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Wärme und Würde im Viertelstundentakt

Langenhagen Wärme und Würde im Viertelstundentakt

In der Kleiderkammer der Johanniter geben sich Helfer und Schutzsuchende die Klinke in die Hand. Sie existiert erst seit Oktober. Und doch erstrecken sich in der zentralen Kleiderkammer der Johanniter Unfallhilfe am Ilmenauweg inzwischen endlose Meter an Jacken, Schuhen und Kinderspielzeug. Vor allem aber ist es ein Ort berührender Momente.

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Beinahe im Minutentakt stehen in der Kleiderkammer am Ilmenauweg neue Bedürftige auf der Türmatte, um sich aus dem reichhaltigen Fundus maximal acht Teile auszusuchen.

Quelle: Neander

Langenhagen. Ein Säugling, ein Monat und drei Tage alt. Geboren in Hannover. Nicht der schlechteste Platz auf dieser Erde in wackeligen Zeiten wie diesen. Das Baby, Immanuela soll es heißen, liegt mollig eingewickelt im Kinderwagen, nuckelt verschlafen am Schnuller. Die Welt könnte ziemlich in Ordnung sein.

Doch der Kinderwagen steht in einer Industriehalle. Und seine Mutter genießt derzeit manches, aber sicher keinen Mutter-Schutz. Zur Minute sucht sie sich Kleidung aus. Etwa eine Viertelstunde Zeit hat sie dafür, maximal acht Teile für sich sowie für das Kind darf sie mitnehmen. Dann wird ein Ruf durch die Halle gehen: „Wir müssen los!“ Müssen - das gilt vor allem für die Fahrerin, die an diesem Nachmittag nach der Mutter aus Ghana mit ihrem Säugling eben noch ein paar Fuhren weiterer Flüchtlinge in die nüchterne Kleiderkammer bringen muss.

Die Mutter hat Glück gehabt. Auch an diesem Nachmittag. Denn heute ist ihr Name aus dem Los-Topf an der Hans-Böckler-Straße gezogen worden für jene, die in die Kleiderkammer gefahren werden. Das klingt hart - aber gerecht, sagt Antje Heilmann. Und bei längerem Hinhören klingt die Johanniter-Sprecherin durchaus versöhnlich: „Es ist die einzig gerechte Lösung.“ Wer Kleidung braucht, lässt seinen Namen in den Los-Topf werfen. Und aus diesem werden pro Tag mehrfach Kleinbus-Ladungen gezogen, die jeweils für einen gepflegten Rundgang zum Ilmenauweg gebracht werden. Erst wenn alle einmal dran waren, darf man sein Glück erneut versuchen. Es ist der einzige Weg für die Schutzsuchenden, an Kleidung zu gelangen. Solange sie keinen offiziellen Status haben, erhalten sie kein Geld vom Staat.

Knapp 30 Helfer haben sich inzwischen bei den Johanniter fürs Annehmen, Sortieren und Ausgeben der Spenden registrieren lassen. Sie organisieren sich weitgehend selbst, fünf von ihnen haben Schlüsselgewalt über das Gebäude. Jede Schicht wird von einer hauptamtlichen Kraft der Johanniter begleitet. So weit die Theorie.

Das wirkliche Leben hält aber mehr bereit als das Öffnen von Türen und Kartons. Das hält bereit, dass plötzlich drei junge Männer in der Halle stehen. Niemand begleitet sie. Sie wollen Kleidung. Ganz ohne Los. Und nun?

Für einige quälende Momente vereist die eben noch fröhliche Stimmung. Was passiert, wenn jetzt jemand Nein sagt? Kleine Frau gegen großen Mann? Wer sollte das tun? Und in welcher Sprache überhaupt? Das Kopfkino dreht rund.

