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Gedankenaustausch in der Moschee

Langenhagen Gedankenaustausch in der Moschee

Nach knapp 3 Stunden Gespräch, ungezählten Gläsern Tee und einem sichtbar geräumten Büfett ist klar: Der Gedankenaustausch zwischen Kritikern der Moschee, Vertretern aus Stadt und Politik und der türkisch-islamischen Selimiye Camii Gemeinde war überfällig. Und er wird nicht der letzte gewesen sein.

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Ilhan Ünsal (stehend) konfrontiert den Imam der Gemeinde, Ahmet Fatih Aydin (zweiter von rechts), mit dessen Beiträgen in sozialen Netzwerken.

Quelle: Neander

Langenhagen. Ilhan Ünsal und Esma Yatakci jedenfalls ergriffen die Chance für ihre Gemeinde beim Schopf. Auch wenn es für sie (wie auch für meisten anwesenden Gäste) weiterhin verwunderlich ist, warum die seit 30 Jahren in Langenhagen ansässige Gemeinde mit dem Bau der neuen Moschee in den Fokus öffentlicher Kritik gerückt ist. Die zwei lieferten ihren gut zwei Dutzend Gästen ein Feuerwerk an Informationen – und Selbstkritik. Sogar den beiden Angehörigen der AfD dankten die beiden Vorstandsmitglieder der Selimiye Camii Gemeinde immer wieder für durchaus kontroverse Anwürfe. „Wir haben es in der Vergangenheit eindeutig versäumt, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben“, entgegnete Ünsal und dankte dem AfD-Ratsherrn Sven Hoffmann – unter anderem auch für die von Hoffmann ausgedruckten Beiträge des Langenhagener Imams auf Facebook.

Dieser hatte sich darin mehrfach gegen Gewalt positioniert, war dabei aber einem verfälschten Foto aufgesessen und hatte sich überdies vermeintlich antisemitisch geäußert. Der Imam Ahmet Fatih Aydin bedauerte diese Missverständnisse auf Nachfrage.

Die AfD und die Frage nach der Distanz

Diesen Vorwurf erhebt die AfD bundesweit: Die islamischen Gemeinden distanzierten sich nicht ausreichend vom Terror extremistischer Attentäter. Auf die Frage, wie weit sich die Langenhagener Ratsherren von rechtsextremistischen Positionen ihrer Parteikollegen distanzierten, offenbarten Sven Hoffmann und Marc Hinz durchaus Parallelen zwischen ihnen und der islamischen Gemeinde. Eine einfache Antwort hat wohl keiner. Hoffmann bat auf Nachfrage, man möge bitte alle, auch die späteren Stellungnahmen des auch AfD-intern umstrittenen Bernd Höcke lesen. „Seine ersten Äußerungen zum Holocaust-Denkmal in Berlin waren schwierig, aber nachdem ich seine zweite Erläuterung dazu gelesen habe, kann ich es besser verstehen“, sagte Hoffmann dieser Zeitung. Hinz tat sich mit seiner Antwort schwerer. In der Zeitung lesen möchte er sie nicht. Glücklich wirkte er dabei aber nicht.

Hoffmann lässt sich durch die Streitereien seiner Partei auf Landesebene nicht aus der Ruhe bringen. Das am Ende überdeutliche Wahlergebnis für den Vorsitzenden Paul Hampel spreche doch für sich.

Nicht alle Fragen konnten an diesem Abend in dieser Klarheit beantwortet werden. Auch WAL-Vertreter Gerriet Kohls, ein erklärter Kritiker des Islams, äußerte später sein Bedauern. Tröstlich aber sei für ihn der neu gewonnene Kontakt zu der jetzt in Ankara studierenden Theologin Betül Öztürk, die sich nach ihrem Studium in Langenhagen vor allem um Frauen in der Gemeinde kümmern will.

Die Diskussion kreiste immer wieder um zwei Fragen: Distanziert sich die islamische Gemeinde ausreichend vom Terror der Extremisten? Wobei: Muss sie das überhaupt? Und welchen Einfluss hat der türkische Staat auf das Gemeindeleben? Beiden Anwürfen begegnete Ünsal sehr vehement: In Langenhagen zähle Langenhagen. „Wir beschäftigen uns hier nicht mit dem Terror in Pakistan, sondern damit, was wir hier für unsere Mitbürger tun können.“ Die Macht des türkischen Staatsoberhauptes Erdogan werde „vollkommen überschätzt“. Gleiches gelte für den umstrittenen Dachverband Ditib, der Schnittstelle zwischen den Gemeinden in Deutschland und dem türkischen Ministerpräsidentenamt.

Ein Auszug der Fragen des Abends:

Wer bezahlt den Imam?

Der türkische Staat. Dies basiert auf einem Abkommen der Bundesrepublik mit der türkischen Regierung. Anwärter müssen in der Türkei bereits seit einigen Jahren als Imam gewirkt haben. Wer einen Antrag auf Tätigkeit im Ausland stellt, muss drei Prüfungen bestehen.

Welches Mitspracherecht hat die Gemeinde bei dessen Auswahl?

Erst einmal nicht viel. Allerdings könne die Gemeinde bei anhaltenden Differenzen, ob inhaltlich oder zwischenmenschlicher Natur, beantragen, dass der Imam versetzt wird.

Welche Kosten trägt die Gemeinde?

Die Gemeinde trägt über Spenden die Kosten für die Unterkunft des Imam. Derzeit wohnt der Imam der Selimiye Camii Gemeinde in einer Wohnung über der Moschee.

