Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
„Lasst uns doch Vorbild sein“

Kaltenweide „Lasst uns doch Vorbild sein“

Weil die Stadt am Rande des Weiherfeldes ein Wohnheim für Flüchtlinge aufstellen möchte, hat der Verein Bürger für Kaltenweide einen Arbeitskreis ins Leben gerufen. Das erste Treffen hat gezeigt: Die Ängste sind groß, aber der Wille, aus der Situation nur das Beste zu machen, ist größer.

Voriger Artikel
Musical-AG setzt Blutsauger in Szene
Nächster Artikel
Abrisswetter schützt vor Staub

Eine bunte Mischung prallen Lebens will Vorbild sein und die neuen Flüchtlinge willkommen heißen, aber auch zeigen, was ihnen wichtig ist.

Quelle: Neander

Langenhagen. Dies ist eine Geschichte ohne Namen und Adressen. Es ist eine Geschichte der Ängste und Erfahrungen. Und es ist eine Geschichte des Zuhörens. Und am Ende einer Erkenntnis: „Wer am Anfang Mistgabeln wirft, wird Messer ernten.“

Sonntagnachmittag. Ein Restaurant in Kaltenweide. Erst sitzen zehn, später elf Menschen am Tisch. Es sind Eltern von großen und kleinen Kindern. Sie wohnen im Weiherfeld oder im alten Dorf. Nah dran am diskutierten Standort oder weiter weg. Einige glauben an Gott, andere an Allah. Ein paar wissen viel über das aktuelle Weltgeschehen, ein paar eher weniger. Eine bunte, einander wohlwollende Mischung. Aber alle haben ihre Geschichte im Gepäck.

„Wirklichkeit ist, wie wir sie gestalten“

Diese Geschichten sind nicht rosarot. Hier die eigenen Eltern, die dem Krieg einst entrinnen konnten. Dort die Muslimin, deren Tochter vor die Füße gespuckt worden ist. Da der Sporttrainer, der über die Bürokratie der Verbände schimpft, will man einen Flüchtling mitspielen lassen.

Aber da sitzt eben auch die Mutter, die sich fragt, ob sie ihre kleinen Kinder weiterhin arglos ins Grüne schicken kann. Der Moslem, der zwei Jahrzehnte freiwillig in einer Diktatur lebte und nun vor den Ungebildeten unter seinen Glaubensbrüdern warnt. Und der sich fragt, ob es bei den 30 Flüchtlingen, „die kein Problem wären“, wohl bleiben wird. Die Krankenschwester, die in Kliniknachbarschaft von unschönen Begegnungen ihrer jungen Patientinnen berichtet, mit jenen, die draußen nur noch abseits von Recht und Ordnung ihre Chance sehen. Beschönigen möchte an diesem Nachmittag niemand etwas. Aber auf die Frage, wie denn nun die Wirklichkeit sein wird in Kaltenweide, bleibt am Ende eine Antwort unwidersprochen: „Wirklichkeit ist, wie wir sie gestalten.“

Um den Wert von Grundstücken geht es an diesem Nachmittag nicht ein einziges Mal. Wohl aber um die Werte des Zusammenlebens. „Wir wollen, dass es gut wird“, lautet der eine der wiederholt geäußerten Wünsche. Und dazu gehört dann eben auch, „dass wir gleich zu Anfang zeigen, was uns wichtig ist“.

Viele Fragen noch offen - es gibt aber diverse Ideen

Und was noch? „Sollen wir ein Willkommenspaket packen, speziell für Kaltenweide? So mit Adressen, einem Lageplan und Vereinen im Dorf?“ „Einen Kuchen backen?“ „Welche Sprachen müssen wir können?“ „Wer kann dolmetschen?“ Es ist, als wäre ein Stopfen gezogen. Die Ideen sprudeln. Sie machen einander Mut. Die Menschen. Die Ideen. Und die Erinnerungen. „Kommt, lasst uns ein Vorbild sein! Langenhagen soll neidisch sein, wie toll Kaltenweide das macht.“ So wie damals, als das Haus explodiert war. Und eine Familie ohne alles auf der Straße stand. Da rückte das Dorf zusammen. Spendete, was das Zeug hielt. Und baute das Haus einfach wieder auf. „Oder bei dem Elbe-Hochwasser“, erzählt eine Frau. Da saßen Freunde in ihrem Heimatdorf auf der Straße. „Zwei, drei Anrufe, und meine Doppelgarage war voll.“ Den Jahresurlaub habe sie im Hochwassergebiet verbracht. Den ganzen Tag geschuftet, aber abends seien alle zufrieden ins Bett gefallen.

Das wollen sie künftig auch. Weil sie etwas Gutes getan haben, weil es gut werden wird. „Wir sind vielleicht noch nicht beim Kuchen angekommen“, fasst es Arbeitskreissprecher Markus Villwock am Ende zusammen. „Aber Brot und Salz zum Einzug haben wir schon mal.“ Namen wollen sie am Ende immer noch nicht so richtig in der Zeitung lesen. Aber ein Foto? Doch, so viel Mut darf sein.

Kommentar

Dieses erste Treffen war eine Lehrstunde: für Toleranz, für Geduld und letztlich auch für eine gesunde Portion Optimismus, dass am Ende doch alles gut wird. Man mag den Verein Bürger für Kaltenweide zuweilen kritisieren dafür, dass er viel aufwühlt, aber politisch keine Verantwortung übernehmen will. Doch an dieser Stelle erweist sich seine Existenz als Glücksfall. In keiner hochoffiziellen Ortsratssitzung hätten sich so viele einander Fremde so ehrlich zu ihren Ängsten bekannt – und sich dennoch gegenseitig Mut zugesprochen. Jetzt aber ist nicht nur Ausdauer gefragt, auch eine Vernetzung tut not. Nicht nur mit den Sozialarbeitern der Stadt. Sondern auch mit dem Ortsrat. Dann könnte das Dorf tatsächlich Vorbild werden für die ganze Stadt.
Von Rebekka Neander

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Schulzentrum Langenhagen

Nahezu vollständig müssen das Gymnasium und ein Teil der IGS abgerissen und neu gebaut werden, weil der Brandschutz nicht gewährleistet ist. Mehr zum Schulzentrum Langenhagen lesen Sie hier. mehr