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Wahlforum endet in Schulstreit

Langenhagen Wahlforum endet in Schulstreit

Als letzten Stimmungstest vor der Kommunalwahl nutzten rund 40 Gäste das Wahlforum des Bürgervereins für Kaltenweide (BfK). Unter den Zuhörern hielten die Kaltenweider ohne jedes politische Amt nur knapp die Mehrheit. Nach 90 Minuten konstruktiver Debatte verschärfte der Schulstreit das Klima.

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Marco Rösler und Florian Windeck (von links) modieren das Wahlforum. Auf dem Podium sitzen Andreas Eilers (WG AfL), Wolfgang Langrehr (SPD), Reinhard Grabowsky (CDU), Dirk Musfeldt (Grüne) und Dominic Veltrup (BBL).

Quelle: Neander

• Beim Streit um Schulstandort werden alte Rechnungen beglichen

• Kein Konsens zur Erweiterung des Weiherfeldes

• Kontroverse um Qualität des IKEP

Eineinhalb Stunden ging alles gut: Die Moderatoren Marco Rösler und Florian Windeck vom BfK hielten Politiker und Zuschauer in den Diskussionsregeln, die sie zuvor aufgebaut hatten. Nach dem Austausch der Argumente rund ums Weiherfeld und möglichen Aktionen für Jugendliche und Senioren nahm die zwischengeschobene Fragerunde aus dem Publikum den dritten Frageblock der Moderatoren vorweg: Wie ist es zur gegenwärtigen Überfüllung am Schulstandort Zellerie gekommen und wie kann die Situation gelöst werden?

Wie in mehreren Ortsratssitzungen tauschten alle Beteiligten des Podiums auch diesmal ihre Positionen offenkundig unversöhnlich aus, vermengt mit Behauptungen und Unterstellungen. Während vor allem Andreas Eilers (WG AfL-Kandidat und Vorsitzender des Schulelternrates) seinem Unmut über die Situation Luft verschaffte, versuchten Reinhard Grabowsky (CDU) und Wolfgang Langrehr (SPD) ein wenig Licht in die jahrzehntelange Historie zu bringen. Warum die Schulbelegungszahlen in diesem Jahr so kurzfristig gestiegen sind, blieb in Abwesenheit von Verwaltungsmitarbeitern ebenso unbeantwortet wie die Frage, ob die Ablehnung eines zweiten Grundschulbaus 2001 unter anderen politischen Mehrheiten ein Fehler war.

Langrehr appellierte an die Zuhörer, sich das Ganztagskonzept der Grundschule Engelbostel durchzulesen und den Erfahrungen der neuen Kaltenweider Rektorin Ursula Starker zu vertrauen, die bereits eine Ganztagsgrundschule geleitet hat. Dirk Musfeldt (Grüne) versuchte die Furcht vor einer Ganztagspädagogik zu nehmen. Es gebe genügend erfolgreiche Konzepte. Auch dadurch werde sich die derzeit belastende Situation der Lehrkräfte entspannen.

Musfeldt reagierte damit auf Einwendungen aus dem Publikum, die Grundschule habe viel zu wenige Lehrkräfte. Eine anwesende Lehrerin wies die Darstellung Eilers vehement zurück, seine Tochter sei inklusiv auf dem Flur unterrichtet worden. Es habe sich dabei um einen Nebenraum gehandelt. Dominic Veltrup (BBL) plädierte für einen schnellen Anbau an die Schule. Noch während letzte Zahlen verschiedener Gutachten beleuchtet wurden, verließen die ersten Zuschauer nach knapp zwei Stunden Diskussion den Raum.

Der zweite Fragenblock drehte sich um Jugendliche und Senioren. Dirk Musfeldt (Grüne) lobte die Entwicklung des Interkulturellen Erlebnisparks (IKEP). Dieser müsse weiter unterstützt werden. Für die älteren Jugendlichen sollten die Verkehrsanbindungen gestärkt werden. Vor allem unter der Woche. Für die älteren Bewohner sollen Barrieren fallen und Bänke aufgestellt werden. Ortsnahes Wohnen mit Unterstützungsbedarf wollen die Grünen ausbauen. Dominic Veltrup (BBL) kritisierte die Arbeit am IKEP dagegen scharf. Man brauche dort Sozialpädagogen, die dort dafür sorgen, dass nicht nur wenige ansagen, was passiert. Das Angebot rund ums Haus der Jugend sei nicht professionell und habe kein pädagogisches Konzept. Für Senioren brauche es Grünflächen, um sich irgendwohin zu setzen. Nicht alle wollten im Zentrum leben.

