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Sozialarbeiter sind für Obdachlose da

Langenhagen Sozialarbeiter sind für Obdachlose da

Alles nur für die Flüchtlinge? Dieser Vorwurf ertönt derzeit öfter, wenn städtische Sozialarbeiter unterwegs sind. Dass dem nicht so ist, beweist ein Blick in ein Haus am Harkenkamp. Dort bietet Heike Weiler seit 2002 Obdachlosen ein ganzes Paket an Hilfe an.

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Am Harkenkamp hat die Stadt vor einigen Jahren ein Haus für die Unterkunft von Obdachlosen gebaut.

Quelle: Rebekka Neander

Langenhagen. Die Frau mit den zwei kleinen Kindern, die war im Geiste eigentlich schon eingezogen. In dieses durchaus ansehnliche Mehrfamilienhaus am Ende des Harkenkamps. In eines dieser karg eingerichteten Zimmer mit Kochnische, Bad und zu Beginn steril verpackter Matratze.

Tat sie dann aber doch nicht. Zu verdanken hat sie dies Helmut Happe. Eigentlich müsste man seinen Fachdienst im Rathaus nicht trocken Sozialberatungsdienst nennen, sondern mit „Wunder und andere Heldentaten“ betiteln. Denn wenn ihm eine angedrohte Räumungsklage auf den Tisch kommt, hängt Happe sich ans Telefon. Solange, bis ein Einzug in die Obdachlosenunterkunft nicht mehr nötig ist. Die Kleinfamilie kam letztlich bei Verwandten unter.

Weil dass mit den Wundern aber so eine Sache ist, braucht es Heike Weiler. Die Sozialarbeiterin betreut seit 2002 am Harkenkamp sowie am Weidenbruch in Godshorn die städtischen Gebäude für all jene, die akut kein Dach über dem Kopf haben. Das ist gesetzlicher Auftrag. „Seele des Hauses“ wäre für Weiler aber zweifellos die passendere Bezeichnung. Das klingt salopp, trifft aber die Gemengelage aus sachdienlichen Tipps für den Alltag, Hausverwaltung und einem Ohr zum Zuhören samt so viel Herzenswärme, wie es professionelle Sozialarbeit zulässt.

Wenn es mit den Wundern nicht klappt, dann liegt das nicht an Happe, sagt Weiler. Dann liegt es zuweilen daran, dass all die Dramen rund um sie und ihren Kollegen miteinander verwoben sind. „Keine Räumungsklage kommt aus dem Nichts“, sagt Weiler. Und meint: Wenn das Leben in Schieflage gerutscht ist, fällt der Überblick schwer. Im wirklichen Leben eskaliert der Strudel aus Niederlagen und Hoffnungslosigkeit dann irgendwann in dutzendfach ungeöffneten Briefen, unbezahlten Rechnungen und der abgeschalteten Wahrnehmung, was zu tun wäre. „Oft sind diese Menschen nicht mehr in der Lage, sich helfen zu lassen“, sagt Weiler. Und dann nütze eben auch Happes Telefon-Marathon kaum noch.

Worum geht es? „Um Schulden.“ Unbezahlte Miete. Immer öfter aber auch um Überschuldung durch unbezahlte Telefon- und Handyrechnungen.

In der Theorie liest sich das noch recht übersichtlich: Wer zwei Monatsmieten im Rückstand ist, erlaubt dem Eigentümer den Antrag auf Räumungsklage. Deren Weg aber ist lang und kann schon mal ein Jahr in Anspruch nehmen. Eigentlich genügend Zeit für Happes Telefonate. Dass er automatisch von tatsächlich eingereichten Klagen erfährt, ist eine Langenhagener Spezialität. „Normalerweise landet so etwas in der Ordnungsabteilung“, sagt Sozialdezernentin Monika Gotzes-Karrasch. In Langenhagen aber nimmt sich der Sozialberatungsdienst diesen Problemfällen an, um das Schlimmste zu verhindern.

Schulden sind nachtragend. Und da wird die Praxis abseits der Theorie unbarmherzig. „Selbst wenn jemand eine Privatinsolvenz erfolgreich abgeschlossen hat nach sechs Jahren, bleibt der Eintrag bei der Schufa stehen“, klagt Weiler. Fatal, da der vom Bewerber vorzulegende Auszug dieses Schuldenregisters inzwischen oberstes Ausschlussmerkmal bei Vermietern sei. „Doch die sehen nur, ob es einen Eintrag gibt, nicht aber, was Ursache der Schulden war und wann sie entstanden sind.“ Wer also in jungen Jahren durch Handyrechnungsschulden einen Eintrag kassierte, wird später so leicht keine Wohnung mehr finden. „Und das ist zutiefst ungerecht“, meint Weiler. Die Vermieter, so auch die Ansicht der Dezernentin, sollten sich vielmehr auf das Urteil der betreuenden Sozialarbeiter verlassen. „Wenn wir sagen, da ist jemand auf dem richtigen Weg, dann stimmt das auch.“ Wer Weiler ein wenig lauscht bei den Geschichten aus einem guten Jahrzehnt, dem fällt ein Zweifel schwer.

Begegnet ist Weiler vielen Schicksalen. Den drei Menschen, die schon in den runtergekommenen Vorgängerbauten lebten, als Weiler ihren Dienst antrat. Darunter eine Dame, die letztlich 38 Jahre dort wohnte. „Manche Menschen finden eben hier ihre Heimat“, sagt die Sozialarbeiterin. Was die städtische Satzung dazu sagt, spiele dann auch mal eine untergeordnete Rolle. „Rausgeschmissen wird hier keiner.“

Es gibt die Menschen, die kurz einen Übergang brauchen, weil Aus- und neuer Einzug terminlich nicht zusammenpassen. Es gibt die Familie, die dort überdauert (mit fester Arbeit), bis die Rente bald erreicht ist und weil es sie danach sowieso an einen ganz anderen Ort ziehen wird.

Und es gibt dieses Paar, das schon so unendlich lange eine Wohnung sucht, seufzt Weiler. Wenn da nicht das neu geborene Baby wäre, „würden die bald wohl jede Hoffnung verlieren“. Ein Wunder täte da gut.

„Niemand muss draußen schlafen“

Wer seine Wohnung verliert, muss nicht auf die Straße. Dies sieht das Ordnungsrecht so vor. Die Stadt bietet je nach Bedürftigkeit Ein-Zimmer-Appartements an oder auch Zwei-Zimmer-Wohnungen für Familien. In einem Aufnahmegespräch wird ermittelt, welche Hilfe der Schutzsuchende benötigt. Dabei wird auch an andere Institutionen vermittelt. Dazu gehört zum Beispiel der Sozialpsychiatrische Dienst der Region, der in Notsituationen sofort zur Stelle sein kann. Zudem geht es um die Frage, ob die bedürftige Person einen Betreuer benötigt oder einen Pflegedienst. Nicht selten entsteht Obdachlosigkeit auch im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt. Wohin die Bewohner wieder verschwinden, kann die Stadt nicht immer sagen. Offiziell muss man sich abmelden. Manche, sagt Sozialarbeiterin Heike Weiler, wanderten ab in eine andere Stadt. Selten jedoch, und da schmunzelt Weiler ein wenig, auch in „andere staatliche Einrichtungen“. In keinem Fall aber, und da klingt Weiler unerbittlich, muss in Langenhagen jemand auf der Straße schlafen.

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