüler sei deshalb gesagt: Wer lernen darf, sollte dankbar sein.

Von Rebekka Neander

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