Andreas Eilers (WG AfL) lobte den Kaltenweider Platz und den IKEP. Doch die Sozialarbeiter sollten noch mehr herausholen. Theatergruppen könnten auf dem Kaltenweider Platz einmal im Monat auftreten. Eilers möchte Platz schaffen mit frei zugänglichem Internet und Erwachsenen, die den Jugendlichen bei der Netzrecherche helfen. Für Senioren solle ein Fahrstuhl am Bahnhof gebaut werden. Zudem könne dezentral urbanes öffentliches Gärtnern ausgebaut werden. Reinhard Grabowsky (CDU) lobte die Idee öffentlicher Beete. Denn Naherholung sei für die älteren Generationen wichtig. Er favorisiert zudem Bewegungsparks wie in der Kernstadt. Der IKEP sei nicht so geschaffen worden, wie es sich die CDU vorgestellt hat. Die pädagogische Betreuung reiche derzeit nicht aus.

Wolfgang Langrehr (SPD) erläuterte in der Diskussion noch einmal seine Idee des öffentlichen Gemüsegartens, die er an den Arbeitskreis Flucht des BfK herangetragen habe. Damit solle die Integration der Geflüchteten gestärkt werden. Langrehr sieht im Zentrum der Altenhilfearbeit vor allem die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Die Menschen, die nach dem Krieg im Grünen große Grundstücke gekauft haben, klagten heute darüber, der Verkaufspreis reiche nicht mehr aus, um im Zentrum eine Wohnung zu kaufen. Kritik am IKEP – seinerzeit durch das erste große Beteiligungsverfahren in Kaltenweide mit Kindern und Jugendlichen entworfen - lässt Langrehr nicht gelten. Der Bauantrag für die unlängst aufgestellten Container sei eingereicht. Die pädagogische Betreuung dort übernehme demnächst die Arbeiterwohlfahrt.

Der erste Fragenblock kreiste um die Erweiterung des Weiherfeldes: Für alle Kandidaten ist klar, dass vor einer Bebauung weiterer Flächen die Probleme am Schulstandort gelöst werden müssen. Wolfgang Langrehr (SPD) sprach sich klar gegen eine kurzfristige Vermarktung aus, plädierte aber für einen Kauf der Flächen. Die Stadt müsse sich Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. Dirk Musfeldt (Grüne) hält das Weiherfeld derzeit für keine Option. Dominik Veltrup (BBL) zeichnete ein Bedrohungsszenario: Eine Ausweitung führe langfristig zum Bau einer Umgehungsstraße in Richtung Isernhagen, die letztlich auch Schwerlastverkehr ins Dorf hole. Andreas Eilers (WG AfL) bezweifelt, dass der derzeit favorisierte neue Standort der Feuerwehr an der Wagenzeller Straße noch zentral genug liege, wenn Kaltenweide weiterhin ausgeweitet würde. Reinhard Grabowsky (CDU) lehnt eine Ausweitung ebenfalls ab und plädiert für die Bebauung von Baulücken. Zudem gebe es bessere Flächen am Ortsrand, die von der Stadt gekauft werden sollten.

Im Publikum wurden Zweifel geäußert am Statement der Stadt, sie kaufe Grundstücke auf Vorrat und werde sie nicht sofort bebauen. Langrehr und Musfeldt versuchten diese Handlungsstrategie von Kommunen zu erläutern. Dies sei nicht mit dem Handeln von Privatpersonen zu verwechseln. Grabowsky will nichts versprechen. Wie die Stadt zu welchem Zeitpunkt handeln müsse, stehe in den Sternen. Die Stadt müsse Bevorratungswirtschaft betreiben.

