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Reichtum muss anders verteilt werden

Langenhagen Reichtum muss anders verteilt werden

Der Buß- und Bettag wurde dem Kommerz geopfert, um die Pflegeversicherung zu finanzieren. Diesen provokanten Einstieg hat Ulrich Schneider bei seinem Vortrag in Langenhagen gewählt. Der christliche Feiertag kontra Wirtschaftsinteressen. Und die Profitgier ist es, die die Armut forciert.

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Ulrich Schneider würde das Vermögen gerne umverteilen.

Quelle: Patricia Chadde

Langenhagen. Der christliche Feiertag Buß- und Bettag wurde 1995 dem Kommerz geopfert, um die Pflegeversicherung zu finanzieren. Diesen provokanten Einstieg hat Ulrich Schneider (58), Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, bei seinem Vortrag gewählt – und seine Argumentationslinie festgelegt. Der christliche Feiertag mit seinen Möglichkeiten zu Einkehr und Reflektion kontra Wirtschaftsinteressen. Und die Profitgier ist es, die die Armut anderer forciert.

„Schön, dass sie mich eingeladen haben. Sonst hätte ich den Abend im Büro gesessen und viel telefoniert, so konnte ich eine wundervolle Andacht miterleben“, würdigte Schneider die gestalterischen Ideen einer kirchlichen Arbeitsgruppe. In Langenhagen feiern Stadt und Kirchen den Buß- und Bettag gemeinsam, in diesem Jahr in der Emmauskirche. Um 18 Uhr ging es los, was auch für Arbeitnehmer zu schaffen wäre.

Aber mit rund 50 Besuchern der Andacht blieb die Gästezahl überschaubar. Schneider referierte ohne Skript, aber mit vielen Zahlen. So möchte er Räumungsklagen verbieten: „80.000 Menschen werden jährlich durch staatliche Gewalt aus den Wohnungen getrieben. In Berlin hat sich eine psychisch kranke Frau umgebracht, nachdem sie rausgeklagt wurde“, berichtet er.

„Was sollen wir Lehrer tun, wenn arme Eltern ihren Kindern keine Turnschuhe kaufen. Beim Sport nicht mitmachen lassen?“ fragt Besucherin Isabel Wegemann-Streidel und untermauert Schneiders Hinweis: „Die Armut der Eltern mindert die Lebensqualität ihrer Kinder in besonderem Maße“. Wer zu den 800.000 Alleinerziehenden in Deutschland zählt oder eine niedrige Bildungsqualifikation hat, gerät besonders schnell in die Armutsfalle: „Diese Menschen müssen mit der sehr niedrigen Grundsicherung auskommen und davon noch Schulden abtragen“, wettert Schneider gegen Versandhändler und Banken. Sie tragen seiner Ansicht nach die Verantwortung dafür, dass zehn Prozent aller Erwachsenen im Land überschuldet sind. Aus der Schuldnerberatung weiß der promovierte Erziehungswissenschaftler, dass überschuldete Menschen Rechnungen und Mahnungen gar nicht mehr aus dem Briefumschlag holen, weil sie „vor Angst völlig gelähmt sind“.

Dabei sei die deutsche Gesellschaft extrem wohlhabend – sie könnte teilen, sie könnte barmherzig sein. „In Deutschland besitzen zehn Prozent der Bevölkerung 75 Prozent des Vermögens, auf deutschen Sparbüchern werden 5,4 Billionen Euro gehortet und mit 60 Milliarden wäre die Armut erfolgreich bekämpft“, so Schneiders Lösungsvorschlag. Er stellt den deutschen DAX-Vorstand, der jeweils jährlich 5 Millionen Euro erhält, gegen 365 000 deutsche Haushalte, denen der Strom abgestellt wird.

„Da müssen Säuglinge und Behinderte frieren, weil Sie ohne Strom nicht heizen können“, wetterte Schneider und der Zuhörer füllte im Geiste einen Überweisungsträger aus. Doch materielle Umverteilung als Lösungsvorschlag ignoriere Verhaltenskompetenzen wie Selbststeuerung, Eigenverantwortung und Motivation. „Wir dürfen nicht gegen die Eltern erziehen, wir müssen mit ihnen erziehen“, kritisiert Schneider Ganztagsschulen, wo die Kinder den Eltern entfremdet werden.

Von der Stadt bekam Schneider als Dank ein Glas Honig, von den Kirchen einen Stoffbeutel, dann musste er zurück nach Berlin. Die Zuhörer fanden es wie Iris Gaser „interessant“ oder wie Gabi Carlini „aufschlussreich“.

Von PATRICIA CHADDE

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