Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Ein Schlag verändert alles

Langenhagen Ein Schlag verändert alles

Da dürfte wohl jeder Lehrer neidisch werden: Still und regungslos lauschen 30 Schüler den Ausführungen Christoph Rickels. Doch es herrscht betretenes Schweigen – denn der Referent berichtet eindrucksvoll über den Schlag, der sein Leben komplett verändert hat.

Voriger Artikel
Medaillengewinner
 gehen an den Start
Nächster Artikel
Sanierung in Wiesenau beginnt

Eindrucksvoll: Christoph Rickels berichtet Schülern der RKS über sein Schicksal und wirbt für Gewaltverzicht.

Quelle: Sven Warnecke

Langenhagen. Christoph Rickels ist auf Einladung des Langenhagener Präventionsrates zu Gast in der Stadt. Denn seine Botschaft ist ein Appell an Gewaltverzicht.

Eine unbedachte Handlung kann ein ganzes Leben abrupt auf den Kopf stellen. Das hat vor neun Jahren auch Christoph Rickels erfahren müssen, als er nach einem heftigen und vor allem völlig unerwarteten Faustschlag ins Gesicht für vier Monate im Koma landete.

Ausgelassene Stimmung, die Musik dröhnt. Rickels ist in Feierlaune. Zum Abschied. Denn der Ostfriese will dem Ruf der Bundeswehr zu den Feldjägern nach Bayern folgen – sein Berufswunsch. Dabei kann man auch mal einen ausgeben, erklärt er jetzt einer achten Klasse der Robert-Koch-Realschule (RKS). An jenem Tag im September hatte diese Entscheidung für ihn jedoch beinahe tödliche Konsequenzen. Nachdem er in einem Auricher Klub einem Mädchen ein Getränk ausgab, wurde er später von deren eifersüchtigen Freund mit einem einzigen Schlag gegen die Schläfe niedergestreckt und fiel ins Koma.

Mehrere Jahre in Kliniken sollte es dauern, bis der Ostfriese wieder einigermaßen laufen und sich artikulieren konnte. Gleichwohl: Die Folgen sind unübersehbar. Rickels ist heute halbseitig gelähmt und aufgrund seiner Behinderung arbeitsunfähig. Doch was ihn viel mehr schmerzt ist die Tatsache, dass sich der alte Freundeskreis von ihm abwendete.

Aber statt sich seinem Schicksal stillschweigend zu ergeben, geht der heute 29-Jährige unter Menschen und wirbt bei Jugendlichen für Gewaltverzicht. Auf Einladung des Präventionsrates ist er diese Woche zu Gast in Langenhagener Schulen. Dort lässt er in 15 Veranstaltungen Achtklässler an seinem Seelenleben offen und ehrlich teilhaben – eindringlich. Er rührt mit seinen Ausführungen manche Schüler gar zu Tränen.

Den Bericht eines Opfers aus erster Hand haben die Schüler dem Kontaktbeamten Dirk Schell zu verdanken. Bereits im Mai gastierte Rickels in Langenhagen. „Ich war früher der coole Macker“, sagt er zu den Achtklässlern. Er liebte Sport und Musik – halt das ganze Leben.

„Ich schaue in den Spiegel und der Mensch, der ich mal war, ist von dieser Sekunde an nicht mehr da.“ Diese Textpassage stammt aus einem Rapsong, den Rickels selbst nur eine Woche vor dem einen Faustschlag aufnahm. Für ihn ist es mehr als Zufall, eine Ironie des Schicksals, wie er heute zugibt.

Doch aus diesem dramatischen Ereignis, das sein Leben komplett veränderte, hat Rickels eine wichtige Lehre gezogen: „Es ist verdammt nochmal nicht cool, sich rumzuboxen.“ Das sei lange von vielen falsch verstanden worden, auch von ihm, räumt er frank und frei ein. Aus diesem Grunde missfallen ihm heute Rapper wie etwa Bushido, die mit Gewalt verherrlichenden Texten aufzufallen versuchen. „Schlagen ist dumm, Gewalt ist dumm“, betont Rickels, dessen lockere Ausdrucksweise bei der Jugend offensichtlich gut ankommt. „Es ist Zeit, dass sich was ändert, da sind wir in der Pflicht“, appelliert er.

Um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen, nennt Rickels sein Projekt „First Togetherness“ (Gemeinschaft zuerst). Damit will er Jugendliche aufrütteln – sie zu Gewaltverzicht animieren. Und er ermutigt sie auch, sich für eigene Projekte zu engagieren. Rickels eigenes Engagement blieb anderen ebenfalls nicht verborgen. So zeichnete ihn 2012 Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann für Zivilcourage aus. 2015 berief ihn Bundesinnenminister Thomas De Maizière zum Botschafter für Demokratie und Toleranz. Zudem wurde er zum „Held des Alltags“ ernannt. Aktuell dreht Rickels mit Jörg Pilawa und vielen anderen Prominenten ein Video zum Thema Integration und Inklusion.

Bericht aus Opferperspektive

Christoph Rickels wurde im September 2007 von einem damals 19-Jährigen so schwer verletzt, dass er eine Gehirnblutung erlitt und ins Koma fiel. Bis heute leidet er unter den Folgen. Gehen und Sprechen fallen ihm schwer. Zudem leidet er unter Gedächtnisstörungen.

Der Täter wurde im Prozess wegen schwerer Körperverletzung ohne sogenannten erkannten Vorsatz vom Gericht zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Der Verletzte erstritt eine Verdienstausfallrente, um nicht von Sozialhilfe leben zu müssen. Versuche, eine Arbeit aufzunehmen, scheiterten. Rickels ist erwerbsunfähig, zu 80 Prozent schwerbehindert. Gleichwohl ist bis heute nicht klar, ob der verurteilte Schläger jemals zahlen wird.

Im Jahr 2009 begann Rickels mit seinem Projekt „First Togetherness“. Er geht damit an Schulen und berichtet, welche Folgen ein Gewaltausbruch haben kann. Inzwischen arbeitet er auch mit Straffälligen und zeigt ihnen die Opferperspektive auf.

doc6rczbltbkqwrnlzmiz8

Betretenes Schweigen herrscht bei dem Bericht von Christoph Rickels.

Quelle: Sven Warnecke

Von Sven Warnecke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Schulzentrum Langenhagen

Nahezu vollständig müssen das Gymnasium und ein Teil der IGS abgerissen und neu gebaut werden, weil der Brandschutz nicht gewährleistet ist. Mehr zum Schulzentrum Langenhagen lesen Sie hier. mehr