Nach der Vorstellungsrunde hatten alle Kandidaten zuvor die Möglichkeit erhalten, in zwei Minuten ihre politischen Schwerpunkte vorzustellen. Reinhard Grabowsky (CDU) spricht sich für die Wahlmöglichkeit zwischen Hort und Ganztagsgrundschule aus. Das Weiherfeld soll erweitert werden, wenn die Infrastruktur an der Zellerie für die Kinder ausgebaut worden ist. Wolfgang Langrehr (SPD) berichtet von seinen ungezählten Diskussionen über den Schulstandort. Alle Probleme dort müssen gelöst werden, betont Langrehr. Überdies rückt er die verkehrlichen Probleme für Fußgänger und Radfahrer mit ins Zentrum. Zudem müsse preiswerter Wohnraum in Kaltenweide geschaffen werden. Langrehr dankt dem BfK für die Arbeit rund um die Integration der Geflüchteten.

Dirk Musfeldt (Grüne) sieht einen parteiübergreifenden Konsens im Ortsrat bei den zentralen Problemen. Die Grundschule solle ein Konzept für eine Ganztagsbetreuung erarbeiten. Die bauliche Situation müsse dafür geschaffen werden. Die Feuerwehr soll dazu schnellstmöglich umziehen. Im Dorf gebe es überdies derzeit keine barrierefreien Bushaltestellen. Dies gelte es zu ändern. Das stationäre Angebot am Interkulturellen Erlebnispark (IKEP) soll ausgebaut werden. Das Bestattungsangebot auf dem Friedhof soll bedarfsgerecht verändert werden. Dominic Veltrup (BBL) konzentriert sich auf den Schulstandort. Die bisherige Denkweise könne die Probleme nicht lösen. Veltrup zählt noch einmal alle Reibungspunkte an der Zellerie. Zudem warnt Veltrup vor einer mangelhaften Jugendarbeit. Auch deshalb dürfe Kaltenweide nicht erweitert werden.

Andreas Eilers (WG AfL) lehnt explizit die Ganztagsschule ab. Der Wille der Eltern und der Bürger von Kaltenweide solle respektiert werden. Zwei Drittel der Betroffenen lehnten die Ganztagsschule ab. Vielmehr solle es in Kaltenweide eine eigene weiterführende Schule geben. Damit solle die Problematik im Stadtzentrum entlastet werden. Denkbar sei in Kaltenweide zudem eine Schule unter freier Trägerschaft. Eilers beklagt, es fehle in Kaltenweide ein zweiter Kinderarzt.

Kontroverse Vorgeschichte

Damit sind jene Themen ins Zentrum gerückt worden, die Kaltenweide in den vergangenen Monaten kräftig aufgewirbelt haben: Die Überfüllung der Zellerie durch Feuerwehr, Kinderbetreuung und Schule sowie die von der Stadt angedachte Erweiterung des Weiherfeldes in Richtung Nordosten. Für die Zellerie liegt seit vergangener Woche nun ein Ratsbeschluss vor. Auf einstimmige Empfehlung des Ortsrates sowie des Jugendhilfe- und des Bildungsausschusses hat der Rat mehrheitlich folgende Eckpunkte verabschiedet: Die Feuerwehr bekommt einen Neubau, aller Voraussicht nach auf dem Gelände des ehemaligen NP-Marktes an der Wagenzeller Straße. Das Gebäude war bis Ende dieser Woche eine Notunterkunft für Geflüchtete, steht aber nun wieder leer. In das Kinderhaus, das bis September 2017 bezugsfertig sein soll, werden vier Hortgruppen wechseln. Anstelle des abzureißenden Feuerwehrgerätehauses soll ein neues Gebäude für Schulnutzung und Kinderbetreuung entstehen. Bis Ende September soll die Stadt eine grobe Planung für diese Ideen vorlegen. Unklar ist, ob die Grundschule unter Leitung von Ursula Starker ein Konzept für eine Ganztagsgrundschule vorlegen soll.

Beim Weiherfeld ist die Situation etwas komplizierter: Die Region Hannover hat bereits grundsätzlich signalisiert, einer Entlassung des angedachten Areals aus dem Landschaftsschutzgebiet nicht im Wege zu stehen. Die Stadt will den Grund jetzt kaufen, da es derzeit für einen annehmbaren Preis möglich sei. Eine Vermarktung soll erst erfolgen, wenn die Infrastruktur - vor allem bei der Kinderbetreuung - gewährleistet ist. In Kaltenweide ist das Echo sehr durchwachsen. Die See-Städte fürchten ein Zusammenwachsen mit dem Dorf. Die derzeitigen Eltern an der Zellerie warnen vor dem Kollaps. Und der Nabu stemmt sich vehement gegen die Teillöschung aus dem LSG. Gleichzeitig liegt ein einstimmiger Ratsbeschluss vor, in dem langfristig diese Erweiterung bereits vorgesehen ist. Denkbar ist, dass die Stadt nach der Kommunalwahl einen erneuten Vorstoß zumindest für den Kauf der Flächen im Rat unternehmen wird.

