Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Flügel-Liebe auf den ersten Blick

Langenhagen Flügel-Liebe auf den ersten Blick

Es war Liebe auf den ersten Blick: Seit nunmehr zwölf Jahren spielt der Langenhagener Winfried Fritz den Flügel im Rathaus, wann immer dieser frei ist. Zuhause kann der 81-Jährige kein Klavier aufstellen. Und im Rathaus freut man sich über die Musik und die Pflege des wertvollen Instruments.

Voriger Artikel
Im Leopardenkostüm auf die Rathaustreppe
Nächster Artikel
Beraterin soll Polizenachwuchs finden

Winfried Fritz spielt auf dem Flügel im Rathaus, wann immer dieser frei ist. Am Abend der Kommunalwahl beglückte er damit auch so manchen Wahlhelfer.

Quelle: Neander

Langenhagen. Manche Menschen sind unsichtbar. Erst wenn sie einem förmlich direkt vor die Nase gespült werden, wird klar: Irgendwie waren sie schon immer da.

Winfried Fritz ist so ein Mensch. Eher klein von Statur, leise in der Stimme, fast unhörbar im Auftritt. Es sei denn vielleicht, er sitzt im Rathaus am Flügel. Das tut er oft. Nur leider steht der Flügel dann meistens wahrlich niemandem im Weg. Aus dem Weg geräumt wartet er am Rande des Ratssaals auf seinen Einsatz. Und das eben ist der Einsatz für Winfried Fritz. Selten kommt beides zusammen: Dann hat der Flügel seinen offiziellen Auftritt - und Fritz darf in seine Tasten greifen.

Wer dann denkt: Mein Gott, wer ist denn dieser nette Pianist? Der sollte Fritz einfach einmal ansprechen - und gleich ein paar ruhige Minuten mitbringen. Denn die Geschichte dieses Bündnisses ist eine ganz eigene.

Rund zwölf Jahre ist es her, dass sich die Stadt Langenhagen einen neuen Flügel kaufte. Just am Tag der durchaus aufwendigen Anlieferung war Fritz - wie eigentlich an jedem Tag - zu Fuß in der Stadt unterwegs. Sein Jahrgang 1935 ist dem einst gelernten Chemielaboranten nicht wirklich anzusehen. Als Fritz den Flügel durch die Tür des Ratstraktes rollen sah, folgte er mit ihm einem längst schmerzlich begrabenen Kindheitstraums: bitte endlich wieder Klavier spielen zu dürfen.

Im Rathaus lief Fritz in die Arme von Peter Probosch, seines Zeichens Abteilungsleiter Kultur. "Ich fragte den Mann, ob ich mir den Flügel ansehen darf", erzählt Fritz leise. "Und der Mann fragte zurück, ob ich denn darauf ein Lied spielen könne." Nun. Er konnte. Da fasste sich Fritz ein Herz: Ob er denn den Flügel spielen dürfe, wenn ihn sonst keiner benötigte. Nun. Er durfte. Und darf es seither. Denn auch Probosch ist damit eine Sorge los: Dass sich das teure Instrumente stetig verstimmte, wenn ihn doch keiner regelmäßig nutzt.

Für Fritz beendete dieses eigenwillige Engagement eine jahrelange Durststrecke. Erlernt hat er das Klavierspiel als Achtjähriger. Als er mit seinen Eltern ein paar Jahre später umziehen musste, blieb für das Instrument in der neuen Wohnung kein Platz mehr. Dies änderte sich auch Jahrzehnte später nicht, als Fritz nun mit seiner Ehefrau nach Langenhagen zog. Erst im Juli 1992 räumte ihm die Elia-Gemeinde die Möglichkeit ein, auf dem dortigen Flügel zu spielen. Ein Intermezzo, das Fritz jedoch neun Monate später wieder beendete. Zuviel Kirche, zu wenig Musik. Mehr möchte Fritz heute nicht mehr dazu sagen.

Seit zwölf Jahren nun ist Fritz dem Rathaus-Flügel treu. Buchstäblich. "Mir wurde auch schon angeboten, woanders zu spielen", erzählt er bescheiden und fügt die Ablehnung sogleich hintenan. Gleiches gilt für das ausrangierte Klavier, das ihm ein Gönner schenken wollte. "Ich habe aber doch gar keinen Platz."

Was er nun im Rathaus dann und wann spielt, entspringt meist den heimischen Schallplatten, alten Tonbändern oder Notentexten. "Diese Lieder habe ich dann bearbeitet, indem ich zu den Melodien nach Gehör so lange versucht habe die passenden Harmonien ausfindig zu machen, bis sie mir gefielen." Die Schlager der heutigen Zeit, die gefallen ihm ebenso wenig wie das, was im Radio läuft. "Das ist doch Hottentotten-Musik." Fritz hält es eher mit den russischen Komponisten, "und sowieso eher in moll".

Warum er nie Musiker geworden ist? "Das weiß ich nicht." Es klingt, als wäre die Frage vollkommen abwegig. "Ich weiß gar nicht, ob ich ein Musikstudium überhaupt geschafft hätte." Wer ihm widersprechen mag, muss im Rathaus nur die Ohren aufmachen. Am Dienstag, 1. November wird Fritz wieder eine Ausstellungs-Eröffnung begleiten - dieses Mal die von Marion Seewald.

Von Rebekka Neander

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Schulzentrum Langenhagen

Nahezu vollständig müssen das Gymnasium und ein Teil der IGS abgerissen und neu gebaut werden, weil der Brandschutz nicht gewährleistet ist. Mehr zum Schulzentrum Langenhagen lesen Sie hier. mehr