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Fotostrecke Langenhagen: Gedankenaustausch in der Moschee

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Welche Rolle spielt Ditib?

Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der in Köln sitzende Bundesdachverband der islamischen Gemeinden in Deutschland. Auf seine Gründung hat vor rund 25 Jahren auch die Bundesrepublik hingewirkt. Weil dieser Dachverband Stabilität verspreche, wurden seinerzeit den Gemeinden geraten, ihm beizutreten. Seit 2009 dürfen Landesverbände gegründet werden, Niedersachsen gehörte zu den ersten Bundesländern, das mit Bremen gemeinsam einen Landesverband gründete.

Was plant die Gemeinde in der neuen Moschee?

Die Moschee selbst ist Gebets- und Gemeindehaus. Langfristig angedacht ist auch der Neubau eines eigenen Kindergartens auf dem Grundstück. Genaue Beschlüsse liegen dafür allerdings noch nicht vor.

Wie viele Mitglieder hat die Gemeinde?

160 zahlende Mitglieder stehen für rund 600 Personen, da der Mitgliedsbeitrag pro Haushalt gezahlt wird. Eine genaue Statistik zur Verteilung nach Alter und Geschlecht liegt nicht vor. Grobe Schätzungen sprechen von rund 60 Prozent männlicher und 40 Prozent weiblicher Nutzer der Moschee.

Wer kann Mitglied werden?

Jeder, der die beim Amtsgericht Hannover hinterlegte Satzung respektiert. Man muss danach beispielsweise nicht zwingend muslimischen Glaubens sein, wohl aber das Grundgesetz anerkennen.

Fragen zur Baugenehmigung: Wie viele Parkplätze braucht eine Kirche?

Wie viele Parkplätze braucht eigentlich ein Gebäude, in dem gebetet wird?  Der Neubau einer Moschee wirft Fragen auf, doch das Baurecht in Niedersachsen hat längst nicht auf alles eine Antwort.

Wenn in diesen Tagen in Niedersachsen eine christliche Kirche gebaut wird, ist eigentlich alles klar: Als Stadtteil-Kirche von örtlicher Bedeutung braucht sie pro 20 bis 30 Sitzplätze einen Parkplatz vor der Tür. Wirkt sie über die Stadtgrenze hinaus, ist mit einem Auto für zehn Plätze zu rechnen.

Was aber, wenn eine Moschee gebaut wird, wie jetzt an der Karl-Kellner-Straße? Wie ist also ein Bauantrag zu bewerten, dessen Absender ausdrücklich ein Langenhagener Moschee-Verein ist? Der Name lässt auf örtliche Bedeutung schließen, die Struktur islamischer Gemeinden aber, deren Mitgliedschaft nicht auf den Standort der Moschee bezogen ist, erzählt etwas anderes. Und genau in dieser Grauzone verfängt sich die Beschwerde des Langenhagener AfD-Ratsherrn Sven Hoffmann. Er sagt, für die neue Moschee hätten viel mehr Parkplätze ausgewiesen werden müssen.

Die erteilte Baugenehmigung sieht für das neue Grundstück an der Karl-Kellner-Straße acht Parkplätze vor. Dies basiert auf der Annahme, man benötige pro 25 Sitzplätze einen Stellplatz. „Diese Entscheidung haben wir anhand des Vereinsnamens getroffen “, erläutert Stadtbaurat Carsten Hettwer. „Aber wir haben, was selten ist, einen Auflagen-Vorbehalt eingefügt.“

Keine Parkplätze: Vor der Emmauskirche fehlen ausreichend Stellplätze für Autos, Anwohner weisen inzwischen mit Schildern auf ihre Zufahrten hin.

Quelle: Bismarck

Dieser sieht vor, dass die Stellplatz-Anzahl zu erhöhen ist, wenn sich die tatsächliche Nutzung der Moschee anders als angenommen darstellt. „Sollte die Region unsere Genehmigung rechtlich infrage stellen, müsste die Zahl auf 40 Parkplätze erhöht werden.“ Andernfalls erlischt die Nutzungsgenehmigung.

Hettwer räumt ein, dass das Baurecht die besondere Struktur islamischer Gemeinden nicht im Detail berücksichtigt. Allerdings sei der Umgang mit Kirchen insgesamt buchstäblich bemerkenswert. „Wir haben beispielsweise an der Emmauskirche gerade nach dem Neubau des Gemeindehauses eigentlich gar keinen Platz mehr für Parkplätze und werden nur noch Behindertenparkplätze vorschreiben können“, sagt Hettwer. Die Kirche sei ursprünglich als Garnisonskirche von den Soldaten aus der Kaserne zu Fuß besucht worden. „Heute ist die Nutzung vollkommen anders, aber die Kirche genießt Bestandsschutz.“

Auch bei kulturellen Veranstaltungen sind Kirchen ein Sonderfall: „Die Zahl der Zuschauer bei einer Schulveranstaltung ist in der Versammlungsstättenverordung klar reglementiert“, erläutert Hettwer. „Doch dieselbe Veranstaltung in einer Kirche sieht diese Begrenzung nicht vor.“ Ein Konzert von überregionaler Bedeutung beispielsweise in der Elisabeth-Kirche dürfte in einer Schule nicht die dieselbe Besucherzahl haben.

Was all diese Grauzonen nun für die Moschee an der Karl-Kellner-Straße bedeuten, ist offen. Die Region prüft Hoffmanns Beschwerde, schreibt Behördensprecher Klaus Abelmann auf Nachfrage dieser Zeitung. Eine Stellungnahme der Stadt sei angefragt.

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