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Tanz bei Keks und Tee

Langenhagen Tanz bei Keks und Tee

Zum zweiten Mal hat der Integrationsbeirat jene Menschen zu Weihnachten eingeladen, die in Langenhagen Schutz suchen vor Krieg und Elend. Weil der Ratssaal dieses Mal nicht ausreichte, beherbergte das Forum das bunte Treiben, kuriose Begegnungen und ungewohnte Tanzeinlagen.

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Yasmin
(von links), Zenah und Adnan hoffen jetzt vor allem darauf, dass sie in ihrer neuen Heimat Arbeit finden.

Quelle: Rebekka Neander

Langenhagen. Am Ende ist es vollkommen egal, woher der Weihnachtsmann kommt. Ob aus Lappland, ob ihn Coca-Cola erfunden hat oder ob es womöglich doch irgendeinen christlichen Zusammenhang gibt. Nein, wenn ein gütiger Kerl im roten Mantel und mit merkwürdigem Bart Schokolade verteilt, ist das allemal ein lockendes Spektakel. Und nicht nur die Kinder im Forum hatten am Sonnabendnachmittag ihre helle Freude an ihm.

Gut zwei Stunden lang wogte im Forum an der Schützenstraße eine bunte, zuweilen etwas chaotische Feier. Die Grußworte des stellvertretenden Bürgermeisters Willy Minne gingen im Sprudeln von Sprache und Gelächter mangels einer Mikrofon-Anlage ebenso unter wie die von Erwin Eder, dem Vorsitzenden des Integrationsbeirates. Das tat dem Spaß aller Beteiligten jedoch keinen Abbruch: Zu den Klängen der Akkordeon-Freunde tanzten die Kleinsten mit auf der Bühne. Nach der spektakulären Show der Tanzschule LGH Movement erprobten sich neben den Jugendlichen auch so manche Erwachsene in den ersten Breakdance-Kunststücken. Knapp ein Dutzend ortsansässige Firmen und Privatpersonen hatten die Feier im Vorfeld als Sponsoren unterstützt. Auf den Tischen stapelten sich Keks und Lebkuchen. Und jedes Kind konnte sich mit dem Weihnachtsmann fotografieren lassen und das Bild mitsamt der überreichten Schokolade mit nach Hause nehmen.     

Wie sind Sie hierher gekommen?

Yasmin, 24 Jahre alt, hat vor rund drei Jahren mit einem Freund Somalia verlassen müssen. Der Vater ist tot, die Schwester auch. Wo ihre Mutter ist, weiß sie nicht. Den Freund haben die Flucht und Geschehnisse, über die die junge Frau nicht sprechen möchte, von ihr getrennt. Sie wäre auch in Griechenland oder der Türkei geblieben, doch das wurde ihr dort verwehrt. Und so landete sie vor gut zwei Jahren in Langenhagen.

Zenah, 19 Jahre alt, ist im Iran geboren als Kind afghanischer Eltern, die vor dem Krieg in den Iran flohen. Vor vier Jahren verließ die Familie den Iran, weil „sie Afghanen dort alles verbieten“. Keine Schule, keine Arbeit. „Wir sollten raus.“ Auf der Flucht wurden ihr siebenjähriger Bruder und sie selbst von der Familie getrennt. Erst vor sechs Monaten fand die fünfköpfige Familie schließlich in Langenhagen zusammen.

Adnan, 30 Jahre alt, geriet als Fotograf vor wenigen Monaten in Kobane zwischen die Kriegsfronten. Seine Flucht führte ihn mit Schiff, Bus und Bahn durch halb Südost-Europa, bis er am 11. September in Hamburg und zwei Wochen später in Langenhagen ankam. Seine Familie ist noch immer im syrischen Aleppo. Der Vater wolle sein Land nicht mehr verlassen. Aber Adnan hofft, dass er vor allem seinen 16-jährigen Bruder nachholen kann. „Zu Hause ist alles zerstört. Dort beginnt die Zukunft erst in zehn Jahren wieder.“

Wie geht es ihnen jetzt?

„Ich bin glücklich, weil ich hier bin“, sagt Yasmin. „Und ich bin unglücklich, weil meine Familie nicht mehr da ist.“ Vor allem aber ist sie dankbar, dass sich Menschen wie Humira Pragasky vom Integrationsbeirat ihrer angenommen haben. „Ohne ihre Hilfe wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“

Zenah, sprühend in ihrer Freundlichkeit, hat die vergangenen Jahre klar analysiert. Wer ihr zuhört, ahnt, dass dies die einzige Strategie ist, mit der sie die Geschehnisse verarbeiten kann. Kurz nach der Ankunft des älteren Bruders und des Vaters wurde bei beiden eine Krebserkrankung entdeckt. „Zuerst haben wir sehr geweint, dass wieder alles schrecklich wird“, sagt Zenah. „Aber dann haben wir begriffen: Wir sind hier im Paradies. Hier gibt es Ärzte. Und hier wird man behandelt.“

Adnan zeigt sich glücklich. Vor allem, weil er vor wenigen Tagen aus dem Schlafsaal für 53 Personen in der Notunterkunft mit einem Freund in ein Doppelzimmer im Rohdehof umziehen durfte. „Das Leben ist vollkommen anders jetzt“, sagt der Asthmatiker, der vor allem unter den vielen Rauchern in der Großunterkunft gelitten hat.

Was machen Sie jetzt hier?

Wiedergeben, was ihnen gegeben. Und das eigene Leben am Schopf packen. Yasmin lebt inzwischen in einer kleinen Wohnung in Langenhagen von Hartz IV und arbeitet in der Volkshochschule an ihrem Hauptschulabschluss. Nebenbei hat sie sich einen Mini-Job als Putzfrau gesucht. Zeitgleich hilft sie ehrenamtlich im Alleweltladen in Hannover und assistiert als Dolmetscherin in der Notunterkunft. Zenah steckt in ihrer Ausbildung zur Pflegeassistentin. Adnan hilft mit, den Kleinsten in der Notunterkunft Buchstaben und Zahlen beizubringen.

Was ist Ihr Weihnachtswunsch?

Arbeit. Sowohl Yasmin als auch Zenah möchten in der Krankenpflege arbeiten. Dafür fehlt Yasmin noch ein Praktikum. Fragen, ob sie für ihre Wohnung etwas braucht, wischt sie ungeduldig vom Tisch. „Ach, das kann man alles irgendwie lösen. Alles, was ich brauche, ist ein Praktikumsplatz in einem Krankenhaus.“ Und dann seufzt sie doch. „Mit dem Kopftuch ist alles überall schwer.“ Zenah wünscht sich einen Platz für ihren älteren Bruder in einem Deutschkurs. „Damit er im Krankenhaus sagen kann, was mit ihm los ist.“ Adnan, der seine Studiums-Papiere auf der Flucht verloren hat, hofft, seine Ausbildung wieder aufnehmen zu können. Auch er sucht einen Praktikumsplatz.

Wer helfen möchte, erreicht den Integrationsbeirat der Stadt unter Telefon (0511) 73079108.

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