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Jules Verne ist in Langenhagen zu Hause

Langenhagen Jules Verne ist in Langenhagen zu Hause

Was für viele Menschen Briefmarken oder Münzen sind, ist für den Langenhagener Wolfgang Thadewald Jules Verne. Der 78-Jährige besitzt eine unschätzbar wertvolle Sammlung, die er jetzt öffentlich zugänglich machen will. Doch wo?

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Bücher, Bücher, Bücher: Wolfgang Thadewald sitzt nmitten von Tausenden von Science-Fiction-Werken.

Quelle: Michael Krowas

Langenhagen. Seit 55 Jahren beschäftigt sich der Gründer des ersten hannoverschen Science-Fiction-Kreises mit dem Autor, der als Begründer der modernen utopischen Literatur gilt. Thadewald hat mehr als 500 Fachartikel über Verne verfasst, sich auf 39.000 Seiten auf einer CD-ROM über dessen Werk ausgelassen. Zurzeit schreibt er an einer Bibliografie. Mehr als 4000 Exponate – von Filmplakat bis DVD, von Buch bis Hörspiel – hat der rührige Langenhagener bisher zusammengetragen. Jetzt denkt er daran, seine Sammlung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch wo? In der engeren Auswahl sind die Phantastische Bibliothek im hessischen Wetzlar und die Leibniz Bibliothek in Hannover.

Jules Verne

Der Pionier der Fantasy

Der französische Schriftsteller Jules Verne (1828–1905) gilt neben H. G. Wells („Die Zeitmaschine“) als Begründer der Science-Fiction-Literatur. Seine Bücher „In 80 Tagen um die Welt“, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „20.000 Meilen unter dem Meer“ sowie die von ihm geschaffene literarische Figur des Kapitän Nemo sind unsterblich geworden.

Beim Besuch Thadewalds in Langenhagen fällt auf: Bücher, wohin das Auge schaut. Eine überwältigende Vielfalt an bedrucktem Papier. Bücher in Regalen, in Stapeln auf dem Boden und in Kartons. Doch der Mann mit den wachen Augen ist viel mehr als nur Sammler von fantastischer Literatur. Angefangen habe alles 1958, sagt Wolfgang Thadewald. Er habe damals schon gern fantastische Romane gelesen und sei in einem Antiquariat auf ein Konvolut von Büchern des Autors Jules Verne gestoßen. „98 Ausgaben für eine Mark pro Band - da musste ich einfach zugreifen“, erinnert sich der 78-Jährige. Damals hat er den Grundstock gelegt für seine atemberaubende Science-Fiction-Sammlung: Inzwischen sind es weit über 4000 Exponate - allein von Jules Verne. Mehr als 50.000 Bände fantastischer Literatur nennt er sein Eigen, er braucht nur Sekunden, um in dem vermeintlichen Bücherchaos ein Werk zu finden.

Thadewald leidet seit Jahren an der Parkinsonschen Krankheit. Sie hat ihn gezeichnet; seine körperliche Beweglichkeit ist eingeschränkt, seine geistige nicht. Vor einiger Zeit, als er noch mobil war, hat er Antiquariatsreisen durch ganz Deutschland unternommen. „Ich hab mal in Dortmund in einem Laden gestanden und gefragt, ob sie was von Jules Verne haben. ‚Ach‘, bekam ich zur Antwort, ‚dann müssen Sie der Herr Thadewald aus Langenhagen sein.‘“

Er ist nicht nur Sammler, sondern hat selbst Dutzende von utopischen Geschichten und Fachartikeln geschrieben. Im Moment arbeitet er wieder. Nach langer Schaffenspause meldet er sich nun mit Science-Fiction-Geschichten um die Familie Ranz zurück. Der Hauptprotagonist heißt Ingo, die Mutter Inga und die Tochter Inge - Namensgebung, entstanden mit typischem Thadewaldschen Augenzwinkern. Er hat schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Preise für seine Fotos bekommen. Er ist Herausgeber des Fachmagazins „Chroniken“, außerdem ist er gefragter Ratgeber und Spezialist bei allen Fragen rund um das Genre.

Zwei Jahre lang war er im Auftrag der Europäischen Kommission wissenschaftlicher Mitarbeiter für ein Forschungsprojekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. „Klingt spektakulärer als es ist“, sagt Thadewald grinsend. „Wir sollten nur prüfen, welche Science-Fiction-Erfindungen tatsächlich umzusetzen sind.“

Wolfgang Thadewald

Er verlegt Gedichte vom Papst

Wolfgang Thadewald hat es als Autor, Herausgeber und Sammler von Science-Fic-
tion zu Weltruhm gebracht. Darüber hinaus war er lange Zeit als Agent für Autoren tätig. Im deutschsprachigen Raum vertrat er die Interessen von Stanisław Lem („Solaris“), dem Wegbereiter der modernen Science-Fic-
tion. Mit ihm war er bis zu dessen Tod im Jahr 2006 über 40 Jahre lang befreundet.
Ein weiterer polnischer Autor wurde ebenfalls von Thadewald betreut: Karol Wojtyła. Dass dessen Gedichtbände in deutscher Sprache erschienen sind, ist Thadewalds Verdienst. Als eben dieser Autor später unter dem Namen Papst Johannes Paul II. eine andere Karriere nahm, hatte Thadewald seine Finger ausnahmsweise einmal nicht im Spiel. Auch Marian Orzechowski, ehemaliger Außenminister Polens und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, wurde von Thadewald vertreten.

Thadewald war nie verheiratet, er hat keine Kinder. „Wahrscheinlich bin ich zu verrückt für eine Frau“, sagt er. Anfang der sechziger Jahre gründete er gemeinsam mit Ernst-August Pösse die Science-Fiction-Gruppe Hannover - seitdem ist er auch mit Pösses Frau Siegrid befreundet. Sie - jetzt Witwe - ist selbst begeistert von allem Utopischen. Man redet, tauscht sich aus, macht sich Gedanken. Und einer der Punkte, die Thadewald am Herzen liegen: Was passiert mit meiner Sammlung, wenn ich mal nicht mehr bin?

Er steht in engem Kontakt mit der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar, zu deren Aufsichtsrat er auch gehört. „Thomas Le Blanc, der Gründer, würde das ja alles nehmen, aber er hätte nur einen Durchgangsraum zur Verfügung. Da ist es ein Leichtes, mal eben ein Buch einzustecken.“ Nicht nur der materielle, eher noch der ideelle Wert ist für Thadewald wichtig - für den Sammler ein unerträglicher Gedanke, auch nur eins seiner Stücke zu verlieren.

Mit Georg Ruppelt, dem Leiter der hannoverschen Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek, ist er ebenfalls im Austausch. „Da würden die Sachen in Kartons verpackt irgendwo rumstehen. Wartend worauf?“ Nein, dass das nicht in seinem Sinne ist, ist klar. Wie wäre es mit einem Ausstellungsplatz in Langenhagen, seiner langjährigen Heimat? Oder einem Stadtmuseum? „Hm“, sagt Thadewald und grinst, „mal sehen. Noch lebe ich ja.“

Michael Krowas

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