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Helfen diese Insekten gegen Bienensterben?

Langenhagen Helfen diese Insekten gegen Bienensterben?

Die Varroamilbe gilt als Hauptursache für das Honigbienensterben. Viele Wissenschaftler suchen probate Mittel zur Bekämpfung; seit geraumer Zeit gerät ein kleines Spinnentier mit dem Namen Bücherskorpion in den Fokus. Eine hannoversche Schülerfirma forscht mit - und nutzt Standorte in Langenhagen.

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Grundlagenforschung in Langenhagen: Johannes Leng, für zwei Jahre Angestellter der Schülerfirma der IGS List, setzt 150 Bücherskorpione in einem Bienenstock aus. Jedes der millimeterkleinen Spinnentiere hat er eigenhändig in alten Gemäuern eingesammelt.

Quelle: Petra Zottl

Langenhagen. Der Hoffnungsträger ist wenige Millimeter groß, lichtscheu und schnell. Vorsichtig schüttet Johannes Leng den Inhalt eines Marmeladenglases in einen der Bienenstöcke am Langenhagener Wasserturm im Eichenpark - auf den ersten Blick nur trockenes Stroh. Doch es kommt Leben in die Sache: Kleine dunkle Punkte mit spinnenartigen Beinen krabbeln eilig ins dunkle Innere des Bienenstocks. "Das waren 150 Stück", sagt Leng.

Leng ist ehemaliger Schüler der IGS List, gehörte früher selbst zur Schülerfirma "Imkerei der IGS List" - und ist jetzt deren Angestellter. Zwei Jahre wird er als technische Teilzeitkraft für die Schülerfirma arbeiten, finanziert von Zuschüssen der Robert-Bosch-Stiftung. Denn neben der Produktion von Honig und Kerzen betreut die schuleigene Imkerei im Wasserturm seit dem Frühjahr auch ein Forschungsprojekt. Der Name "Bücherskorpione als Varroabekämpfer" ist Programm: Die mehr als 40 Schüler aus fünf Klassen wollen herausfinden, ob der Bücherskorpion helfen kann, der Varroamilbe - einem aus Ostasien eingeschleppten Bienenparasiten - den Garaus zu machen. Der Pseudoskorpion frisst Milbentiere wie die Varroa.

Auf die Forschungsidee kam die Schule aus eigener bitterer Erfahrung. Die Schülerfirma begann 2005 als Imkerei-AG, lief sehr erfolgreich - unter anderem betreut durch Hans Jürgen Ratsch, IGS-Fachbereichsleiter Naturwissenschaften und Vereinschef der Naturkundlichen Vereinigung Langenhagen (NVL). Damals standen sämtliche Bienenstöcke am Langenhagener Wasserturm. "Alles lief perfekt - und dann kam die Varroa. Unsere gesamten Bienenbestände waren zusammengebrochen", sagt Ratsch. Die Firma musste neue Völker kaufen.

Heute stehen die Völker der Schülerfirma in diversen Ökosystemen in Langenhagen, Hannover und der Wedemark. Vor einem Jahr entdeckte Leng Berichte über die Hamburger Otto-Hahn-Schule, die unter Laborbedingungen untersucht, ob der Bücherskorpion helfen kann, das Bienensterben einzudämmen. Schüler und Lehrer beschlossen, die Forschung zu unterstützen - und zwar im Freien, an eigenen Völkern.

Da Bücherskorpione in der Anschaffung teuer sind - zwei Tiere kosten etwa 90 Euro, 150 Tiere sind für einen Bienenstock erforderlich - tritt seit dem Projektstart im März 2016 Johannes Leng in Aktion: Er durchstreift alte Scheunen und Dachböden in der Region Hannover und sammelt die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung ein. "Da gerät man schon manchmal ins Schwitzen", sagt er lächelnd. Etwa 1000 Tiere hat er schon gefangen - und seit der letzten Augustwoche werden diese in Bienenstöcken der Firma ausgesetzt. Zwei Jahre lang werden die IGS-Schüler - unterstützt von einer Studentin der Leibniz Uni - einmal wöchentlich in diesen Stöcken Proben nehmen und schlichtweg Milben zählen. Im Idealfall werden es dank der Bücherskorpione weniger.

Damit bei positiver Forschung nicht alle betroffenen Imker auf  Bücherskorpion-Jagd gehen müssen, erforschen die Schüler - beim Projekt unterstützt von Vertretern der Leibniz Uni, dem Laves-Bieneninstitut in Celle und der Hamburger Schule - gleichzeitig auch noch das Vermehrungsverhalten des Bücherskorpions. Ihr Ziel: Den Hoffnungsträger selbst züchten zu können. "Es ist alles noch Grundlagenforschung", sagt Leng und fügt hinzu: "Auch der Bücherskorpion ist noch nicht wirklich erforscht."

Vergessenes Wissen

Die Hamburger Otto-Hahn-Schule unter der Federführung des Lehrers Torben Schiffer hat im Internet auf beenature-project.com jede Menge Wissenswertes über den Bücherskorpion zusammengetragen. Dieser wurde offenbar bereits 1891 in einem Artikel als "Der Feind der Bienenlaus" erwähnt, geriet dann aber auch wieder in Vergessenheit. Erst 1951 beschrieb der Zoologe und Pseudoskorpionforscher Max Beier unter dem Titel "Der Bücherskorpion, ein willkommener Gast der Bienenvölker", dass die Tier nicht nur Wachsmottenraupen erfolgreich bekämpften, sondern auch die Bienen selbst entlausen würden. 15 Jahre später beschrieb Peter Weygoldt in seinem Buch "Moos und Bücherskorpione / 1966" die Vergesellschaftung von Bücherskorpionen mit Honigbienen. Diese Artikel wurden der Hamburger Schule zufolge "zur Initialzündung". Das Ziel der Forschung ist es, die von Beier und Weygoldt beschriebene Symbiose wieder herzustellen, sowie die Gründe des Abbruchs dieses symbiotischen Systems aufzudecken, welches seit Millionen von Jahren Bestand hatte und erst vor wenigen Jahrzehnten durch den Eingriff des Imkers sein Ende fand." 

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Fotostrecke Langenhagen: Mit Bücherskorpionen geht es auf Milbenjagd

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