Neulinge auf dem Podium

Die Vorgeschichte dieses Abends klingt wenig harmonisch. Seit Monaten behaken Politiker und Bürger sich vor allem in der Diskussion um die zwei Kernthemen des Dorfes. Diverse Ortsratssitzungen mit mehreren Dutzend zum Teil heftig erboster Anwohner sind ins Land gegangen und hinterließen durchaus Spuren: Zum einen zog Bürgermeister Mirko Heuer noch in einer dieser Zusammenkünfte schlicht das Vorhaben im Weiherfeld wieder zurück - sicht- und hörbar entnervt vom Verlauf und Tonfall der Diskussion.

Zum anderen entschloss sich Schulelternratsvorsitzender Andreas Eilers in diesem Sommer, sich nun selbst zur Wahl für Stadt- und Ortsrat zu stellen. Eilers hat sich dafür der Wählergemeinschaft Alternative für Langenhagen um den einstigen FPD-Ratsherrn Bernd Speich angeschlossen. Eilers organisiert seit Monaten in Kaltenweide den Protest der Eltern gegen die Einführung einer offenen Ganztagsgrundschule. Zuletzt hatte er in Kooperation mit dem Schulelternrat eine Elternumfrage initiiert, die jedoch ob ihrer tendenziösen Fragestellung und einem Einleitungstext mit falschen Tatsachenbehauptungen durchaus auf Kritik im politischen Umfeld gestoßen ist. Dass Eilers an diesem Sonnabend nun in doppelter Funktion auf dem Podium sitzt, stößt auch bei den Kaltenweidern nicht nur auf Gegenliebe. In der Diskussion begleitet ihn ein weiterer Politk-Neuling, ebenfalls ein Gegner der Ganztagsschule: Dominic Veltrup tritt für die BBL an und ist seit einigen Monaten regelmäßiger Gast in den Fachausschüssen des Rates, um dort über seine Fragen bereits seine politischen Ansichten zu unterbreiten.

Auf dem Podium sitzt für die SPD, die derzeit im Ortsrat die Mehrheit stellt, der Ortsbürgermeister Wolfgang Langrehr. Der pensionierte Polizeibeamte ist auch Ratsmitglied und fungiert dort unter anderem als stellvertretender Vorsitzender des Betriebsausschusses für das neue Schwimmbad. Ihm zur Seite sitzt auf Podium wie auch in Stadt- und Ortsrat Reinhard Grabowsky (CDU). Grabowsky war Vorsitzender des Schulfördervereins und ist derzeit Stadtverbandsvorsitzender der Christdemokraten und Vorsitzender der Fluglärmschutzkommission. Für die Grünen wird Dirk Musfeldt Rede und Antwort stehen. Musfeldt gehört ebenfalls dem Rat der Stadt an und ist dort Fraktionsvorsitzender. 

Bürgerverein wappnet sich für turbulenten Abend

Der Bürgerverein hat deshalb für den Abend außerordentlich strikte Regeln aufgestellt. In insgesamt drei Frageblöcken sollen die Redner jeweils zwei Minuten Redezeit haben. Nachfragen durch das Publikum sind erlaubt. Die Moderatoren Marco Rösner und Florian Windeck gaben sich vor Beginn der Veranstaltung entschlossen, diese Regeln auch durchzusetzen. Mit gelben und roten Karten solle die verbleibende Redezeit signalisiert werden. Sollten persönliche Beleidigungen vorgetragen werden, können die Redner darauf reagieren. Wahlwerbung ist im Umfeld der Veranstaltung untersagt. Die Fragen hatten die beiden Vorsitzenden des BfK unter anderem über soziale Medien unter den Kaltenweidern gesammelt.

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Von Rebekka Neander

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