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Noor Mertens bremst nur noch die Sprache

Langenhagen Noor Mertens bremst nur noch die Sprache

Die ersten Notizbücher sind bereits voll geschrieben, die erste Ausstellung ist terminiert: Noor Mertens, die neue Leiterin des renommierten Kunstvereins Langenhagen, hat ihre ersten knapp 100 Tage wahrlich genutzt. Nur einen einzigen Termin schiebt sie noch ein wenig hinaus.

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Noor Mertens fühlt sich nach ihren ersten Monaten als Geschäftsführerin und Leiterin des Kunstverein bereits durchaus heimisch und hat viele neue Pläne.

Quelle: Neander

Langenhagen. Für die Berichterstatterin verläuft dieses Gespräch ein wenig irritierend. Denn das Gegenüber macht sich mindestens so viele Notizen wie man selbst. Aber Noor Mertens lässt sich nichts entgehen. Kein Name, kein Zusammenhang, kein Hintergrunddetail lässt die neue Leiterin des Kunstvereins Langenhagen verklingen, ohne dass es mit klarer, energischer Handschrift und diversen Zuordnungspfeilen kuliblau auf weiß festgehalten wird. Auch das Gespräch selbst ist ein wenig verwirrend: Befragt werden möchte die Holländerin in Deutsch, sie aber antwortet auf Englisch. „Einfach, weil es so noch schneller geht.“

Seit knapp 100 Tagen ist die studierte Kunst- und Musikwissenschaftlerin jetzt in Langenhagen tätig und hat dafür ihre rasant erlangte Position als Kuratorin am renommierten Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam zurückgelassen. Wie ihre Vorgängerin Ursula Schöndeling seinerzeit hat auch die 32-jährige Mertens ihre privaten Zelte in Linden aufgeschlagen. Viel Zeit aber scheint sie dort derzeit nicht zu verbringen. „Der Kunstverein ist jetzt das Wichtigste überhaupt.“ Wochenstunden werden da nicht gezählt, die bezahlten 26 schon gar nicht.

Ähnlich schwer lassen sich die Visitenkarten beziffern, die sie bereits gesammelt hat. Zuletzt beim Stadtempfang. „Ich habe Annette einfach gefragt, ob sie mich vorstellt“, erzählt sie lachend in dieser niederländischen Mischung aus Wärme und Direktheit. Benannte Annette von Stieglitz, Leiterin der Volkshochschule und in Langenhagens Stadt- und Kulturszene bestens vernetzt, nahm Gelegenheit beim Schopfe und Mertens bei der Hand. Wieder ein Lachen am Tisch: „Am Ende war ich wirklich platt.“

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Fotostrecke Langenhagen: Noor Mertens bremst nur noch die Sprache

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In der ehemaligen Kegelbahn, diesem eigentümlich geformten Ausstellungsraum an der Walsroder Straße, sieht Mertens vor ihrem inneren Auge bereits deutlich, was sich dort künftig verändern wird. „Ich würde gerne das Büro selbst einbeziehen als Ausstellungsraum.“ Gemeint ist das helle Zimmer, in das dank der übergroßen Schaufensterscheibe alles, was am Langenforther Platz auf Stadtbahn oder Ampelgrün wartet, einen Blick werfen kann. Dazu führt Mertens bereits Gespräche mit Designern und Künstlern, wie ein spielerisches Zusammensein von Arbeitsplatz, Buch-Präsentation und Kunst künftig aussehen könnte.

„Auch die Homepage müssen wir anfassen.“ Dass der Internetauftritt in seiner Anmutung ein wenig auf der Stelle tritt, hat Mertens nicht zuletzt anhand kurioser Kommunikationsprobleme feststellen müssen. „Die Telefonnummer auf der Homepage stimmt schon länger nicht mehr.“ Aber ihr geht es um mehr. Der Kunstverein Langenhagen spielt auf internationaler Bühne mit. Und längst nicht jeder, der sich für das Programm interessiert, kann mal eben vorbeikommen. „Wir müssen einen Weg finden, auch Auswärtigen leichter einen Einstieg zu vermitteln.“

Neue Ausstellung beginnt am 27. April

Für ihre erste selbst kuratierte Ausstellung hat sich Noor Mertens eine Herausforderung gesucht: Mit dem Duisburger Philipp Kremer wird ausnahmsweise ein reiner Maler den Ausstellungsraum bespielen. „Der langgestreckte Raum bietet sich eigentlich immer gut an für Installationen und Skulpturen“, merkt Mertens an. „Und es wird nicht ganz einfach sein, wenn es jetzt nur um Bilder geht, die an den Wänden hängen.“

Mertens kennt Kremer seit Längerem. Und wenn sie sagen soll, was die Kuratorin an Kremers meist als Sequenzen konzipierten Werken besonders schätzt, kommt das geschriebene Wort an seine Grenzen. Im Grunde ist Mertens’ Faszination, als sie erstmals vor Kremers Bildern stand, in einer langgezogenen Silbe samt hochgezogener Augenbrauen zu beschreiben: Hää?!

