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Abschiebe-Suizid in JVA Langenhagen

Slawik C. und die Sehnsucht, Deutscher zu sein

Von Thorsten Fuchs

Suizid vor Abschiebung in JVA Langenhagen: Abgeschlossen? Ist der Fall Slawik C. vielleicht für das Innenministerium, auch wenn die Akte noch offen ist, weil die Opposition noch hineinsehen will, wie der Sprecher betont. Für die Familie jedoch, seine Frau und den 29-jährigen Sohn, ist nichts erledigt. „Für uns ist das noch immer völlig unfassbar“, sagt Samwell C.
Bild und Blumen: Im Wohnzimmer hat die Familie eine Ecke zur Erinnerung an den Toten eingerichtet.

Bild und Blumen: Im Wohnzimmer hat die Familie eine Ecke zur Erinnerung an den Toten eingerichtet.

© Thorsten Fuchs

Die kleine Deutschlandflagge steckt noch neben der Terrasse in der Erde, eine schwarz-rot-goldene Erinnerung an den toten Vater. Slawik C. hatte sie auf der Straße gefunden, als er mal wieder mit dem Rad unterwegs war. Seht, was ich habe, hatte er gesagt und den dünnen weißen Fahnenstab aus Plastik in den Boden gesteckt, als Symbol, schließlich hielt er bei jedem Spiel zu Deutschland, „und auch sonst“, sagt Samwell, sein Sohn. Und nun ist sie für Samwell eine der Spuren, auf die er täglich stößt, so wie das Vogelhäuschen, das Gewächshaus und all die anderen Dinge, die er gebaut hat.

Abgeschlossen? Ist der Fall Slawik C. vielleicht für das Innenministerium, auch wenn die Akte noch offen ist, weil die Opposition noch hineinsehen will, wie der Sprecher betont. Für die Familie jedoch, seine Frau und den 29-jährigen Sohn, ist nichts erledigt. „Für uns ist das noch immer völlig unfassbar“, sagt Samwell C.

Am 2. Juni hatte sich der Vater, der 58-jährige Slawik C., in der JVA Langenhagen mit dem Kabel eines Wasserkochers erhängt. Er sollte nach Armenien abgeschoben werden, obwohl er selbst immer beteuert hatte, aus Aserbaidschan zu stammen, und obwohl das Bundeskriminalamt die Grundlage dieser Abschiebung heftig bezweifelte, die Angabe der armenischen Behörden nämlich, die in Slawik C. einen der ihren erkannt haben wollten. Es gab schwere Kritik vom Flüchtlingsrat und der Opposition im Landtag.

Samwell C. und seine Mutter haben lange geschwiegen, zu groß war der Schmerz. Auch heute sitzt Asmik C. in Schwarz im Wohnzimmer neben dem Porträt ihres Mannes, die meiste Zeit schweigend, nach einigen Minuten geht sie weinend hinaus. Zurück bleibt Samwell, der Sohn, ein hagerer Mann von 29 Jahren, markantes Gesicht. Der Tag, an dem sein Vater verhaftet wurde, hatte für Slawik C. ein freudiger Tag werden sollen, ein Tag des Stolzes. „Es war mein erster richtiger Arbeitstag“, sagt der Sohn. Die Lehre als Maler hatte er abgeschlossen, jetzt hatte er eine feste Stelle. Für Slawik C., den Vater, war es ein weiteres Zeichen, dass sie wirklich angekommen waren in Deutschland. An diesem Tag nahm ihn die Polizei fest, damit er Deutschland verlässt.

Vor elf Jahren waren die C.s nach Deutschland eingereist, im August 1999. „Mit mehreren Autos“ seien sie nach Deutschland gekommen, erzählt Samwell C., und ob es Schleuser waren, das wisse er nicht. Den Grund aber, den kannte er, und Asmik C. hatte ihn auch guten Bekannten im Dorf anvertraut. Der ältere Sohn war bei der Armee ums Leben gekommen. Ein Unfall, sagten seine Vorgesetzten. Slawik C. wurde gestattet, einen letzten Blick in den Sarg zu werfen. Er hat nicht gesagt, was er sah. Aber danach soll für ihn festgestanden haben, dass sie fort mussten, um ihrem zweiten Sohn den Gang zur Armee zu ersparen.

Die C.s kamen nach Jesteburg, eine 7500-Einwohner-Gemeinde südlich von Hamburg. Dort fielen sie auf. Weil Slawik C. nicht wartete, bis andere etwas für ihn erledigten, sondern die Dinge selbst in Ordnung brachte. Als er sah, dass die Wohnung, in die die Gemeinde sie schickte, dringend eine Renovierung brauchte, da rief er nicht nach Handwerkern, sondern besorgte sich selbst Farbe und Werkzeug, strich gleich auch noch die Nachbarwohnungen und legte den Garten neu an.

Samwell holt die Urkunde, die er dafür bekam: „Anerkennung für die Erstellung der besten Gartenanlage am Seeveufer“, steht darauf, unterzeichnet von der SPD-Fraktion der Samtgemeinde Jesteburg. Slawik C. spielte Gitarre beim Tag der Kulturen, er und seine Frau halfen in der Kleiderkammer, er schreinerte ein Kreuz für die Kirche, das noch heute im Gemeindehaus hängt. Viele im Ort kannten ihn, sagt die Pastorin, auch weil man ihn immer auf dem Rad sah, und wenn er daheim war, in der Doppelhaushälfte aus Backstein, in der Samwell mit dem zweijährigen Sohn unterm Dach wohnt, dann restaurierte er alte Gitarren oder kümmerte sich um die Tomaten im Gewächshaus.

Er musste immer etwas zu tun haben, und alles hatte ordentlich zu sein, erzählt sein Sohn. Samwell C. streicht sich über die Stoppeln in seinem Gesicht. „Mein Vater hätte mich längst aufgefordert, mich mal wieder zu rasieren.“ „Im Grunde war er deutscher als viele Deutsche“, sagt Elisabeth Meinhold-Engbers, eine Jesteburgerin, die die Familie gut kennt. „Dass dieses Land ihn abschieben wollte, konnte er sich nicht vorstellen.“

Aber so war es, und es ist nicht ausgeschlossen, dass der Familie nun noch ein neues Drama bevorsteht. Sohn Samwell darf in Deutschland bleiben. Asmik C. jedoch hat nur eine Duldung für sechs Monate, auch ihr droht wieder die Abschiebung. Der Landrat des Kreises Harburg, Joachim Bordt, hat angekündigt, sich beim Land für ein dauerhaftes Bleiberecht für die Witwe einzusetzen. „Wir sind zuversichtlich“, sagt ein Kreissprecher. Entschieden ist nichts. Samwell C. schüttelt den Kopf. Verstehen, sagt er, könne er all das schon lange nicht mehr.

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