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Kunst im Abrisshaus

Langenhagen Kunst im Abrisshaus

Für gesetzestreue Wärmedämmung taugt es nicht mehr. Als Galerie auf Zeit aber ist es perfekt: Die KSG hat in Wiesenau ein Abrisshaus zur Verfügung gestellt. Seit dem Herbst durfte es als Atelier genutzt werden. Bis Mitte Juni nun können die Kunstwerke darin bewundert werden - bis der Abrissbagger kommt.

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KSG-Quartiersmanagerin Claudia Koch betrachtet eine Installation aus Schutt und Malerei.

Quelle: Chadde

Langenhagen. Letzte Spuren der sechs Mietparteien finden sich noch an Briefkästen und Klingerschildern. Die Freiligrathstraße 10 war mal Adresse und Heimat. Doch das KSG-Gebäude entspricht nicht länger den Wohn-Anforderungen in Sachen Wärmedämmung und Komfort und soll bald abgerissen werden. Doch vorm Verschwinden wurde es zum „offenen Kunsthaus“ und überrascht mit einer beeindruckenden Metamorphose der abgewohnten Zimmer.

Seit Herbst 2015 darf das Gebäude als Atelier genutzt werden. Wer Lust und Zeit hatte, konnte seine kreative Ader ausleben. Künstlerisch geschulte Solisten machten ebenso wie Schulklassen und freie Gruppen mit, weshalb derzeit jede Kunstform im „Offenen Kunsthaus“ zu finden ist.

Schon im Treppenhaus startet der Rundgang mit Fotoarbeiten, die den Projektstart dokumentieren. Im Keller zündet die Gruppe „fire friends“ ein kreatives Feuerwerk, was mit echten Flammen einherging. Sie kokelten in den Kellerräumen, was unter anderen Umständen wohl Hausverwaltung und Feuerwehr auf den Plan gerufen hätte. Doch im Fall des „Offenen Kunsthauses“ entstanden Fotografien voller Magie, während aktuell Begriffe wie „Wärme“ oder „Licht“ die weiß gekalkten Wände zieren. Wirkt die Tour vom Keller bis zum Dachboden anfangs hingebastelt, entwickelt sie bald rauen Charme und birgt Kraft und Einfallsreichtum. Sofern die Muße reicht, um den ungewohnten Eindrücken Zeit zu schenken.

Eine Zimmertür ist mit dem Satz „Migration – Weg in ein neues Leben?“ beschriftet. Sie führt in einen Raum, den die Berufsschulklasse der Celler „Albrecht Thaer BBS III“ gestalterisch nutzt, um den Flüchtlingstreck von Syrien nach Deutschland nachzuzeichnen. Die Wand wird zur Landkarte, auf der die Stationen markiert sind. „Spielregeln“ ergänzen die Installation, die für unzählige Menschen derzeit bittere Wirklichkeit ist. Erklimmt man dann die steile Treppe zum Dachboden, stellt sich spontan die Frage: Tatort oder Wäscheboden? Lauter rote Sprengsel sind an Wand und Fußboden verteilt. „Viele denken an Haarmann“, haben die Aussteller während der vergangenen Öffnungszeiten gehört. Ist das jetzt etwa Blut? Die Wandbeschriftung klärt zweisprachig auf: „Ich habe nur mit Farbe gespielt. Was dachtest Du denn?“

Ein offenkundig völlig harmloses Gebäude inspiriert zu extremen Assoziationen, die aber auch ganz 68-er-mäßig mit Blumen und Friedensliedern wie bei „LISA“ ihren Niederschlag finden können. Den Türrahmen beschriftete sie mit den Wort „Frieden“ in verschiedenen Sprachen. Ein Besucher fügte spontan das portugiesischen „Paz“ hinzu. Die ausgebildete Grafikerin nutzte das Haus am längsten und lädt zur Erweiterung des Sehsinns durch Hören und Schmecken ein. Ihre Orgel aus gefüllten Wassergläsern animiert zahlreiche männliche Ausstellungsbesucher zum Musizieren. „Die Frauen guckten zu“, wie Martin Ehlers beobachtete. Außerdem befestigte LISA in Höhe von Kinderhänden eine gefüllte Bonbontüte, so dass auch noch der Geschmackssinn mitspielen darf.

Christa Schmidt ließ die Geschichte der Räumlichkeiten unberührt. Sie nutzt die grün-grau beschmierten Wände als Kulisse ihrer farbstarken Acrylarbeiten. „Das wirkt noch strahlender, als auf den weißen Wänden des Quartierstreffs“, wie Betrachter rückmeldeten. Fest steht: Hier ist niemand mehr auf der Suche nach Design oder Schönheit, aber auf Entdeckungsreise.

Sogar ein beinahe verkannter Künstler wurde beim Reinigen der Treppe entdeckt. Der Unbekannte schnitzte ein Motiv in die Holzstufen, das zur Ausstellung mittels weißer Papprahmen besonders gewürdigt wird. So scheint das Haus, dessen letzte Stunde als Gebäude bald geschlagen hat, eine neue Sensibilität für Raum, Form und Farbe hervorzubringen.

Staunen darf man auch: Schreibt Martin Ehlers von Zwängen, Enge und Anforderungen, bringt die Abendsonne seine filigrane Kupferdrahtinstallation zum Leuchten. Das wirkt im Kontrast zum pathetischen Text eher poetisch. Aber auch das kann ein Haus sein: aufgeladen mit Interpretation. Verlässt man das Gebäude nach dem Ausstellungsrundgang, der auch Farbinstallationen an Wänden oder den neuen Blick auf sonst versteckte Rück- und Unterseiten von Duschwannen und Öfen bietet, blickt man auf einen Papierzettel: ein Messdienst kündigt den Austausch der Rauchmelder für Februar 2014 an.

Und nach dem künstlerischen Einfallsreichtum wirkt das ziemlich skurril. Lächelnd tritt man auf die Straße - schöner kann ein Hausabschied nicht gelingen.

Öffnungszeiten:

Das Offene Kunsthaus an der Freiligrathstraße 10 ist anlässlich des Nachbarschaftsfestes am Freitag, 27. Mai, von 15 Uhr bis 18 Uhr geöffnet sowie am Freitag, 3. Juni, von 16 Uhr bis 19 Uhr plus Grillen vor dem Kunsthaus, Freitag, 10. Juni, von 16 Uhr bis 19 Uhr sowie am Dienstag, 14. Juni, von 15 bis 16 Uhr. Weitere Besichtigungstermine können mit Claudia Koch vom Quartierstreff Wiesenau telefonisch unter der Nummer (05 11) 8 60 42 16 vereinbart werden.

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Fotostrecke Langenhagen: Kunst im Abrisshaus

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Von PATRICIA CHADDE

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