Das Blitzeis verschwindet so schnell es gekommen ist. Denn die Helferinnen sind nicht alleine. Seit Öffnung der Kleiderkammer stehen alltäglich Bewohner der Notunterkunft vor der Tür, die auch viel wollen: Helfen. Die frisch erworbenen Deutschkenntnisse erproben. Gebraucht werden. Zurückgeben, was ihnen gegeben. In drei bis fünf Sätzen klären die Männer unter sich, wer hier nach welchen Regeln zu spielen hat. Und so gehen die drei Spontan-Gäste mit etwas verkniffenem Gesicht zwar, aber letztlich ziemlich friedlich ihrer Wege.

Mehr Vorteile, als ein Gegengift gegen die Langeweile gefunden zu haben, erfahren die helfenden Gäste nicht. „Wir hatten kurzzeitig überlegt, ihnen Fahrräder zu organisieren, damit sie selbständig von der Hans-Böckler-Straße hierher kommen können“, sagt Heilmann. Die Idee wurde dann sehr schnell beerdigt. „Das hätte nur Streit gegeben mit den anderen Bewohnern.“

Vorne in dem überaus nüchternen Raum der Spendenannahme ist vom prallen Leben in der Halle nichts zu spüren. Dafür bleibt auch keine Zeit. Quasi im Minutentakt stehen Langenhagener in der Tür. Schwer bepackt mit Hab und Gut und eigener Geschichte: vom Baby, das quasi gerade eben dem vorgefahrenen Kinderwagen entwachsen ist. Von der eigenen Flucht Jahrezehnte zuvor. Von der Fabrik, die einst am Ilmenauweg residierte und für die man jahrelang gearbeitet hat. Vom just ausgezogenen (und offenkundig vermissten) Sohn, dessen Fahrrad nun an der Flurwand lehnend auf neue Fahrer wartet.

Wer an einem Nachmittag wie diesem ein paar Minuten einfach nur zuschaut, diesem fröhlichen Zupacken bei geteilter Schokolade, einfach zuhört diesem zurechtgebogenen Deutsch-Arabisch-Englisch-Mischmasch mit Hand-Fuß-Grammatik, ist geneigt, den Moment einzufrieren. Die sozialen Medien sind voll der Geschichten von frisch integrierten Neuankömmlingen, die - des behördlichen Status‘ wegen - den Wohnort wieder wechseln müssen. Eine Belastung für Helfer und Gäste gleichermaßen. Gefeit ist davor niemand. Ganz egal, wie gut man sich versteht inzwischen.

Immanuela ahnt davon nichts. Ihre Mutter ist fertig und fündig geworden. Das Baby, eben noch knarzig quengelnd von einer Helferin durch die Gegend geschunkelt, ist im Wagen eingeschlafen. Die Welt könnte so in Ordnung sein.

Von Rebekka Neander

Die Kleiderkammer der Johanniter Unfallhilfe hat wieder geöffnet. Benötigt werden dringend für Männer Winterbekleidung wie Schals, Handschuhe, Mützen sowie Jacken, Mäntel, Jogginghosen und Sweatshirts in den Größen S bis M sowie Winter- und Sportschuhe und Sneakers. Für Frauen sind es Winterstiefel, Halbschuhe (ohne hohe Absätze), Winterjacken, Jogginghosen und Umstandskleidung in den Größen 36 bis 42, dünne, breite, lange Baumwolltücher sowie für Kinder Kleidung in den Größen 152 bis 170. Darüber hinaus werden Rucksäcke, Reisetaschen, Koffer, Regenschirme und Kleiderständer gebraucht. Denn in der Notunterkunft an der Hans-Böckler-Straße gibt es keine Schränke, um Kleidung aufzubewahren. Die Kleiderkammer ist montags, mittwochs und freitags jeweils von 15 bis 17 Uhr geöffnet, zusätzlich alle 14 Tage (ungerade Woche) samstags von 10 bis 12 Uhr. Wer helfen möchte, meldet sich per E-Mail unter fluechtlingshilfe.nb@johanniter.de oder Telefon (0511) 67 89 66 33. Kleidung, die nicht für die Flüchtlinge geeignet ist, wird an Fairkauf im CCL weitergegeben.

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