Anlass für diese Hilflosigkeit waren Kremers Bilder von singenden Menschen. Gehalten ohne viele Details, fast in naiver Pinselführung, ohne besondere Schönheit. „Warum malt der das? Und warum so?“ Auf diese Fragen fand Mertens erst nach und nach eine Antwort: Es geht um das, was Gemeinschaft ausmacht. Wie Gemeinschaft wächst. Und welche Rolle darin Harmonie spielt. „Gemeinschaft ist nie nur schön. Sie ist langweilig, abstoßend, zuweilen hässlich.“

Irritierend empfand sie später den Hinweis auf eine weitere Sequenz aus Kremers Atelier: Sexorgien. „Geht das?“ Ja, weil nur schemenhaft, fast monochrom. Und vermerkt mit einem eigentümlichen Hinweis des Malers: „Eines der seltenen Bilder, auf dem wahrscheinlich alle Menschen glücklich sind.“ In den Bildern für Langenhagen wird es um Machtverhältnisse gehen und den Kontrast zwischen jenen, die Einfluss haben, und jenen, die sich diesem unterwerfen. Ob freiwillig oder unfreiwillig.

Die Vernissage beginnt am Donnerstag, 27. April, um 19 Uhr.

Mertens stellt damit auch klar, dass sie das deutlich überregionale Renommee des Kunstvereines als solches mindestens erhalten möchte. Den einen oder anderen zart an sie herangetragenen Wunsch, ob sich der Langenhagener Kunstverein nicht auch wieder stärker den örtlichen Künstlern widmen könne, hat sie sehr wohl wahrgenommen. Und Mertens ist sich des schmalen Grates sehr wohl bewusst, auf dem sie als Neu-Ankömmling in der vermeintlichen Provinz wandelt. Doch im direkten Vis-à-vis mag es schwer vorstellbar, dass Mertens nicht auch diese Klippe mit warmer Diplomatie meistern wird.

Dabei verliert die junge, agile Frau die bereits existierende Stärke des Kunstvereins nicht aus dem Blick: seine herausragende Vermittlungsarbeit vor allem in den Schulen. Eine digitale Kooperation bei der Gestaltung des Internetauftritts mit den jugendlichen Nerds aus dem Haus der Jugend schräg gegenüber ist für Mertens ebenso klar vorstellbar wie eine Einbeziehung der Künstler. Von aufzuzeichnenden Interviews bis zu experimentellen Selfie-Videos reicht die Ideen-Skizze.

Doch für alle Ideen braucht es Geld. „Es ist in Deutschland genauso problematisch wie in den Niederlanden: Es gibt Förderung meist nur für Projekte, nicht für Basisarbeit“, bemängelt Mertens. „Und es ist fraglich, ob man die Umgestaltung einer Homepage als Projekt betiteln kann. Sie bleibt dann ja dauerhaft so.“

Mertens ist also angekommen im neuen Job. Und sie weiß auch, welche Auftritte ihr nach dem Stadtempfang noch wichtig sein sollten. „Ich werde mich auch beim Business-Frühstück des Wirtschaftsklubs vorstellen“, kündigt sie fröhlich an. Dass sie dafür von den Organisatoren erst für Mai eingeplant wird, stört sie nicht. „Ich möchte das unbedingt in Deutsch machen!“ Mertens lacht. „Aber dafür muss ich noch ein wenig üben.“

Stadt schraubt selbst an neuem Marketing

Für die Stadt Langenhagen kommt der Amtswechsel im Kunstverein etwas zu früh. Jedenfalls zu früh, um sofort in das neue Konzept eines Stadtmarketings eingebunden zu werden. Seit August vergangenen Jahres ist Ralph Gureck dabei, zunächst verwaltungsintern das Fundament dafür zu konzipieren und aufbauen. Wie er dennoch mit Noor Mertens in Kontakt treten möchte, beschrieb er auf Anfrage dieser Zeitung mit dem Blick des weggezogenen Alt-Langenhageners auf seine Heimatstadt: "Kunst und Kultur sind wichtige Bausteine für ein aufzubauendes Stadtmarketing in Langenhagen. Deshalb ist es Klasse, das wir in Langenhagen eine engagierte Kunst- und Kulturszene haben, zu der zweifelsohne der Kunstverein Langenhagen zählt. Erfolgreiche Kunstaktionen tragen ihren Teil dazu bei, Städte über Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen, was auch in Langenhagen schon geschehen ist. So habe ich in den 90-er Jahren nicht in Langenhagen gewohnt, aber die Perfomance „A Celebration of Being Human“ von Yoko Ono erlebt, bei der eine gigantische Plakataktion mit einem „nackten Gesäß“ im Stadtgebiet Langenhagen verbreitet und das Motiv über Aufkleber, Postkarten und T-Shirts am Flughafen an Passagiere verteilt wurde. Darüber wurde bundesweit, auch im Fernsehen, berichtet.

Daran habe ich mich letztes Jahr im September erinnert, als ich bei einer Veranstaltung in Düsseldorf einen Vortrag von Ruth Mackenzie (Artistiek Directeur Hollandfestival) hören durfte. Sie zeigte an Beispielen, etwa von Fernando Rubio, der eine viel beachtete Kunstaktion im öffentlichen Raum in Amsterdam veranstaltet hat, wie Kunst bei der Entwicklung einer Marke im Stadtmarketing unterstützen kann. Solche Aktionen brauchen natürlich viel Vorlauf. Da geht es dem Stadtmarketing nicht anders. Deshalb freue ich mich, Noor Mertens kennenzulernen und bin gespannt, welche Ideen und Projekte dem ambitionierten Kunstverein Langenhagen vorschweben und welche Möglichkeiten sich zur Verzahnung und Zusammenarbeit ergeben."

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