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Kirche kommt bei Kindern an

Langenhagen Kirche kommt bei Kindern an

Seit Jahren schwindet die Mitgliederzahl bei den Kirchengemeinden, auch in Langenhagen. Währenddessen freut sich die Martinskirchengemeinde übe neue Mitglieder. Sie kann im Rückblick auf 2015 unterm Strich einen Zuwachs von 38 Mitglieder verzeichnen. Warum ist das so? Ein Besuch im Pfarrhaus.

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Pastor Rainer Müller-Jödicke setzt in der Martinskirchengemeinde auf Jugendarbeit.

Quelle: Nils Oehlschläger

Engelbostel/Schulenburg. „Mich plagt ein chronisch schlechtes Gewissen“, sagt Rainer Müller-Jödicke – und lässt ein Stück „Kluntjes“ in seinem Ostfriesentee fallen. Denn so nennt der gebürtige Ostfriese seinen Kandiszucker. „Ich besuche die Menschen gerne zu Hause, weil es mir Spaß macht und ich sie so begleiten kann“, sagt der Pastor der Martinsgemeinde. „Doch leider ist der Bedarf so groß, dass ich nicht alle besuchen kann.“ Es gebe Tage, an denen er schon glücklich sei, wenn er mit dem Fahrrad durch die Straßen fahren und einfach mit den Menschen sprechen könne, sagt er. Stattdessen erledige er immer öfter Verwaltungsarbeit an seinem Schreibtisch.

Trotz seines schlechten Gewissens läuft die Arbeit in seiner Gemeinde durchaus erfolgreich – auch in puncto Seelsorge, nicht zuletzt wegen der vielen ehrenamtlichen Helfer. Das schlägt sich auch in der Entwicklung der Mitgliederzahl nieder. Im Jahr 2015 konnte die Kirchengemeinde einen Zuwachs von 38 Mitgliedern verzeichnen. Bereits abgezogen sind dabei 22 Austritte und 24 Todesfälle. Diesen steht ein Zuwachs entgegen, der sich besonders bei den Taufen positiv entwickelt hat. 47 Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekamen im vergangenen Jahr in der Martinskirche ihren Segen – das seien doppelt so viele wie 2014, sagt Müller-Jödicke, der trotzdem jeden einzelnen Austritt beklagt. Die übrigen Kirchengemeinden in Langenhagen haben nach Angaben des Kirchenkreises im vergangenen Jahr insgesamt Mitglieder verloren.

"Nicht die Weisheit gepachtet“

Die Arbeit seiner Kollegen sei nicht der Grund für diese Entwicklung, betont Müller-Jödicke. „Wir haben hier in Engelbostel nicht die Weisheit gepachtet“, sagt er. Vielmehr profitiere er von den dörflichen Strukturen in seinem Zuständigkeitsbereich. „Ich habe Familien, die hier schon seit Jahrhunderten wohnen“, berichtet der Pastor. Daraus resultiere eine große Verbundenheit zum Gotteshaus. In den urbaneren Gemeinden sei die Fluktuation in der Bevölkerung hingegen größer, was Kirchenaustritte nach sich ziehe und eine vertrauliche Bindung an die örtliche Kirche erschwere. Weiter kämen seiner Arbeit die gewachsenen Strukturen zugute. „Ich habe mich damals hier beworben, weil es hier viele Vereine gibt, die an einem Strang ziehen“, sagt Müller-Jödicke.

Das habe er auch bei den Vorbereitungen zur Visitation ab Montag gemerkt. Nur eine kurze E-Mail habe gereicht, um beispielsweise den Treckerclub für den Besuch des Superintendenten Holger Grünjes gewinnen zu können. Ein solches Ereignis, bei dem der Chef des Kirchenkreises seine Gemeinde besucht, hat es in Engelbostel und Schulenburg zuletzt vor neun Jahren gegeben. Für das gute Zusammenspiel der Vereine sorgten auch Synergieeffekte innerhalb der Familie, berichtet der Pastor. Beispielsweise könne der Vater in der Feuerwehr aktiv sein, seine Frau einen guten Draht zur Kita haben und die Kinder im Sportverein angemeldet sein. „Das schätze ich so am dörflichen Leben“, sagt Müller-Jödicke.

Gottesdienste auch mal anders feiern

Weiter nähmen bei der Kirchenarbeit alternative Gottesdienste eine wichtige Rolle ein. Gut angenommen werde der themenbezogene Abendgottesdienst SonnTakt, der als Ergebnis der letzten Visitation entwickelt worden sei, heißt es im Gemeindebericht zur Visitation. Weiter bereicherten Familien-, Lektoren- und Open-Air-Gottesdienste das Angebot rund um die Andachten in ihrer ursprünglichen Form.

Intensiv begleitet werden zudem Kinder und Jugendliche in Engelbostel und Schulenburg. „Dank der vielen Spenden konnten wir schon vor Jahren dafür eine halbe Diakonenstelle einrichten“, freut sich Müller-Jödicke. Nora Rolf begleitet die Jugendlichen in der Jugendgruppe auch über den Tag hinaus, an dem sie sich aus freien Stücken zu Gott bekennen können, nämlich der Konfirmation. So verfolgt die Gemeinde eine religionspädagogische Strategie: Ab der Taufe betreut sie die Heranwachsenden in Krippe und Kindergarten, über den Religionsunterricht in der Grundschule – den in der dritten Klasse der Pastor persönlich erteilt – und den ersten Konfirmandenunterricht in der vierten Klasse.

Jugend zeige konservative Wertevorstellungen

Abgeschlossen wird dieser Weg durch die Konfirmation in Jahrgang acht. Und während die Kirche bundesweit darüber grübelt, ob und wie sie sich entwickeln muss, beobachte Pastor Müller-Jödicke einen zunehmenden Werte-Konservatismus bei seinen Konfirmanden. „Ich bin erstaunt davon, wie viele von persönlichen Gotteserfahrungen berichten können“, sagt er. Er persönlich profitiere von diesen Erfahrungen. „Wenn ein cooler Jugendlicher mit gestylten Haaren bei einer Andacht auf der Konfirmandenfreizeit ein dreiminütiges Plädoyer über seinen Glauben hält, kann er ein besseres Glaubensvorbild als ich sein“, sagt der Pastor.

Kümmern will sich die Gemeinde in Zukunft vermehrt um die Kinder der Schuljahrgänge fünf bis sieben, die zur Zeit im religionspädagogischen Konzept weniger berücksichtigt werden. Wie, das weiß Müller-Jödicke noch nicht konkret. „Aber unsere Jugendgruppe hat schon erste Ideen entwickelt“, sagt der Theologe. Generell ist er überzeugt: „Von der Jugendarbeit strahlt viel in die Gemeinde aus.“

Mehr zum Thema: Ein Interview mit Superintendent Holger Grünjes und ein Artikel zum Auftakt der Visitation in Engelbostel und Schulenburg.

Von Nils Oehlschläger

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