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"Solche Szenen – doch nicht vor unserer Haustür"

Tödliche Schüsse auf Hochzeit "Solche Szenen – doch nicht vor unserer Haustür"

Shilan - wie häufig gibt es diesen Namen? Diese Frage treibt etliche Wiesenauer nach den tödlichen Schüssen auf die junge Kurdin in Hannover um. Handelt es sich um ihre ehemalige Nachbarin? Einige Tage können sie den Verdacht von sich schieben, doch die Todesanzeige bringt traurige Gewissheit.

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Nach den tödlichen Schüssen auf eine Jesidin aus Langenhagen reagieren ehemalige Nachbarn geschockt.

Quelle: Uwe Dillenberg

Langenhagen. "Wir haben immer gedacht, dass das nicht die Shilan aus unserer Straße sein kann", sagt eine Wiesenauerin, die mit ihrer Familie in Sichtweite jenes Hauses wohnt, in dem die 21-Jährige mehr als zehn Jahre lebte. "Ihre Familie zog vor etwa zehn Jahren in die Wohnung", erinnert sich ihr Mann. Elf Kinder, Mutter und Vater richteten sich im Laufe der Zeit dort ein. Die Jungen und Mädchen besuchten die Schulen, erst im vergangenen Sommer beendeten die beiden jüngsten Mädchen die Robert-Koch-Realschule. Die beiden jüngsten Jungen gehen noch in Langenhagener Schule.

In Vahrenheide sind Schüsse auf einer Hochzeitsfeier gefallen, eine 21-Jährige starb.

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"Gerade die jüngeren Kinder, die ja erst hier geboren wurden, haben uns oft besucht", sagt die Nachbarin und fügt hinzu, über diese vier habe sie auch viel über das Familienleben erfahren - bis zum vergangenen Monat, als die Familie in ihr neu gebautes Haus im Weiherfeld zog. Während der Vater beruflich viel Zeit im Irak verbracht habe, seien vor allem die Söhne und Töchter gut in der Stadt integriert gewesen. Sie absolvieren entweder eine Ausbildung oder ein Studium, wie Shilan eben auch. "Ein Sohn gehört beispielsweise der SPD an", sagt die Wiesenauerin. Als die Kurden vor knapp zwei Jahren vor dem IS ins Sindschar-Gebirge fliehen musste, rückte er das Leid in den öffentlichen Fokus der Stadt.

Zugleich aber habe sie immer wieder feststellen müssen, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder an den althergebrachten Traditionen festhielten: "Eine Heirat mit einem Mann oder einer Frau, die einer anderen Religion angehören, schien undenkbar." Die Familie mit Brüdern und Schwestern, Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen habe sehr eng zusammen gestanden. "Einer der jüngeren Söhne ist in jedem Sommer für einige Tage nach Burgdorf zu seinem Onkel gefahren", sagen die Nachbarn - jener Familie, deren 22-jähriger Sohn Senif die junge Frau im März nun mit Schüssen tötete, weil sie ihn nicht heiraten wollte.

"Solche Szenen kennen wir eigentlich nur aus Berichten oder Geschichten, aber doch nicht vor unserer Haustür", sagt die Wiesenauerin. Wie viel Leid habe der Schütze über die Familienmitglieder gebracht. Das könne niemand ermessen, zumal sicherlich Shilans Familie reagieren werde - in Burgdorf, im Irak? "Wer weiß das schon." Zu gern würde sie nun mit den jüngeren Kindern sprechen, ihnen das Zusammenleben hier einmal mehr erzählen, sie trösten, ihnen zuhören. "Aber das geht ja nicht mehr, weil sie weggezogen sind", bedauert das Paar, das mit seinen Kindern alle Informationen über die Schießerei, die Fahndung und die Trauerbekundungen in den Zeitungen, Nachrichten und sozialen Netzwerken verfolgt. Eine Trauerkarte haben sie geschrieben in dem Gefühl, irgendetwas tun zu müssen. Doch die ist noch nicht abgeschickt: "Uns fehlt die Adresse." Und so bleiben der Schock und der Anblick auf das noch unbewohnte Haus in Wiesenau. Und die Sorge, dass dem tödlichen Angriff weitere folgen könnten.

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